, sie dem Ueberbringer zu entreißen , da im Gegentheile ein Mann von Ehre die ihm anvertrauten Dinge wenigstens mit in sein Grab nimmt , ohne sie zu verrathen , wenn selbst Tod oder Gefangenschaft ihn hindern sollte , sie gehörigen Orts mitzutheilen . Der König hatte mich sehr freundlich , sehr wohlwollend entlassen , und ich dachte in diesem Augenblick am Wenigsten an unsern sich räthselhaft verbergenden Verwandten , als ich im Vorsaale plötzlich auf ihn stieß und wir uns ganz nahe gegenüber standen , indem er in demselben Augenblick durch eine Thüre in den Saal trat , während ich mich durch dieselbe entfernen wollte . Er war bei meinem Anblick sichtbar überrascht , doch hatte er im Augenblick seine Fassung wieder gewonnen und schien eben so schnell den Entschluß gefaßt zu haben , mir nicht mehr ausweichen zu wollen , da dieß , ohne sehr auffallend zu handeln , nicht mehr geschehen konnte . Dieß alles war die Sache eines Augenblicks , und ich wollte ihn eben anreden , als sein gutes Geschick ihn abermals und vielleicht auf immer von mir erlöste , denn indem ich ihn anreden wollte , winkte ein Kammerherr des Königs ihn in die inneren Zimmer desselben hinein . Sichtbar beruhigt schlüpfte der Verlegene mit einer leichten Verbeugung bei mir vorbei , um dem ihn befreienden Winke zu folgen , und ich trat meine Reise nach Vittoria an , ohne etwas Näheres von diesem räthselhaften Baron erfahren zu haben . Als der Graf diese Mitteilung St. Juliens aufmerksam gelesen hatte , wurde ihm seine frühere Vermuthung zur Gewißheit , daß nämlich in jenem dem alten Lorenz gemeldeten Duell nicht dessen unwürdiger Sohn , sondern der Baron geblieben sei , dessen Name nun von dem jungen Lorenz benutzt worden sei , um sich in Verhältnisse zu drängen , die ihm auf andern Wegen wahrscheinlich unerreichbar geblieben wären . Der Graf überlegte , ob es nicht seine Pflicht sei , Schritte zu thun , um einen Betrug zu enthüllen , der vielleicht eine liebenswürdige Frau zur Beute eines Abendtheurers machte , denn dieß war doch eine ausgemachte Sache , daß dieser Don Fernando der Bruder seiner Gattin nicht war , wenn er selbst nicht der junge Lorenz sein sollte . Um aber ganz sicher zu gehen und Niemanden ohne Noth zu beleidigen , beschloß er auf jeden Fall vorher genaue Erkundigungen einzuziehen , ob etwa noch ein anderer Baron Schlebach lebe und sich in Spanien aufhalte , der Gräfin aber nichts davon zu sagen , daß er überzeugt sei , der Bruder , dessen Rückkunft sie zuweilen fürchtete , ruhe schon längst im Grabe . Die Sorge um den geliebten Sohn schob bald jede andere Betrachtung in den Hintergrund der Seele zurück , denn in Spanien entwickelten sich Kämpfe und Gefahren , die für sein Leben täglich zittern ließen , und wenn die Freude das Herz auf kurze Zeit bewegte und die Augen entzückt auf den Zügen der geliebten Hand ruhten , so wandelte die Betrachtung gar bald die Tropfen der Freude in Zähren der Wehmuth , denn wenn sich auch die Eltern und die Geliebte an diesen Briefen erfreuten , die heitere Gesundheit und zärtliche Liebe athmeten , so war doch schon ein langer Zeitraum seit ihrer Abfassung verstrichen und in dieser langen Zeit konnten Gefechte genug vorgefallen sein , die das theure Leben gefährdet hatten . So nahte der Winter trübe und traurig . Der Herbst hatte die Hoffnung gewährt , daß wenigstens die dumpfe Ruhe des drückenden Friedens in Deutschland bestehen könne , aber auch diese Hoffnung war entschwunden und Oestreich rüstete sich zum erneuerten Kampfe . Napoleon entwickelte eine bewundernswürdige Thätigkeit . In kurzer Frist war ein sieggewohntes Heer vereinigt , und das traurige Schauspiel sollte sich erneuern . Deutsche sollten wieder gegen Deutsche kämpfend erblickt werden , und die deutsche Erde sollte von Neuem das Blut der eigenen Kinder trinken und in ihrem Schooße die Leichen ihrer von deutscher Hand erschlagenen Söhne verbergen . Nicht alle französischen Truppen hatten aus Spanien hinweg gezogen werden können , aber unter denen , die an den Rhein beordert waren , befand sich das Regiment , in welchem St. Julien diente , und Eltern und Geliebte hatten wenigstens den Trost , ihn sich näher zu wissen . Niemals war die Hoffnung so allgemein , so lebendig gewesen , als nach Oesterreichs Kriegserklärung ; vielleicht nur , weil der Druck , unter welchem die Völker seufzten , immer lästiger , ihr Unglück immer schmerzlicher wurde . Aber wie dem auch sei , es konnte dem Beobachter nicht entgehen , daß es nur einer siegreichen Schlacht bedurft hätte , und ein großer Theil Deutschlands hätte sich schon damals dem österreichischen Heere wider Napoleon angeschlossen ; aber die Schlachten gingen verloren , und unaufhaltsam , wie ein reißender Strom , drangen Napoleons Heere vorwärts . Alle Hoffnungen , die man damals auf Oesterreich setzte , gingen unter , und auch die laut mit Frankreich Krieg verlangende Berliner Jugend verstummte , denn ihr Held , in dem sie den Erretter , den Befreier Deutschlands zu sehen wähnte , war gefallen , mit Heldenmuth zwar , aber für sein Vaterland völlig nutzlos , und die Ueberreste seiner tapfern Schaar , die nicht so glücklich waren , entfliehen und sich verbergen zu können , fielen einem Feinde in die Hände , der sie nicht mit großmüthiger Schonung behandelte , sondern sie das härteste Schicksal erdulden ließ . Wer auch von Schills gewagtem Unternehmen nicht die Hoffnungen hegte , die seine lauten Bewunderer aussprachen , mußte dennoch das unglückliche Ende eines Mannes schmerzlich beklagen , der Gutes und Großes wollte , aber seine Zeit mißverstand und deßhalb der Zeit vorgriff . Die Gräfin und Emilie lebten in dieser Zeit in qualvoller Angst . Dem Grafen selbst bangte für den geliebten Sohn , und alle Gründe , die er anführte , um die Frauen zu beruhigen , verloren ihre Kraft , weil man zu deutlich fühlte , daß er die Hoffnungen , die