werden Ritterlichkeit genug besitzen , um von seiner Verfolgung abzustehen . “ Sie lehnte sich einer Ohnmacht nahe an den Türpfosten . „ Ernestine , “ erwiderte Johannes sich gewaltsam fassend , „ Sie stellen meine Geduld auf eine harte Probe . Doch immer noch vergebe ich Ihnen , denn — Sie sind eben ein Weib ! “ Ernestine fuhr auf bei diesem Wort . Er machte eine abwehrende Bewegung . „ Sie sind ein Weib , leicht bestimmbar , leicht zu täuschen — und Ihr Oheim hat das zu nützen gewußt . — Sie ahnen immer noch nicht , was Sie tun , wenn Sie sich diesem Schurken anheimgeben . Ich glaubte , Ihnen gestern die Augen geöffnet zu haben , aber ich beging einen Fehler , ich machte Sie sehend , aber ich lehrte Sie nicht begreifen , was Sie sahen . Ich will es nachholen , will das Letzte versuchen und Ihnen sagen , was die Beweggründe zu der Handlungsweise Ihres Oheims waren . “ „ Ich teilte Ihnen bereits mit , “ erwiderte Ernestine , „ daß ich diese kenne , ich bedarf keiner weiteren Erklärung . Er hat gefehlt , schwer gefehlt , wer will es leugnen ? Er selbst nicht ! Aber er hat sich mir gewidmet mit einer Hingebung , wie sie wohl selten ist in unserer Welt des Egoismus . Er hat für mich gelebt , seit ich denken kann und alle seine Vergehen entsprangen der Sorge , mich zu verlieren . Sie mögen das unglaublich finden — weil Sie von Ihrem Standpunkte aus nicht begreifen werden , wie ein Mann in dem Interesse für einen weiblichen Geist aufgehen kann . Ihnen erscheint ein Leben , welches sich nur auf den geistigen Verkehr mit einer Frau beschränkt , als eine Unmöglichkeit ; deshalb bezüchtigen Sie den Mann , der ein solches jedem andern vorzieht der Falschheit . Ich weiß daher Alles , was Sie mir zu sagen haben können , und verzichte darauf , es zu hören . “ „ Ernestine , “ rief Johannes empört , „ Sie werden mich hören oder , so wahr Gott mir helfe — ich kenne Sie nicht mehr von dieser Stunde an ! “ Er schwieg einen Augenblick . Ernestine hatte betroffen die Wimper gesenkt und schien des Weiteren zu harren . „ Ja denn , ja — Sie haben vollkommen Recht : Es erscheint mir als eine Unmöglichkeit , daß ein Mann den einzigen Schwerpunkt seines Daseins in die Erziehung einer Frau verlege . Ich bin ein Mensch , der zu lieben vermag wie Einer — Sie wissen , daß ich Sie liebe , und wenn ich Sie besäße , ich würde Sie anbeten , würde Ihnen gehören mit Leib und Seele , treu und unwandelbar bis an mein Ende . Aber in der Liebe zu Ihnen aufgehen , mit all meinen Interessen und Lebenspflichten , in dem süßen Müßiggang mit Ihnen erschlaffen für jede männliche Berufstätigkeit — das würde ich nicht , wie wahr und heiß ich Sie auch liebe . Das ist Sache der Frau , nicht des Mannes , der neben seinen persönlichen auch Pflichten für die Öffentlichkeit hat . Einem Manne , der aus bloßer Verwandtenliebe ein solches Leben zu führen vorgibt , dem glaube ich nicht . Er hat irgend einen Sonderzweck dabei und ich werde Ihnen beweisen , daß der Ihres Oheims ein nichtswürdiger war , daß er , um ihn zu erreichen , Verbrechen an Ihnen beging , die nur Gott zu bestrafen vermag . Er ist ein Erbschleicher — ein Mörder an Leib und Seele . Halten Sie sich noch wenige Augenblicke ruhig — ich werde diese furchtbare Anklage begründen . Der Diebstahl , den er an Ihrem Vermögen verübt , war das Ziel , das er verfolgte , seit er Ihr Vormund ist . Der Besitz dieses Vermögens scheint die fixe Idee seines Lebens zu sein , denn er ließ es sich von Ihrem Vater testamentarisch verschreiben und gönnte Ihnen trotz seiner Zärtlichkeit nichts als das gesetzliche Pflichtteil . Heim brachte Ihren Vater dazu , das Testament umzustoßen und Sie wieder in Ihre Rechte einzusetzen . Er verfuhr dabei nicht energisch genug , denn das Dokument ließ den Wünschen des Betrügers noch immer zu viel Raum . Er wollte um jeden Preis das Verlorene wieder gewinnen und die Verhältnisse waren diesem Streben günstig . Ihr Vater hat , wie Sie aus der Abschrift ersehen können , in seinem Testament die Bestimmung getroffen , daß , wenn Sie unverheiratet sterben , Ihr ganzes Vermögen an Gleißert oder dessen Kinder fallen müsse . Als Ihr Vater verschied , standen Leutholds Sachen günstig , denn die kleine Ernestine war ein so zartes , kränkliches Kind , daß er sich in der süßen Gewißheit wiegte , der schwache Lebensfaden , an dem sein Erbe hing , werde baldigst reißen und das Letztere ihm in den Schoß fallen . Da spielte ihm die kleine , stille Ernestine den verteufelten Streich , sich zu erholen und zu gedeihen . Körper und Geist erstarkten gleich rasch bei dem ungewöhnlichen Kinde ; die Hoffnung auf sein Ende rückte immer weiter hinaus , aber die Hoffnung auf sein Geld ließ sich nicht so leicht aufgeben . War das Erbe unsicher , so wollte man sich wenigstens der Person versichern , an welcher es hing und Sie , Ernestine , vor allen Dingen vom Heiraten abhalten , weil Ihrem Oheim ja das Kapital nur zufiel , wenn Sie ledig starben . Sie mußten also von der Welt abgesperrt und , damit Sie dieselbe nicht vermißten , Ihrem umfänglichen Geiste eine andere , eine Gedankenwelt erschlossen werden . Deshalb verschwieg er Ihnen so ängstlich , daß Sie mündig sind , damit es Ihnen nicht einfiel , sich von dem Druck Ihres strengen Gewahrsams befreien und unter Menschen gehen zu wollen . — Dies war der Plan , nach dem Sie gebildet wurden , dies der Grund für die zärtliche Sorgfalt Ihres Oheims . Die Zeit und