braucht ? Würden wir einen Staat erhalten ohne sie ? Mein moralisches Gefühl , das , was man innerste Ehre nennen kann , verlangt jetzt gerade von mir die größte Milde , weil ich selbst hart betroffen bin und die Rache mir etwas Unehrenhaftes dünkt . Die Gefängnisse selbst anbelangend , würde ich eine unabhängige Kommission der Humanität im Staate errichten , welche die Gefängnisse kontrollierte , und , unabhängig vom Gericht und von der Regierung , wenn auch mit Rücksicht auf den jedesmaligen speziellen Fall des Gefangenen , verfügte . Die Untersuchungsarreste sind der wunde Fleck ; sie erheischen strengste Aufsicht und sollen doch noch nicht strafen , meist sind sie aber schmerzhafter als der Strafarrest ; jedenfalls sind sie zu sehr über einen Leisten und dem mitbeteiligten Untersuchungsrichter zu sehr überlassen , der zur Erreichung seiner Zwecke seine Torturgrade dadurch in der Gewalt hat . Du siehst , das ist ein bloß Administratives und hat mit der Staatsspekulation im großen gar nichts zu schaffen , man hält sich eben immer an das Nächste , wenn man klug wird . Wäre ich das früher geworden , dann säße ich schwerlich im Loche . Alle Kenntnis und Förderung sonstiger Politik ist mir jetzt benommen , die Politik selbst also liegt tot in mir ; ich möchte auch nie einen Staat aus dem Gefängnisse erfinden . Ist die politische Fluktuation der neuen Zeit ein Übel , so ist sie ' s eben darum , weil man den Staat erfinden will , statt ihn werden zu lassen , wachsen zu machen . Soll er echt sein , muß er sich historisch entwickeln wie der Mensch , wie die Pflanze . - Es ist wieder ein großes Ereignis dagewesen : man hat mir einige von den Büchern gegeben , die ich mitgebracht habe . Freilich hab ' ich sie schon gelesen , aber es sind doch Bücher , ich werde doch überall wieder Mensch ; hinter der Wand eine halbe Gesellschaft , auf dem Tische ein gedrucktes Buch ! Welcher Fortschritt ! Schlegels Philosophie der Geschichte ist dabei , ein Buch , welches zur Demütigung der Menschen geschrieben ist - wozu hätte mir Gott den Stolz und die kühne Kraft gegeben und damit soviel des Besten verwoben , wenn ich sie nur vernichten sollte ? Ich fühl ' s , einen größeren Gott zu haben , dem mein Bewußtsein irgendwelcher Tüchtigkeit wohlgefällig ist . Auch in meiner Verlassenheit überhebe ich mich dieser kläglichen Ansicht des entmutigten Schlegel . Aber ich finde in dem Buche Beschreibungen der indischen Einsiedler und Heiligen , welche mir von großer Beschäftigung sind , weil sie auch mit der äußersten Einsamkeit zusammenfallen . Was kann der Mensch , den ein fanatischer Glaube , treibt ! Ich erschrecke davor ; wie klein sind wir , denen die skeptische Kultur jeden solchen unerschütterliches Anhalt genommen ; ein guter Fanatiker erobert ein Stück Gottheit und ein Stück Tier zugleich . Diese Leute stellen sich auf die Einsamkeit eines hohen Postamentes , mitten in die verzehrende indische Sonne hinein , strecken den Arm in die Höhe , bis er erstarrt , verwächst in dieser Richtung , sehen in die blendenden Sonnenstrahlen unverwandt , bis die Augen erblinden , und denken nur den Gottesgedanken , um ganz in die Gottheit zu versinken , was ihnen denn wohl am Ende gelingt , denn welcher Menschengeist versänke nicht am Ende dabei ! So werden sie wirklich halbe Bildsäulen , die Vögel bauen Nester auf ihnen , die Wallfahrer beten im Anschauen dieser Heiligen ! Und ich kann zehn Schritte umhergehen , kann liegen , kann sitzen , denken , was ich will : wie bequem hab ' ich ' s neben dieser Menschenart , und doch sind ' s auch Menschen . Ich stelle mich jetzt manchmal eine Zeitlang unter meine Fensterblende , sehe in den Himmelsstreifen , strecke den Arm aus , denke einen Gedanken , bis ich wirblig werde und erschöpft zusammensinke . Dann empfinde ich , daß mein Los noch beneidenswert ! Welch ein kalter Strom hat sich wieder an meine Einsamkeit hergewälzt ! Ich habe kaum Fassung , Dir zu schildern . Gestern kam der entschlossene , klirrende Schritt des Ordonnanzsoldaten neben unserem Wächter den Korridor entlang , und über jeden von uns legte sich das atemlose Beben , daß der Schritt vor seiner Zelle halten , seinen Namen rufen werde - das ist so schreckhaft ! Denke Dir , wie sehr unsere Nerven schon zerstört sind : das Verhör allein kann uns fördern , den traurigen Zustand ändern , wenn nicht in einen besseren verwandeln , denn im schlimmsten Falle ist Strafgefängnis eine Erholung gegen den Untersuchungsarrest - und doch fürchten wir alle das Verhör , wenigstens die Ankündigung desselben , das Klopfen , den Namensruf , das hastige Ankleiden , den Gang durch die dunklen Korridore . Wenn man den Tritt der Ordonnanz hört , da wünscht man stets , er möge vorübergehen , man denkt an den Henker , welcher ein Todesurteil bringt , und bebt . Nur Ungestörtheit , unbeachtetes Zusammenkauern in den traurigen Kerkerschmutz wünscht die furchtsame Seele - so wird die Furcht in Körper und Seele gebracht , wie man den Mut hineinbringen kann ; ich habe jetzt eine deutliche Vorstellung von den Blödsinnigen , welche in den Winkel kriechen , sobald sich ihnen irgend etwas naht . Du glaubst nicht , wie sehr man , wie krampfhaft man die Erinnerung an einen stolzen Menschen , der man einst war , zusammenhalten , in sich hinein klammern muß , um nicht der kläglichste Wicht zu werden ! Der Sporenschritt des Ordonnanzsoldaten hielt still vor meiner Türe , mein Atem stockte und jagte ; es ward geklopft , mein Name ward gerufen - wir schritten durch den Korridor . Die Ordonnanz ist ein bärtiger , freundlicher Mann , er sagte , ich sei sehr blaß geworden , und mein Bart sei lang , sehr lang - er hat mich seit mehreren Monaten nicht ins Verhör geholt .