hatten . Und heute bringt der Silberpage , der in der Morgenfrühe ordentlich schlafen gegangen ist und mittags seinen Freund abholen wollte - denn beide sind Zöglinge unserer Akademie und arbeiten nebeneinander - , heute nachmittags bringt er jenen Brief hier hinaus , wo er den Freund aufgesucht hat . In dem Briefe steht , daß auch die Straße , darin jener geboren und seine alternde Mutter wohnt , bereits in Asche liegt und die Mutter ohne Obdach ist . Ich lasse durch Herren Erikson in der Eile weitere Nachfrage halten . Der blutjunge Mensch , ungewöhnlich begabt , ist in ungewohnt frühem Alter hierhergesandt worden , um mit Hilfe einiger geringer Sparmittel sich frühzeitig emporzubringen , ein Wagnis , welches sich bis jetzt durch den glücklichen Fleiß des Schülers zu rechtfertigen schien . Nun ist alles in Frage gestellt ! Nicht nur sind vielleicht die Existenzmittel durch das Feuer für immer verloren , sondern der arme Gesell kann im Augenblicke nicht einmal hineilen und sein Mütterchen in dem Elend und Wirrsal aufsuchen , weil er die paar Taler , die hiezu dienen würden , an die Kosten dieses Karnevals gewendet hat , überredet von andern , die seine glückliche Knabengestalt nicht entbehren mochten ! und weil er ohnedies gerade einer Sendung von Hause entgegensah , die nun nicht kommen kann . Und eben über seinen vermeintlichen Leichtsinn macht er sich die bittersten Vorwürfe und will in Selbstanklagen vergehen , wie wenn er das entsetzliche Feuer selber angezündet hätte ! Ich habe den unseligen Pagen , dem das Goldausstreuen so schlecht bekommen ist , sogleich veranlaßt , nach seiner Wohnung zu gehen und seine Sachen zu packen ; allein mich dünkt , man sollte trachten , daß er auch wiederkommen und weiterlernen kann , sobald das Mütterchen versorgt und beruhigt ist . Mit einem Wort ich möchte für den Unglücksvogel eine bescheidene Pension stiften , die ein paar Jährchen hinreicht , und hier den Anfang machen ! Ich lege die Karten aus , halte Bank , wie ich es leider an Badeorten gesehen habe , als ich meine seligen Eltern dahin begleiten mußte . Wer verliert , muß es verscherzen ; wer gewinnt , legt die Hälfte des Gewinnes in diese Schale , die den Pensionsfonds vorstellt ! Spielen dürfen nur Nichtkünstler ; Herr Lys ist ausgenommen , der nicht von seiner Kunst lebt , wie ich höre ! « Nach diesen Worten zog sie eine beschwerte Börse und legte sie vor sich auf den Tisch . Dann mischte sie die Karten und rief : » Also machen Sie Ihr Spiel , Herren und Damen ! Rot oder Schwarz ? « Die etwas überraschte Gesellschaft zögerte ein paar Sekunden ; da setzte Lys ritterlich ein Goldstück und gewann . Rosalie zahlte ihm die Hälfte und warf die andere in eine geleerte Zuckerschale , die gerade zur Hand war . » Schönsten Dank , Herr Lys ! Wer setzt weiter ? « sagte sie fröhlich und huldvoll . Ein älterer Mann , den sie mit » Brav , Herr Oheim ! « anredete , setzte ein Zweiguldenstück und gewann auch . Sie legte einen Gulden in die Schale und gab ihm den andern samt seinem Einsatz . Drei oder vier Damen , hiedurch ermutigt , wagten gleichzeitig jede ein Guldenstück und verloren , und Rosalie warf lachend für jede einen halben Gulden in das Gefäß . Die Frauen zu rächen , wie er sagte , legte Lys abermals einen Louisdor hin , worauf einige Herren sich mit doppelten Talerstücken einstellten und auch die Frauen sich wieder mit einzelnen halben , ja ganzen Gulden hervorwagten . Das Gewinnen und Verlieren wechselte ziemlich gleichmäßig , aber stets fiel etwas in die Zuckerbüchse , und wenn auch langsam , wuchs der Pensionsfonds , wie Rosalie es nannte , doch sichtbarlich an . Doch Lys rief jetzt : » Das geht zu sachte voran ! « und setzte vier Goldstücke , den Rest des Bargeldes , das er in seiner Börse trug . » Schönen Dank abermals ! « sagte Rosalie , als sie gewann und die Hälfte in die Schale warf . Es war nicht recht ersichtlich , ob Lys sich mit ihr freute ; doch ergriff er einen Stuhl und setzte sich der schönen Frau gegenüber , indem er rief : » Noch immer besser muß es kommen ! « Er pflegte niemals auszugehen , ohne eine größere Summe Geldes in Noten bei sich zu tragen , einer langjährigen Reisegewohnheit zufolge . Auch jetzt hielt er die Brieftasche in seinen Gewändern irgendwo versorgt , zog sie hervor und legte eine Note von hundert rheinischen Gulden hin , dann , als er sie verlor , die zweite , dritte und so weiter bis zur zehnten , welches die letzte war . Der ganze Vorgang , Zug um Zug , dauerte nicht länger als zwei Minuten , so daß Rosalie mit einem einzigen strahlenden Blicke und einem einzigen Lächeln , das sie , fast ohne zu atmen , auf Lysen gerichtet hielt , ausreichte von der ersten bis zur letzten Note , welche sie ohne Abzug einer Hälfte vorweg in die Schale warf . Die blitzartige Schnelligkeit , mit welcher der Zufall spielte , verlieh der Szene eine eigentümliche Anmut und brachte den Eindruck hervor , wie wenn die rosige Bankhalterin mehr als Brot essen könnte , das heißt geheimnisvoller Künste mächtig wäre . » Wir haben genug ! « rief sie , » tausend Gulden ohne das Bare ! Mehr als fünfhundert Gulden soll ein so junger Bursch im Jahr nicht vertun . Also können wir ihn zwei Jahre durchbringen und wollen das Geld beim Bankier hinterlegen ! Morgen aber soll er vorerst nach Hause reisen ! « Dann malte sie sich und uns die Erkennungsszene aus , welche zwischen der abgebrannten Mutter und dem unverhofft mit Hilfe erscheinenden Sohne stattfinden werde ; sie beschrieb nochmals , wie der blühende Junge , fern von der Heimat , mitten im Jubel eines Maskenfestes von der