soviel ihrer noch waren , vor Kälte zusammenschlugen , da brachte sie mir einen Cognac-Kaffee , eine Tasse , zwei Tassen , ich weiß nicht , wieviel ich getrunken habe . Aber das weiß ich , daß ich den dritten Tag wieder auf den Beinen war . Und seitdem trink ich ihn in allen schweren Lebenslagen , wohin ich auch sieben Meilen bei zehn Grad Kälte rechne , erstens aus Dankbarkeit , zweitens aus Vorsicht und drittens , weil er mir schmeckt . « In diesem Augenblick trat die Schorlemmer wieder ein , und die Krügersfrau mit dem geforderten Kaffee folgte . Neben der Tasse stand ein Glas . Der Doktor liebäugelte damit , schwankte zwischen Anstand und Begehrlichkeit , unterlag aber wie gewöhnlich der letzteren und leerte das Glas auf einen Zug . Der Mischungsprozeß war unterblieben . Renate , deren anfängliche Ungeduld bei dem Geplauder des Alten eher geschwunden als gestiegen war , sah ihm lächelnd zu und sagte dann , ihre Hand auf seinen Arm legend : » Aber nun , lieber Doktor Leist , wie steht es mit unserem Kranken ? Ist Gefahr ? « » Gefahr , Gefahr « , antwortete der Alte im Tone scherzhaften Vorwurfs , » werde doch nicht von Anno 93 sprechen , wenn Gefahr wäre ! Nein , mein Renatchen , wenn dem alten Leist so was Bitteres auf der Zunge liegt , da schmeckt ihm nichts , und wenn es ein Cognac-Kaffee wäre . Wie es mit ihm steht ? Gut steht es . Er schläft sich gesund . Nichts von Gefahr . Überreizung der Nerven . Das ist alles . « Renate schwieg . Sie wollte nicht weiter forschen , da sie den Zusammenhang der Dinge zu ahnen begann . Die Schorlemmer aber , die nichts von solchen Zuständen wußte , fragte halb ärgerlich : » Nervenüberreizung ; was soll das ? Woher ? « » Ja , mein liebes Tantchen « , antwortete Leist , » das ist mehr , als ein armer Doktor wissen kann . Der muß schon froh sein , wenn er erkennt , was er vor sich hat . Woher es kommt , darauf kann er sich nicht einlassen . Das weiß eben nur der Kranke selbst . Und unser Lewin wird es schon wissen und sich eines Tages unser aller Neugier erbarmen , denn eine rechte Neugiersgeschichte ist es , dessen bin ich sicher . « Und dabei schmunzelte der Alte so listig vor sich hin , als ob er den ganzen Liebesroman von Anfang bis Ende gelesen hätte . » Aber nun Verhaltungsbefehle ! « sagte Renate , » was tun wir ? « » Wir warten . Das ist überhaupt das Beste , was der Mensch tun kann . Zeit , Zeit . Die Zeit bringt alles . Dem Kranken bringt sie Gesundheit . Wir warten also . « » Und wie lange noch ? « » Ja , das ist nun wieder so eine Frage . Aber rechnen wir nach . Heute ist der dritte Tag . Ich denke , den fünften Tag , also übermorgen . Übermorgen wird er ausgeschlafen haben und wird irgend etwas wollen , vielleicht einen gerösteten Speck oder ein Zwiebelfleisch . Was es aber auch sein mag , er muß es haben , denn was dann spricht , das ist die Stimme der Natur , die durchaus gehört werden will . « » Ach , wie freue ich mich « , sagte Renate , » meinen Brief mit so guten Nachrichten schließen zu können ! Ich schrieb , als Sie vorfuhren , eben an Marie Kniehase . Wissen Sie , Doktor , Sie könnten mir die letzten Zeilen diktieren . « » Das will ich « , sagte der Alte , » und will auch den Briefträger machen , denn ich fahre über Hohen-Vietz . Haben Sie alles ? « » Alles . « » Nun denn schreiben wir : ... Eben ist Doktor Leist hier und versichert uns , es sei keine Gefahr . In zwei Tagen wird unser Kranker außer Bett und in einer halben Woche so gut wie genesen sein . Dies alles schreib ich nach dem Diktat des Alten , der diesen Brief selbst mitnehmen will . Punktum , Gedankenstrich . Deine Renate « Renate sprang auf , schob in heiterer Laune dem Doktor das Blatt zu und sagte : » So , nun haben wir es schwarz auf weiß , und Sie müssen nur noch darunterschreiben beglaubigt und Ihren Namen . Aber keinen Doktorkrickelkrakel , sondern deutlich und leserlich für jedermann . « Der Alte tat , wie ihm geheißen . Dann erhob er sich , und während ihm Renate wieder in seinen schweren und vielkragigen Mantel hineinhalf , schloß er seinen Besuch mit den Worten : » Und nun noch eines , ihr Damen . Ich muß die Gesunden bitten , sich über den Kranken nicht zu vergessen . Sonst vertauschen wir bloß die Rollen . Also keine Allotria wie Nachtwachen und andere Überflüssigkeiten . Tantchen , ich mache Sie verantwortlich . Und übermorgen sehe ich wieder nach . Und nun Gott befohlen . « Sie begleiteten ihn treppab bis an den Wagen , der unter dem Vorbau hielt . Bald zogen die Pferde an , und Renate und die Schorlemmer grüßten dem Alten nach . Eine rechte Sorge war von ihnen genommen ; er hatte so zuversichtlich gesprochen . Gegen Abend kam eine alte Wartefrau , um sie am Bette des Kranken abzulösen , und beide gingen nun in ihre Giebelstube hinüber , um nach zwei schlaflosen Nächten eine ruhige Nacht zu haben . Renate war müde , Tante Schorlemmer aber rüstig und beweglich wie immer . Sie setzte sich zu ihrem Liebling und zeigte sich geneigt , noch eine Viertelstunde zu plaudern . » Wie mag es in Guse aussehen ? « fragte Renate . » Ach , liebe Schorlemmer , ich sorge mich , von der Tante zu träumen . « » Du wirst es