, wo sie des festen , gottvertrauenden Glaubens nöthiger als jemals hatte , versagte er sich ihr , und ihr Verlangen nach der beruhigenden Nähe des Caplans steigerte sich an ihrem Trostbedürfnisse , obschon sie eben in ihrem gegenwärtigen Leiden die Führung und Fügung einer höheren , sie erziehenden und aufklärenden Macht zu erkennen geneigt war . Krank und im höchsten Grade hülfsbedürftig , hatte sie sich in einem bürgerlichen Hause auf die Pflege einer ihr fremden Familie angewiesen gefunden . Keine Verwandtschaft , keine gemeinsame Erinnerung , keine Gleichheit der Gesinnungen , nicht einmal der religiöse Glaube verband sie diesen Menschen . Man hatte die Baronin von Jugend auf gelehrt , die Bürgerlichen gering zu schätzen , die Juden zu verachten ; ihre Wirthe , ihre Pflegerinnen , die das wußten , ließen sie es nicht entgelten , sondern umgaben sie mit einer Liebe , die ihr das Herz erwärmte und es ihr darthat , was der Mensch dem Menschen über alle Verschiedenheit des Glaubens , der Meinung und der Bildung hinaus zu sein vermag . Sie hörte es gar nicht mehr , was ihr Anfangs in der Sprache des jüdischen Kaufmanns auffällig gewesen war ; sie merkte die Verstöße gegen die gute Form nicht mehr , welche Madame Flies sich in ihrem Eifer häufig zu Schulden kommen ließ . Sie sah nur das uneigennützige Wohlwollen , mit welchem man sie bediente , nur den Eifer , mit dem man ihre Wünsche zu errathen strebte ; sie fühlte nur die Güte , von der sie in jedem Augenblicke umgeben ward , und oftmals meinte sie sich ihrer allmählichen Genesung nur darum zu erfreuen , weil ihre Pflegerinnen sich über dieselbe so glücklich bezeigten . Sie vergaß es fast , daß sie vornehm sei , so heimisch ward es ihr unter der Obhut ihrer Wirthe . Nur der Dank der Kranken , der jungen Frau gegen die ältere , mütterliche Pflegerin war in ihr lebendig , wenn Madame Flies sich neben ihr bemühte , und die Baronin hatte es bald genug erlernt , wie die Stunde der Noth die Schranken niederwirft , welche die Stände von einander halten ; sie lernte es in ihrer Hinfälligkeit , wie erhebend es sei , bei seinen Mitmenschen freiwilliger Hingebung und reiner , erbarmender Menschenliebe zu begegnen . Noch an dem Tage ihres Erkrankens hatte die Aussicht , daß die Familie Flies künftig das Haus von Fräulein Esther , das von Arten ' sche Haus in der Residenz bewohnen werde , die Baronin in allen ihren Ansichten gekränkt ; jetzt konnte sie mit völliger Ruhe daran denken . Denn obschon ihr Befinden sich besserte , sagte ihr eine bestimmte und unabweisliche Ahnung , daß ihr Lebensziel ihr nicht allzu fern gesteckt sei , und vor dem Glauben an die eigene Vergänglichkeit verlor die Vorstellung von der Vergänglichkeit und Wandelbarkeit alles Bestehenden immer mehr ihre Schrecken für sie , bis sie ihr als eine Nothwendigkeit , ja , fast als eine Wohlthat zu dünken begannen . Wie den Freiherrn der Gedanke an die Wandelbarkeit und Vergänglichkeit aller Dinge zur stolzen Aufrechterhaltung seines Ichs und seiner persönlichen Bedeutung anreizte , so machte die gleiche Erkenntniß seine Gattin mild und weich , denn das Gleiche wirkt verschieden , je nach dem Boden , auf den es fällt , je nach den Elementen , mit denen es sich vermischt . Muß ich doch meinen eigenen Leib , meines Geistes Haus , in Staub zerfallen lassen , sagte sich Angelika , wie dürfte mich ' s betrüben , daß ein Haus von Stein und Mörtel nicht auf ewige Zeiten hinaus denjenigen zu eigen bleibt , deren Väter es errichteten ! Renatus hat seinen eigenen Leib und seinen eigenen Geist von Gott empfangen , mag er sich auch , gleich seinen Ahnen , sein eigenes Haus erbauen , und wie Gerhard und ich hier in diesem fremden Hause weilten und von seinen Bewohnern Gutes erfuhren , Liebe gewannen , so mag die schöne Seba in Gottes Namen in dem Hause leben , das wir unser eigen nannten und das ich einst bewohnte ; nur - fügte sie seufzend hinzu - möge sie dort glücklicher werden , als ich ! Achtes Capitel Sie haben sich lange erwarten lassen , sagte der Freiherr , als an einem Abende der Caplan bei ihm eintrat , und fast wäre Ihre Gegenwart hier nicht mehr gefordert , denn ich kann Sie mit der erfreulichen Kunde empfangen , daß die Baronin ihrer Genesung entgegengeht . Wir sind also hoffentlich zum Längsten hier gewesen und werden die Schwüle der Stadt bald mit unserer frischen Luft vertauschen können , nach der auch unsere Kranke zu verlangen anfängt . Aber was bringen Sie uns , lieber Freund , der Sie von Hause kommen ? Zuerst meine Entschuldigung wegen meines späten Eintreffens . Lassen Sie das , lassen Sie das ! Unser ruhiges Leben hat Ihnen die Gewohnheit schnellen Aufbrechens genommen , ich kenne das , und im Grunde war das niemals Ihre Sache ! rief der Freiherr , anscheinend in der besten Stimmung . Ich hoffe nur , daß nicht ein Unwohlsein Sie zurückgehalten hat ! Nur wirkliche Krankheit hätte mich hindern können , dem Rufe der Frau Baronin und meiner Pflicht zu folgen ! sagte der Geistliche mit einer ernsten Zurückhaltung , die den Freiherrn zu der Frage veranlaßte : Sie hatten also andere Gründe , die Sie zum Verweilen zwangen ? Ja , Herr Baron , und sie waren nicht so erfreulich , als die angenehme Kunde , mit der ich hier empfangen werde ! Da aber in allem Unglück sich immer noch etwas findet , was man zu segnen hat , so möchte ich ' s ein Glück nennen , daß die Frau Baronin und die Frau Herzogin eben jetzt von Hause fern gewesen sind ! Der Freiherr sah den Geistlichen fest an und sagte : Sie lassen mich sehr langsam erfahren , was Sie mir zu sagen haben ; es ist also sicher etwas recht