Ton , in welchem er jetzt , die Augen unverwandt auf das himmlisch schöne Antlitz des Mädchens gerichtet , sagte : Lassen Sie uns einander nicht mit heftigen , lieblosen Worten betrüben . Wer weiß , ob wir im Leben noch viele Worte mit einander zu wechseln haben werden ! Mir ist zu Muthe , wie einem Sterbenden , und was ich spreche , spreche ich nicht für mich , der ich keine Wünsche mehr hege , sondern aus innerstem Drang nach der Wahrheit , von deren heiligem Antlitz ich mich nur zu oft im Leben abgewandt habe . Helene , ich habe Sie geliebt von dem Augenblick , als ich Sie zum ersten Male an jenem unvergeßlichen Sommerabend im Park von Grenwitz sah ; und ich weiß es auch : wenn ich mir selber treu geblieben wäre , Sie würden mich wieder geliebt haben , Sie würden einst die Meine geworden sein . Aber , weil ich mich selbst verlassen , haben auch Sie sich von mir gewandt , und jetzt liegt zwischen uns eine Kluft , die niemals ausgefüllt werden kann . Und was uns einander auf immer nahe zu bringen schien , - die Entdeckung , die ich heute Morgen machte - hat uns erst recht auf ewig getrennt . Ich fühle es wohl : Sie werden nun und nimmermehr ein Geschenk , wie Sie es nennen , von mir annehmen wollen ; und ich wollte eher meine Hand auf glühende Kohlen legen , als sie nach dem Erbe des Mannes ausstrecken , der meine Mutter zur unglücklichsten aller Frauen gemacht hat . Dazwischen giebt es keinen Vergleich , wäre auch alles Andere , wie es sein sollte . Und nun , Helene , ehe wir - wohl auf immer - scheiden , habe ich eine Bitte : reichen Sie mir über die Kluft weg , die uns trennt , die Hand , zum Beweis , daß Sie mir verziehen haben . Helene legte ihre Hand in die ausgestreckte Hand Oswalds . So standen sie und sahen sich einander tief in die Augen , und wie sie so schauten , sahen sie alle die goldigen Sommermorgenstunden , die sie im Park von Grenwitz unter säuselnden Bäumen verlebt , und alle die purpurnen Abende , an denen sie durch den grünen Buchenwald bis zum Meeresstrande wanderten - und dann sahen sie nichts mehr , denn ein grauer Thränenschleier hatte sich über die lieblichen Bilder gedeckt . Leb ' wohl , Helene ! Leb ' wohl , Oswald ! Für immer ! Für immer ! Oswald preßte die Geliebte nicht in die Arme . Eine heilige Scheu hielt ihn gefesselt . Er ahnte es : die Zeit der Sühne , die ihm noch blieb , war kurz , und , einen neuen Schwur zu besiegeln , den zu halten er keine Kraft in sich fühlte , war kein Entgelt für so viele gebrochene Schwüre . Er ließ die Hand , die er noch immer in der seinigen hielt , los und - im nächsten Augenblick war Helene allein . Sie stand noch , die Augen starr auf die Thür , durch die Oswald verschwunden war , gerichtet , als die Baronin wieder in das Zimmer trat . Es ist die höchste Zeit , Helene , sagte sie ; der Wagen hält unten . Bist Du bereit ? Ja . Was sind das für Papiere dort auf dem Tische ? Hat er sie nicht wieder mitgenommen ? Wer ? Oswald . War er hier ? was wollte er ? Nimm die Papiere zu Dir , Mutter . Er brachte sie Dir . Helene , Du bist bleich und hast geweint ; was bedeutet dies ? Liebst Du diesen Mann ? soll ich auch mein letztes Kind verlieren ? Sei ruhig Mutter ; ich werde Dich im Unglück nicht verlassen . Doch da liegt ja noch der Brief an die Fürstin . Einen Augenblick , Mutter ! Sie setzte sich an das Bureau und schrieb mit fliegender Feder einige Zeilen . So , jetzt ist auch das geschehen , und ich bin wieder frei ! Komm , Mutter , ich will Dir zeigen , daß ich noch Kraft und Muth genug zum Leben habe . Komm ! Und sie zog die Baronin , die sich willig der höheren Energie ihrer Tochter fügte , mit sich fort aus dem Gemach . Eine Minute darauf hatten die beiden Damen das Palais Waldernberg und eine halbe Stunde darauf die Residenz verlassen . Neunundvierzigstes Capitel Als Oswald , ohne kaum zu wissen , wohin er sich wandte , die Straße hinabeilte , fühlte er sich plötzlich von Jemand am Arm ergriffen . Es war Albert . Albert hatte nach dem Zusammentreffen mit Herrn Schmenckel seinen Beobachtungsposten in der Nähe des Palais auf einige Zeit aufgeben müssen , um sich in dem Hofe eines der nächsten Häuser das Blut abzuwaschen , das nach der Berührung von Herrn Schmenckels schwerer Faust seiner Nase und seinem Munde reichlich entströmt war . Er war so zornig , wie er es kaum je im Leben gewesen . Es war die Wuth des Jägers , dem das Wild die kunstreich gewebten , schlau gestellten Netze plump zerrissen hat . Dieser Tölpel von einem Schmenckel mit seiner dummen Ehrlichkeit ! wie hatte er den Menschen bearbeitet , wie hatte er ihm die Zukunft golden ausgemalt , und nun ? Es war zum Rasendwerden ! Der schöne , leichte , sichere Gewinn dahin ! und weshalb ? um nichts und wieder nichts , um einer ehrlichen Laune willen . Und wenn nun Oswald eine ähnliche Dummheit begeht ! man kann die Spatzenköpfe ja keinen Augenblick allein lassen . Und dabei will das verdammte Blut gar nicht stehen . So hatte er weder Herrn Schmenckel noch den Fürsten wieder aus dem Palais kommen , noch hatte er Oswald hineingehen sehen , und er kam jetzt noch eben zur rechten Zeit , um diesen , der die Straße hinabeilte , einzuholen . Holla , Herr