ich so neben ihm stand und in Gedanken versunken mit ihm seufzte , da fragte er » Qui est là ? - Bettine ! Amie viens que je tauche tes traits , pour les apprendre par coeur ! « Und so nahm er mich auf den Schoß und fuhr mit dem Zeigefinger über meine Stirn , Nase und Lippen und sagte mir Schönes über meine Züge , über das Feuer meiner Augen , als ob er sie sehen könne . Einmal fuhr ich mit ihm von Frankfurt nach Offenbach zur Großmutter , ich saß neben ihm , er fragte , ob wir noch in der Stadt seien , ob Häuser da seien und Menschen ? - Ich verneinte es , wir waren auf dem Land , da verwandelte sich plötzlich sein Gesicht , er griff nach mir , er wollte mich ans Herz ziehen , ich erschrak ; schnell wie der Blitz hatte ich mich den Schlingen seiner Arme entzogen und duckte nieder in der Ecke des Wagens ; er suchte mich , ich lachte heimlich , daß er mich nicht fand , da sagte er : » Ton coeur est-il si méchant pour mépriser , pour se jouer d ' un pauvre aveugle ? « Da fürchtete ich mich der Sünde meines Mutwillens , ich setzte mich wieder an seine Seite und ließ ihn gewähren , mich an sich ziehen , mich heftig an sein Herz drücken , nur mit dem Gesicht beugte ich aus und gab ihm die Wange , wenn er nach dem Mund suchte . Er fragte , ob ich einen Beichtvater habe ? - Ob ich diesem erzählen werde , daß er mich geküßt habe ? Ich sagte naiv schalkhaft : wenn er glaube , daß dies dem Beichtvater Vergnügen machen werde , so wolle ich ' s ihm erzählen . » Non , mon amie , cela ne lui plaira pas , il n ' en faut rien dire , cela ne lui plaira absolument pas , n ' en dites rien à personne . « In Offenbach erzählte ich ' s der Großmutter , die sah mich an und sagte : » Mein Kind ! Ein blinder Mann , ein armer Mann ! « - Im Nachhausefahren fragte er , ob ich der Großmutter gesagt habe , daß er mich geküßt habe ; ich sagte » ja « . » Nun , war die Großmutter bös ? « - » Nein « , » Et bien ? Est ce quelle n ' a rien dit ? « . - » Oui ! « . - Et quoi ? « - » Ein blinder Mann , ein armer Mann ! « » O qui ! « rief er , » elle a bien raison ! Ein blinder Mann , ein armer Mann ! « und so rief er einmal ums andre : » Ein blinder Mann , ein armer Mann ! « bis er endlich in einen lauten Schrei der Klage ausbrach , der mir wie ein Schwert durchs Herz drang , aber meine Augen blieben trocken , während seinen erstorbenen Tränen entfielen . Dem Herzog ist seitdem ein feierliches Monument in meinem Herzen errichtet . * * * Wir hatten einen schönen Garten am Haus , Ebenmaß und Reinlichkeit war seine Hauptzierde , an beiden Seiten liefen Spaliere hin mit ausländischen Fruchtbäumen , im mitten Gang standen diese Bäume so edel , so hoch , so frei von jedem Fehl , sie hingen ihre schlanken Äste schwertragend im Herbst an den Boden , es war so still in diesem Garten wie in einem Tempel , im Eingang waren auf beiden Seiten zwei gleichmäßige Teiche , in deren Mitte Blumeninseln waren , hohe Pappeln begrenzten ihn und vermittelten die Nachbarschaft zu den Bäumen in den angrenzenden Gärten . Denke doch , wie es mir da erging , wie da alles so einfach war und wie ich Deiner bewußt ward . Warum wühlt ' s mir im Herzen , wenn ich mich dran erinnere , daß die Blütenkätzchen von den Pappeln und diese braunen klebrigen Schalen von den Knospen mich beregneten , wie ich da so still in der Mittagsstunde saß und dem Streben der jungen Weinranken nachspürte , wie die Sonnenstrahlen mich umwebten , die Bienen mich umsummten , die Käfer hin und her schwirrten , die Spinne ihr Netz ins Gitter der Laube hing ? - In solcher Stunde bin ich Deiner zum erstenmal innegeworden . - Da lauschte ich , da hörte ich in der Ferne den Lärm der Welt , da dachte ich : du bist außer dieser Welt , aber mit wem bist du ? - Wer ist bei dir ? - Da besann ich mich auf nah und fern , da war nichts , was mir angehörte . Da konnte ich nichts erfassen , mir nichts denken , was mein sein könne . Da trat zufällig , oder war ' s in den Wolken geschrieben , Deine Gestalt hervor ; ich hatte von Dir nichts weiter gehört als Tadel , man hatte in meiner Gegenwart gesagt : Goethe ist nicht mehr so wie sonst , er ist stolz und hochmütig , er kennt die alten Freunde nicht mehr , seine Schönheit hat gewaltig abgenommen , und er sieht nicht mehr so edel aus wie sonst ; noch manches wurde von der Tante und Großmutter über Dich gesprochen , was zu Deinem Nachteil war . Ich hatte es nur im Vergessen angehört ; denn ich wußte nicht , wer Du seist . - Jetzt in dieser Einsamkeit und abgeschloßnen Stille unter den Bäumen , die eben blühen wollten , da kamen diese Reden mir wieder ins Gedächtnis , da sah ich im Geist , wie die Menschen , die über Dich urteilen wollten , unrecht hatten , ich sagte zu mir selbst : Nein ! Er ist nicht unschön , er ist ganz edel , er ist nicht übermütig gegen mich . Trotzig ist er nur gegen die Welt ,