in der weitesten Bedeutung zur guten Gesellschaft gehört ( die zahlreiche Innung der Hetären mitgerechnet ) spricht Politik und ist Spartanisch gesinnt ; und daß ich selbst , trotz meiner Weltbürgerschaft und Kaltblütigkeit , diese Partei ergriffen habe , wird dich , wenn ich auch den Nephelokokkygiern weniger abhold wäre als ich es immer war , mein alter Haß gegen die Ochlokratie nicht bezweifeln lassen . 29. Aristipp an Hippias . Ich werde es immer unter die glücklichsten Ereignisse meines Lebens zählen , daß ich den Sokrates gekannt , und während der drei bis vier Jahre , da ich freien Zutritt bei ihm hatte , seines Umgangs beinahe täglich genossen habe . Wie wenig auch das , was ich von ihm lernen konnte , in anderer Augen seyn mag , nach meiner Schätzung und für meinen eigenen Gebrauch ist es sehr viel , und mehr als genug um mir ein Recht auf den Namen eines Sokratikers zu geben , auf den ich stolz bin , und den ich nicht unwürdig zu führen hoffe . Es war eine von den Meinungen des Sokrates , die ich ihn öfters in seiner eigenen genialischen Manier behaupten hörte , » Weisheit und Tugend könnten nicht auf die Art , wie man sich ' s gewöhnlich vorstelle , gelehrt , « d.i. nicht in unsre Seelen hineingeschoben werden , wie man Brod in den Backofen schiebt . Zuweilen sprach er , als betrachte er sich wie einen Gärtner , dessen Geschäft es ist , nützliche Pflanzen und Gewächse zu ziehen und zu warten . Alles was der Gärtner vermag ( sagte er ) besteht darin , daß er guten Samen in ein wohlzubereitetes Land lege , und die junge Pflanze , wenn sie aufgegangen ist , vor Frost und schädlichen Winden sichere , vor aller Verletzung bewahre , und , so weit es in seiner Macht steht , dafür sorge , daß sie nicht zu viel noch zu wenig Sonne bekomme , nicht zu viel noch zu wenig genährt werde u.s.f. Aber eine schlechte Gattung in eine edle zu verwandeln , oder einer schwachen kränkelnden Pflanze das fröhliche Wachsthum einer gesunden und starken zu geben , steht nicht bei ihm ; und wenn er sein Möglichstes gethan hat , kann er doch nicht verhindern , daß ein einziger unerwarteter Nachtfrost oder irgend ein anderer Zufall aller seiner Sorge und Pflege spottet . - Am meisten liebte er das Bild einer Geburtshelferin , und verglich sich mit seiner Mutter , die , wiewohl sie für eine große Meisterin in ihrer Kunst galt , ein ungestaltes Kind in kein wohlgebildetes verwandeln konnte , sondern zufrieden seyn mußte , wenn sie , was nun einmal da war , glücklich zur Welt gebracht hatte . Sokrates hat in diesem Sinne Kindern von sehr ungleicher Art ins Leben geholfen . Aber um diejenigen , die ihm täglich und mehrere Jahre zur Seite waren , machte er sich auch das Verdienst eines Pädagogen ; und , wie die Erfahrung lehrt , daß Knaben sich , ohne es zu wollen oder zu merken , immer nach ihrem Erzieher bilden , und mehr oder weniger seine Weise sich zu gebärden , zu reden , zu gehen , den Kopf zu tragen u.s.w. annehmen : so findet sich auch , daß keiner von den Zöglingen des Sokrates ist , an dem man nicht diese oder jene Züge von ihm gewahr würde , so daß - wie man von Zeuxis sagt , er habe aus fünf der schönsten Agrigentischen Mädchen seine berühmte Helena zusammengesetzt - aus fünf oder sechs von uns ein ganz leidlicher Sokrates zusammengesetzt werden könnte . So hat z.B. Plato sich seiner Ironie und eigenen feinen Manier zu scherzen , Xenophon seiner Grundbegriffe , Maximen und Ideale in Sittenlehre und Staatskunst , und seines Glaubens an Orakel , Träume und Opferlebern , Antisthenes seiner Geringschätzung aller Gemächlichkeiten und künstlichen Wollüste der Reichen , Cebes von Theben seines Talents die Philosophie in Fabeln und Allegorien einzukleiden , bemächtigt . Mir ist also kaum etwas andres übrig geblieben als seine Anspruchlosigkeit , sein Widerwille gegen alles Geschminkte und Unnatürliche , gegen Aufgeblasenheit , Eigendünkel und ungebührliche Anmaßungen , seine Geringschätzung aller spitzfindigen , im Leben unbrauchbaren und bloß zum Gepräng und zum Disputiren dienlichen Speculationen , seine Manier bei Erörterung problematischer Fragen immer zuerst auf das , was uns die Erfahrung davon sagt , Acht zu geben , nach der Entstehungsweise der Begriffe , in welche das Problem zerfällt , zu forschen , und überhaupt beim Suchen der Wahrheit immer vorauszusetzen , daß sie uns ganz nahe liege , und meistens nur durch den Wahn , daß man sie weit und mühsam suchen müsse , verfehlt werde , - und was sonst in dieses Fach gehört . In allem diesem , und ( wenn ich mir nicht zu viel schmeichle ) noch in manchen andern Stücken , finde ich mich ihm so ähnlich , daß ich mir zuweilen einbilde , ich würde , wofern ich in der siebenundsiebzigsten Olympiade in seinen Umständen auf die Welt gekommen wäre , Sokrates , oder er , vierzig Jahre später in den meinigen geboren , Aristipp gewesen seyn . Auf diese Weise erkläre ich mir das Verschiedene in den Aehnlichkeiten , die ich mit ihm habe . Er kleidete sich z.B. schlecht , weil er arm war und sich dessen nicht schämte ; aber er liebte die Reinlichkeit : wäre er reicher gewesen , würde er sich vermuthlich nicht schlechter gekleidet haben als ich ; so wie ich mich nicht geringer dünkte , als ich im ersten Jahre meines Aufenthalts zu Athen in einem groben wollenen Tribonion unbeschuht hinter ihm hertrabte . - Seine Mahlzeit kostete selten mehr als drei bis vier Obolen ; indessen schlug er nicht leicht eine Einladung zu den prächtigsten Gastmählern aus , wenn er gewiß war gute Gesellschaft anzutreffen ; wär ' er reicher gewesen , so hätt ' er vermuthlich , wie ich , lieber andere eingeladen , als sich einladen lassen