Wort , verflucht sei sie , wenn sie mich im Stiche läßt ! “ Er eilte hinweg und Ernestine blickte ihm bebend nach . Ein Menschenleben hing an ihrer Zunge , ein Fluch sollte sie treffen , wenn sie ein unbesonnenes Wort sprach . Sie stand allein , Hilflos dieser furchtbaren Verantwortung gegenüber , ein junges , unerfahrenes Geschöpf , das kaum für sich selbst eine Verantwortung tragen konnte . Sie spannte ihre letzten Kräfte zum Zerreißen an , um der entsetzlichen Aufgabe zu genügen , unter deren Wucht sie fast zusammenbrach . Da trat der Gefürchtete ein . „ Verzeihen Sie , Ernestine , “ sagte er , „ daß ich ohne Anmeldung komme . Die Willmers wies mich hierher . Es ist jetzt nicht mehr Zeit zu leeren Formen . Gehandelt muß werden — und , wenn es sein muß , gekämpft um Leben und Tod ! Ich sehe soeben , daß Sie Kisten zu Leonhardt schaffen lassen , ich eile herauf und erfahre durch die treue Willmers , daß Sie gehen — wirklich mit Ihrem Oheim gehen wollen . Ernestine , ich habe keine Worte für den Schmerz , der in diesem Augenblick mein Inneres zerreißt . Ich habe es ertragen , als Sie meine Werbung abwiesen , ich konnte Sie dennoch lieben , — aber Sie nicht mehr liebenswert zu finden , das , Ernestine , ertrüge ich nicht ! “ „ Und was würde mich denn in Ihren Augen so tief herabsetzen ? “ fragte Ernestine mit beleidigtem Stolz . „ Daß Sie sich nicht von einem Bösewicht trennen , wie vom Bösen selbst , daß Sie den Gedanken ertragen , mit einem vor Gott und Menschen Geächteten in die Welt hinauszuziehen auf immer , daß Sie nicht genug Abscheu vor dem Verbrechen haben , um einen Verbrecher zu meiden , wie jeder sittlich fühlende Mensch es tut . O , Ernestine , ich kann es noch immer nicht glauben . Wenn ich das an Ihnen erleben müßte — ich möchte es nicht überleben . “ „ Er hat sich vor mir zu entschuldigen vermocht , “ sprach Ernestine im Tiefsten verletzt . „ Er hat mich überzeugt , daß man keinen Menschen ungehört verdammen darf . Ich fühle mich nicht so vollkommen und unfehlbar , daß ich es wagte , zu richten und zu verurteilen . Das überlasse ich Größeren und Stärkeren , als ich es bin . Wohl ist das Band , welches zwischen ihm und mir bestand , zerrissen , aber ich habe den gleichen Weg zu gehen , wie er , — ich kann ihm nicht wehren , sich mir auf der gemeinsamen Straße zu gesellen . “ „ Und fürchten Sie die Schande nicht , welche Sie treffen kann im Verein mit einem dem Gesetz verfallenen ? “ „ Das Gesetz hat kein Recht mehr an ihn . Er hat mir genügende Rechenschaft über mein Vermögen gegeben — ich bin befriedigt und darauf kommt es ja doch wohl allein an . “ „ Mein Gott — hat er Ihnen denn irgend eine Bürgschaft geleistet ? Sie sind so unerfahren in solchen Dingen , er wird Sie wieder betrügen . Sagen Sie mir nur wenigstens , was er Ihnen geboten hat ? “ Ernestine richtete sich hoch auf . Die Angst schnürte ihr die Kehle zu und um sie zu verbergen , gab sie sich ein noch kälteres , strengeres Ansehen als gewöhnlich : „ Wenn ich Ihnen sage , ich bin zufrieden , so denke ich , können Sie sich dabei beruhigen . “ „ Ernestine , “ rief Johannes , „ in welchem Tone sprichst Du mit mir ? Ich handle und denke nur für Dich , für Dein Wohl — und Du trittst mir entgegen wie einem Feinde ? “ „ Was Sie für mich taten und tun , erkenne ich an und danke Ihnen für Ihre gute Absicht . Nun aber , mein Freund , bitte ich Sie , mir die Sorge für mein Schicksal selbst zu überlassen — ich fühle mich derselben vollkommen gewachsen . “ „ Und ich sage Ihnen , Ernestine , daß ich Sie von dem Abgrund wegreißen werde , an dem Sie schweben , ob Sie wollen oder nicht . Vorerst werde ich Ihren Reisegefährten in Sicherheit bringen . Er hat mir nicht die geforderten Garantieen für Ihr Eigentum beigebracht , die Frist , die ich ihm stellte , 103 ist verflossen — die vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit sind um . “ Er wandte sich nach der Tür . „ Johannes , was wollen Sie tun ? “ rief Ernestiue . „ Ihn seinem Richter übergeben . “ Ernestine stellte sich vor die Tür : „ Das werden Sie nicht tun ! “ „ Und weshalb nicht ? “ „ Sie werden mich nicht rächen wollen , wo ich verziehen habe . Sie werden sich nicht so weit in mein Schicksal eindrängen , daß Sie es mir unmöglich machen , ein Unrecht , das an mir begangen , zu strafen oder zu begnadigen , wie es mir gefällt . Es ist meine Angelegenheit , die Sie da in die Öffentlichkeit bringen wollen , und ich fordere das Recht , meine Geheimnisse nach Gutdünken wahren oder preisgeben zu dürfen . — Seit wann ist es erhört , daß ein Fremder — ja , ich sage ein Fremder — in das Leben zweier Menschen handelnd eingreift wie ein Abgesandter der heiligen Feme ? “ 104 „ Ernestine ! “ schrie Johannes auf . „ Ich wiederhole es , “ fuhr sie fort . „ Ich erkenne Ihre gute Meinung . Aber die beste Absicht wird zur Gewalttat , wenn sie einem bewußten Wesen das Recht der freien Selbstbestimmung streitig macht . Auf diesem heiligsten aller Rechte beharre ich , indem ich Ihnen jede fernere Einmischung in mein Schicksal verbiete , und da meines Oheims Los so eng mit dem meinigen verknüpft ist , daß Sie mich in ihm treffen , so hoffe ich , Sie