, wobei zwar manches Wort verloren geht , die aber doch Anknüpfung an ein wirkliches Leben ist . Gott , was ist ' s für Trost um eine Menschenstimme , um ein Gespräch nach solchem Grabesschweigen ! Wer nie gefangen saß , der weiß es nicht zu schätzen , was Menschennähe sagen will . Ich liege jetzt den größten Teil des Tages auf meinem Bett , das Gesicht nach unten kehrend , weil ich in dieser Stellung , so unbequem sie auf die Länge ist , meinen Nachbar am besten verstehen kann . Der Glückliche hat drei Bücher , den Faust , Dr. Katzenbergers Badereise und die Gerichtsordnung seiner Heimat ; er hat die Sachen schon fünfmal durchgelesen , und beginnt jetzt den sechsten Kursus , aber es ist doch ein Anhalt an gegebene Dinge , und der ist von so großem Werte , wie es jener Punkt war , den Archimedes außerhalb der Erde und seiner Umgebung suchte , um den Erdball in eine andere Bewegung zu setzen . Er liest mir vor , und obwohl die Wand manches verschlingt , und in je zwei Minuten eine Pause eintreten muß , wenn die Wache vorüberschreitet , so genieß ' ich doch manches davon . Freilich müssen wir sehr aufpassen , daß nicht einer der Wärter oder Aufseher nahen kann , ohne daß wir ' s bemerken , denn sonst hat unsere Herrlichkeit schnell ein Ende . Wir sind aber schon so eingeübt , wie ein paar Wilde , die durch die stillen Urwälder flüchten und auf große Entfernung hin den Tritt eines Hirsches oder Panthers , einer Rothaut oder eines Weißen unterscheiden . Wir haben auch ihren Signalruf angenommen , und wer von uns zuerst etwas nahen hört , oder die Möglichkeit einer Gefahr wittert , der ruft » Hugh ! « und der andere schweigt sogleich . Beneide mich um die Romantik , welche in meine Öde gekommen ist , aber stähle mir auch die Nerven dafür . Kannst Du ein Bett zurechtmachen ? Unterrichte Dich ja beim nächsten Kammermädchen , es sollte mich sehr wundern , wenn Du , ein wirklich egoistischer Feind des Menschenvereins , dem Gefängnisse entgingest , und dort ist solche Kenntnis nötig . Anfangs kam ich mir wie ein zu Weibern des Harems erniedrigter Bettelsardanapal vor , wenn ich abends vor dem zerwühlten Lager stand und meine eigenen Hände gebrauchen sollte - das gibt sich mit der Zeit ; zwischen diesen vier traurigen Wänden schwindet alle Illusion und gemachte Ehre , das Notwendige verhöhnt und drängt so lange das Herkömmliche , bis man nur noch das nächste Bedürfnis hört . Ich bin noch weiter gediehen : es wird selten und oberflächlich ausgekehrt , abgestäubt gar nicht , so was ist Luxusartikel , und der Wärter , dem dreißig Gefangene obliegen , hat dafür auch wirklich keine Zeit ; der Schmutz ist also arg , und das bleibt ein lähmender Schmerz für mich ; für Wäsche kann ich nur wenig vom schmalen Kostgelde , das der Wärter auslegt , absparen , was bleibt mir also übrig , als bisweilen mein graues Blechhandbecken herzunehmen und Taschen- oder Handtücher zu waschen ? Und der Weltverbesserer bedürfte des Unterrichts von einem alten Weibe ! Das Leben hat alle Taschen voll Ironie ! Jetzt , da wir ' s einander erzählen , mein Nachbar und ich , wird es spaßhaft : wenn ein zweiter derselben Notwendigkeit folgen muß , dann wird sie dadurch auf der Stelle legitim , und sie kann als ein gerechtfertigtes Objekt zu allem ausgebeutet werden . Soll ich Dir nun das Schlimmste gestehen : in den vierzehn Tagen hat sich unser Gespräch und unsere Bekanntschaft schon sehr abgenutzt , wir sind schon mitunter auf dem Trocknen . Er hat mehr Aussicht , einmal wieder loszukommen , als ich ; aber ihn kümmert dafür eine andere Sorge , aus der ich ihm ein Lied gemacht habe . Es singen drei Gefangene : Es zogen wohl drei Schwäne Vom Süden nach dem Nord , Sie suchten alte Freunde - Die Freunde waren fort . Es zogen wohl drei Schwäne Vom Norden nach dem Süd , Sie suchten die alten Ufer - Die waren verwüstet , verblüht . Sie hatten nicht mehr Heimat , Nicht Freunde in der Welt - Da haben an den Felsen Sie sich die Köpfe zerschellt . Und wenn wir einst befreiet , So kennt uns niemand mehr , Es bleibt uns nur zu sterben , Die Welt ist wüst und leer . Der Sommer scheidet , kalter Wind Fällt auf die Dächer nieder - Des blauen Himmels Farben sind In Grau verblichen wieder . Als ich die Welt zum letzten sah , Da war sie hell und milde , Ich weiß nicht , was seitdem geschah , Ich sah sie nur im Bilde . Ich fühl ' auch heut nur kalten Wind , Seh ' keine Blätter fallen - Wenn ferne Lieben gestorben sind , Hören wir Glocken hallen . Du wunderst Dich vielleicht , daß ich über das , worin der Mittelpunkt meines Elendes ruht , über den Staat selbst , so wenig denke und zusammenstelle ; ich wundere mich manchmal selbst darüber ; aber es ist nicht anders . Was sollt ' ich ? Einen Staat konstruieren wie Sieyès , von dem man sagt , daß er immer mehrere Exemplare des Staates in den Taschen gehabt ? Dies Definieren aus der Luft ist nicht meine Sache , und Du glaubst nicht , wie die Gedanken , zaumlos freigegeben wie die Pferde der Ukraine in den unabsehbaren Steppen , Du glaubst nicht , wie sie in der Irre müde werden . Man denkt im geschäftlichen Leben , wo des Tags kaum zwei einsame Stunden gewährt sind , viel mehr Darstellbares ; unser Inneres braucht Abwechselung , Anregung ebensogut , um zu schaffen , wie der Körper , um sich kräftig zu entwickeln . Es gibt kein abgesondertes Innere als die Schwärmerei . Und soll ich toben , daß der Staat Gefängnisse