aber sie mochte auch den Bruder nicht gegen die Menschen undankbar erscheinen lassen , denen sie sich selbst zu so großem Danke verpflichtet fühlte , und die Rücksicht auf Andere trug es bei ihr über ihr eigenes Empfinden fort . Ich habe meinen Bruder seit Jahren nicht gesehen ! sagte sie nach langem Zögern leise und begütigend . Indeß sie hatte selbst diese Aeußerung zu bereuen ; denn nun der Damm der strengen Zurückhaltung einmal durchbrochen war , überstürzte Madame Flies die Kranke mit den Fragen ihres beschränkten Erstaunens , ihrer scharfsichtigen Neugier , und wie man sich von der harmlosen und doch quälenden Zudringlichkeit eines Kindes , nur um der Beunruhigung zu entgehen , oftmals mehr entlocken läßt , als man ihm irgend zuzugestehen dachte , so fand Angelika , als Madame Flies sich zurückzog , daß sie , solcher anmaßenden Herzlichkeit in ihrer Umgebung nicht gewohnt , der Fragenden mehr , weit mehr anvertraut , als sie irgend beabsichtigt hatte . Aber auch sie meinte erfahren zu haben , was ihr bisher nicht deutlich gewesen war . Sie meinte jetzt zu wissen , weßhalb Seba sich nicht verheirathet hatte , weßhalb ihre dunkeln Augen oft so traurig und forschend auf ihr ruhten , ja , weßhalb ihre Zärtlichkeit sie so warm umfing ; und Seba wurde ihr nur werther , seit die Baronin sich sagen konnte : auch sie liebte hoffnungslos , auch ihr traten die Schranken entgegen , welche die Stände von einander halten , auch sie hat es gekannt , das hoffende Verlangen und das traurige Entsagen , und sie ist besser als Du , denn keine Pflicht verbot ihr , frei über ihre Liebe zu verfügen , und kein Eid stand zwischen ihr und ihres Herzens freier Wahl ! In dem einsamen Sinnen des Tages , in dem schlaflosen Brüten der Nächte hatte Angelika eine Einkehr in sich selbst gehalten , sich Bekenntnisse gemacht , wie man sie nie vor einem Andern , wie man sie nur dem eigenen Gewissen abzulegen vermag ; denn es gibt ein Innerstes in dem Seelenleben fast eines jeden Menschen , das er nicht Preis geben kann , ohne das geheime Band zu zerreißen , welches die Elemente seines Wesens zusammenhält , ohne sich des freien Willens zu entäußern , der ihn zu einem selbstständigen Menschen , eben zu dem Menschen macht , als welcher er sich von der Masse seiner Mitmenschen unterscheidet . Jedes Bekenntniß , welches der Mensch vor einem andern Menschen ablegt , ist daher immer ein bedingtes . Die Persönlichkeit , die Meinung , der Glaube dessen , vor dem wir sprechen , wirken auf uns zurück , und hüllenlos , schrankenlos wahr vermag der Mensch nur gegen sich selbst zu sein , wenn Geständniß und Urtheil , aus gleicher Quelle entspringend , in Eins zusammenfallen . So lange sie sich in der Nähe und unter der geistigen Obhut des Caplans befunden , hatten sein religiöser Sinn und sein fester Glaube sie vor jedem Schwanken bewahrt . Sie hatte selbst die Sehnsucht nach dem ihr versagten Glücke eine Sünde in ihrer Brust gescholten . Das Beispiel des Caplans hatte sie zur Entsagung ermahnt , und wie der Freiherr es auf seine Weise that , hatte auch sie danach gestrebt , sich mit dem Gedanken an ihre bevorzugte Lebensstellung , mit der Erinnerung an ihren Rang und an ihre Geburt zu trösten und von dem Schicksale damit abgefunden zu glauben . Aber die Gedanken und Anschauungen des Menschen gehören ihm nur an , wie die Frucht dem Samenkorn angehört . Sie werden in ihrer mehr oder weniger schnellen Entwickelung , wie in der Art ihrer Entfaltung durch die äußeren Umstände bedingt , und seit Angelika nicht mehr im Schlosse weilte , seit sie nicht mehr ausschließlich von ihren Standesgenossen umringt , nicht mehr von der Unterwürfigkeit ihrer Dienerschaft umgeben ward , fing die Welt an , ihr verwandelt zu dünken , weil der Blick sich änderte , mit dem sie in ihr Inneres und in das Leben schaute . Von dem Tage ab , an welchem sie des Freiherrn Gattin geworden war , hatte die Ruhe sie geflohen . Schwere Enttäuschungen , Sorge um seinen Gemüthszustand , Gewissenszweifel , religiöse Kämpfe und Familienzerwürfnisse hatten ihre Seele nicht zum Frieden gelangen lassen , ehe die Herzogin ein Gast des freiherrlichen Hauses geworden war , und seit dem Erscheinen dieser Frau war Angelika nicht nur sich selber , sondern war ihr auch der Mann verloren gegangen , dessen Namen sie trug und dem sie sich für gute und für böse Tage unauflöslich verbunden hatte . Jetzt , da sie nicht mehr täglich auf die Unternehmungen und auf die Handlungsweise der Herzogin zu achten hatte , da die Anforderungen augenblicklicher Nothwehr sie nicht mehr in Beschlag nahmen und sie mit nachdenkender Prüfung auf die vergangenen Jahre zurückblicken konnte , wurden ihre Erlebnisse ihr klar und räthselhaft , deutlich und fast unbegreiflich zu gleicher Zeit . Sie konnte sich die Liebe nicht wegläugnen , welche sie für Herbert hegte , aber sie vermochte sich es jetzt völlig darzulegen , mit welcher berechneten Arglist die Herzogin sie dahin gebracht hatte , sich eine Neigung für den jungen Architekten zuzutrauen , und wie schlau und geflissentlich sie dieselbe in ihr zu nähren , ja , selbst durch ihr Abmahnen anzufeuern verstanden habe . Sie erinnerte sich , mit welchem Erschrecken es sie erfüllt , als die Herzogin ihr zuerst die Möglichkeit einer Liebe für Herbert vor das Auge geführt ; sie durfte sich sagen , daß sie redlich dagegen angekämpft habe , und wenn sie daneben auf die Verwicklungen , auf das Unglück blickte , das über sie gekommen war , das ihrem ganzen Hause drohte , so vermochte sie sich nicht , wie der Freiherr , fest auf sich selbst zurückzuziehen , sondern sie fragte sich : Warum ward mir dieses Schicksal ? Warum legte Gott mir Prüfungen auf , die zu bestehen er mich zu schwach gemacht hat ? Grade jetzt