Cölibat nicht aufgehoben . Ich erinnere mich noch sehr wohl , wie meine Schwägerin Juliane , Deine Großmutter , mich oftmals fragte , ob ich schon mein Augenmerk auf eine künftige Gattin geworfen habe ; worauf ich ihr regelmäßig antwortete : man dürfe sich nicht voreiliger Hoffnung hingeben . Als nun das Projekt zu Wasser wurde , sagte Juliane , ich hätte sehr weise getan , nicht zu früh zu hoffen . Da lachte ich und sagte : Ihre Hoffnungen hab ' ich voreilig genannt . Das war ihr aber nicht genehm . Ja , es war sogar manchem Katholiken nicht genehm ! Aber kurz ! die Allerweltskirche kam nicht in Deutschland zu Stande . Dagegen wurde die Braut Christi in Zucht und Vormundschaft genommen , mußte knappe Haushaltung lernen , durfte ohne Genehmigung betreffender Behörden keine Kerze auf dem Altare anzünden , kein Meßgewand des Priesters anfertigen ; mußte lernen , wie sie zu lehren habe , sie - die Christus selbst zur Lehrerin der Völker eingesetzt hat ; mußte in Staatsdienst treten und sich besolden lassen , sie , die uralte Ernährerin und Haushälterin jener zahlreichen Familie der Armen Christi , welche gerade an sie gewiesen , ihrer frommen Fürsorge anvertraut sind . Das alles und viel tausendmal mehr mußte sie sich gefallen lassen , und Du darfst mir glauben : manches treue Priesterherz hat darüber so viel Gram und Kummer ausgestanden , daß man wohl sagen darf : es habe freilich nicht für und mit dem Heiland den Tod gelitten , allein es habe die unblutige Passion von Gethsemane mit ihm durchgemacht . Das alles gehört zum Leben der Kirche . Es hat kein Leid , keine Bitterkeit , keinen Schmerz gegeben , welche der Sohn Gottes auf Erden nicht gekostet hätte . Könnte seine heilige Braut es wohl anders haben , als er ? Darum haben alle , welche in Wahrheit erkennen , was es heiße , den mystischen Leib zu bilden , einen unüberwindlichen , langatmigen Mut . Sie wissen , wem der endliche Sieg gehört , sie fürchten nicht die Legionen von gefallenen Geistern , die auf den Felsen Petri Sturm laufen . « » Fünfundsiebenzig Jahre - und kampfesfreudig wie St. Michael ? « rief Uriel . » O lieber Onkel , welchem großen Herrn mußt Du dienen ? « » Ach und immer als ein unnützer Knecht ! « entgegnete Levin lebhaft und faltete seine Hände als wolle er seinen Herrn um Verzeihung bitten . » Wäre ich doch ein solcher unnützer Knecht ! « seufzte Uriel . » Wozu hätte ich fünfundsiebenzig Jahre und über ein halbes Jahrhundert im geistlichen Stande gelebt , « entgegnete Levin , » wenn ich kein mutiges Vertrauen zu dem allmächtigen Herrn gewonnen hätte , dem ich diene ? Das Leben des Priesters ist ein Leben im Glauben und in der Gnade . Sie sind die himmlischen Stützen seiner gebrechlichen Natur . Er verläßt sich auf sie : das ist Vertrauen . Und dies Vertrauen auf göttlichen Beistand sollte er nur in Bezug auf seine armselige Person und nicht für seine vielgeliebte Mutter , die heilige Kirche , besitzen ? Nein , das wäre ein Widersinn ! O schwanke du nur , du Schifflein Petri ! laß sie heulen - die Orkane ! laß sie tosen - die Wellen ! laß sie brüllen - die Meeresungeheuer ! du trägst deinen Hort : Christus schläft . Er wird erwachen und dann werden die Stürme fallen . Aber , mein Sohn , wir wollen nicht zu jenen gehören , zu denen er sagen wird : O ihr Kleingläubigen ! « Himmelspforten Es war die schöne , heiligstille Adventzeit - dieser Vorfrühling im übernatürlichen Jahr , welches die Kirche durchlebt ; der Vorfrühlung unserer Erlösung . Uriel hielt sich noch immer in Windeck auf . Was sollte er in Rom ? was überhaupt in der Welt ? Die Baronin Isabelle quälte ihn ein wenig mit ihren verschiedenen Ratschlägen , was er alles versuchen und unternehmen könne ; und mit ihrem leisen Bedauern , daß er nicht Herr auf Stamberg geblieben sei . Er nahm es ruhig hin und sagte : » Liebe Tante , dieser Entschluß war eine höhere Fügung und ich harre jetzt wieder auf eine solche . « » Aber , lieber Uriel , « erwiderte sie , » man muß dem lieben Gott doch gewissermaßen Vorschläge machen und Spielraum geben , damit seine Fügungen irgend einen festen Boden vorfinden . « » Ich wüßte ihm in der Tat keinen Vorschlag zu machen , « entgegnete Uriel lächelnd . » Nun , zum Beispiel ! « rief sie ; » laß Dich auf Jochhausen nieder , wo Deine guten Eltern gelebt haben . Das wäre so eine Art von Andeutung , welche der liebe Gott verstehen und Dir häusliches Glück schicken würde . « Uriel lachte und sagte : » Das wäre eine entsetzliche Überraschung ! Hätte ich das gesucht , liebe Tante , so wär ' es allerdings vernünftiger gewesen , auf Stamberg zu bleiben - und daß ich dies nicht tat , betrachte ich eben als eine höhere Fügung . « Sie schüttelte zweifelnd den Kopf und entgegnete : » Ich bitte Dich , Uriel , sei vorsichtig ! Du stehst in einem bedenklichen Lebensalter . « » Doch weniger als vor zehn Jahren , sollt ' ich meinen ! « entgegnete er immer noch lachend . » Ach , Kind ! « rief sie , » lache nicht ; es ist sehr ernsthaft ! Sieh ' : ist ein Mann über dreißig Jahre alt geworden und unverheiratet - ja sogar ohne den Wunsch und Willen zu heiraten , geblieben , da er es in seiner Lage doch könnte , so droht ihm von Tag zu Tag immer mehr die Gefahr , in Verhältnisse zu geraten , in Schlingen sich zu verwickeln , die ihn nicht glücklich und nicht gut machen , in die er aus Langeweile fällt und in denen er aus Trägheit bleibt