es war ihm , als ob sie sich etwas von ihm erzählten . Er brach wie ein gescheuchtes Wild durch die Zweige , floh aus dem Walde heraus und irrte durch die Äcker und Wiesen , die am Abhang der Anhöhe lagen . An einer Stelle setzte er sich auf den Markstein , an einer anderen legte er sich in das kühle Gras , wo es noch nicht von der Sense berührt war , denn seine Glieder waren von Ermattung wie zerschlagen ; aber sein Körper fand die Ruhe nicht , die seiner Seele fehlte . Er hörte vom Tale herauf den Schlag der Glocke und den Ruf des Wächters in regelmäßigen Absätzen , die den unerbittlichen Gang der Zeit verkündigten . Er sah den Mond über den Himmel wandeln und seinem Ziele näher und näher sinken ; an seinem weiten Wege konnte er sehen , wie lange schon die Welt der Ruhe pflegte , die ihn floh . Die Sterne glänzten in der herrlichen Sommernacht wie eine goldene Schrift auf dunkelblauem Grunde ; aber mit seinem stumpfen Blick konnte er sie nicht lesen , und kopfschüttelnd ging er nach dem Walde zurück . Sein ganzes Schicksal zog in dieser Nacht an seiner Seele vorüber ; die Vergangenheit schmerzte , stachelte ihn , und die Zukunft hing wie eine wetterschwangere Wolke vor seinem Auge . Es sah wüst und wild in seinem Innern aus . Vermöge seiner Anlagen und seiner Erziehung wußte er recht wohl zu unterscheiden , was gut und böse sei , und diese Erkenntnis redete zu ihm in der Sprache der überlieferten Religion , die er mit der Muttermilch eingesogen hatte . Obwohl er mit der Kirche oder vielmehr mit dem Pfarrer haderte und das Maulchristentum der meisten um ihn her verachtete , so war er doch kein Freigeist ; woher hätte er auch , der ungeschulte Denker , das Zeug dazu nehmen sollen ? Er glaubte fest an seinen Heiland , wie alles um ihn her , und seine von Not und Schuld gepeinigte Seele schrie oft gen Himmel auf ; aber er war das Kind eines aus hartem Stoffe geschaffenen Volkes , das oft das zarteste Gebet und den rohesten Fluch beinahe in einem Atem auf die Lippen bringt . Ein beißender Witz , ein Anreiz zur Lebenslust oder eine Wallung des Zornes konnte die erschütterndste Wirkung des Heiligen im Nu verwischen , und seine Anklage gegen die Welt , daß sie nicht nach den Geboten des Glaubens lebe , lieh auch ihm die Entschuldigung , daß ein echtes Christentum die Kräfte des Menschen übersteige . Dennoch brannten ihn jene frommen Lehren , welche ihm am eindringlichsten von seiner Mutter eingeprägt waren , wie mit Flammenschrift in seine Seele , die verzagend ihr Verdammungsurteil in ihnen las . Er konnte es sich nicht bergen , daß er von einer verworfenen Tat herkam und einem verworfenen Leben entgegenging , in welchem nicht mehr bloß augenblickliche Not oder Leidenschaft vorübergehend das Schiffchen mit einem mißfarbigen Einschlag durch das Gewebe trieb , nein , in welchem das Verbrechen als alltägliches Handwerk in seiner kalten Gemeinheit waltete . In dieser schweren Nacht gedachte er an jene biblische Erzählung von dem Erzvater , der im Traume eine Leiter auf der Erde stehen sah , die mit der Spitze bis an den Himmel reichte ; die Engel stiegen daran auf und nieder , und Gott selbst stand oben darauf . Ihm nahm das Traumgesicht die entgegengesetzte Richtung : er sah endlose Stufen in die Tiefe führen ; der Weg hinab war leicht , aber die Rückkehr abgeschnitten ; schon war er weit hinuntergestiegen , und jetzt reichten ihm seine Genossen die Hände und tanzten lustig lachend immer tiefer mit ihm hinab . Die verführerische Gestalt der Gefährtin seines Verderbens winkte ihm , die Tochter einer gesetzlosen Welt erschien ihm wie eine schöne Tigerin , die mit heißer Zunge an seinem Herzen leckte . Mitten im Grausen der Verworfenheit empfand er den Reiz , der ihn zu ihr hinzog , und seine Sinne riefen ihm zu , die Lust des Lehens noch recht zu kosten , wenn er denn doch rettungslos verloren sein solle . Er schweifte in weiten Kreisen vom Felde in den Wald und vom Walde in das Feld zurück ; aber weder im Feld noch Wald wuchs das Kraut , das den fieberischen Aufruhr seines Blutes heilen konnte . Der Morgen kam , und endlich ging auch die Sonne über den Bergen auf . Höher steigend schien sie in das breite Tal hinein und trocknete den Tau von dem gemähten Heu , das in großen Haufen auf dem Felde lag , so daß bald ein süßer Duft sich mit den Morgenlüften mischte , jener Duft , der vor allen anderen den Menschen mit heimatlichen Empfindungen erfüllt . Der Geächtete sog ihn gierig ein , und Tränen traten in seine müden Augen . Wie oft hatte er da unten als Knabe mit anderen Knaben , die jetzt sich verabscheuend von ihm wandten oder mit der Mordwaffe seine Spur verfolgten , in dem aufgeschichteten Heu sich gewälzt und vor Freude gejauchzt ! Von dem Vorsprung , auf dem er stand , konnte er in seinen Flecken hineinsehen und die Giebel der Häuser erkennen , an welchen seine Erinnerungen hafteten . Dort , von den Erlen des Flüßchens überragt , stand das Haus , das ihn geboren , das nach dem rechten Laufe der Dinge ihn als Erben hätte behalten sollen . Hier , am Ende des Fleckens , stand das Haus der Armut , wo seine Kinder waren , wo er den schwarzen Faden angeknüpft hatte , der sich auf seinem Lebenswege immer fester um seine Füße wand . Und dort weiterhin sah er den Giebel des Rathauses , wo ihm aus diesem Faden die Stricke gedreht wurden , die ihn immer weiter von der bürgerlichen Gesellschaft losrissen . Dort war seine erste Christine diese Nacht im Gefängnis gelegen und befand sich jetzt wohl schon auf dem Wege , zu stark