eigentümlicher Zug dieser Wahngesichte war , daß keine Neigung sie hervorrief . Nur Gleichgültiges erschien , oft das , woran ich seit Jahren nicht gedacht hatte . Der Arzt verordnete mir allerhand Mittel , welche aber nichts halfen , im Gegenteil meine Konstitution noch mehr aufregten . Ach , leider wird es nur zu sehr verkannt , daß die Krankheiten , wenigstens ein Teil derselben , weit mehr sittlicher als sinnlicher Natur sind , und daß daher in vielen Fällen Tränke und Pulver wenig nützen können ! Eines Abends kam ich aus einem benachbarten Dorfe zurück , wohin ich zu Fuß gegangen war , um Kranke zu besuchen . Ich wollte das Schloß noch bei guter Zeit erreichen , in welches andre Hülfsbedürftige bestellt worden waren . Nur ein Bedienter folgte mir . Ich ging etwas rasch , und wählte , um früher nach Hause zu kommen , den Weg über den dem Schlosse gegenüberliegenden Hügel , obgleich derselbe an der einen Seite durch Dornen und Steilheit etwas beschwerlich war . Vom frühen Morgen an war ich tätig gewesen , es hatten sich gerade recht viele Pflichten und Geschäfte an diesem Tage zusammengedrängt , und ich dachte nicht ohne Selbstzufriedenheit daran , wie mancherlei ich werde zu Buche tragen können . Auf einmal war es mir oben auf dem Hügel , als wenn sich um meine Füße unsichtbare Schlingen legten , oder als ob ich an einen Stein stieße , der zugleich meine Schritte gewaltsam hemmte . Ich kann diese Empfindung durchaus nicht genauer beschreiben ; sie war zwischen Schmerz und Lähmung , und am nächsten komme ich ihr in Worten , wenn ich sage : Sie hatte Ähnlichkeit mit dem Gefühle des sogenannten Einschlafens der Gliedmaßen . Ich war unfähig , weiterzugehn , meinte zu fallen , und wußte doch , daß ich mich werde aufrecht halten können . In dem nämlichen Augenblicke erhob sich die Gestalt des Abwesenden aus dem Boden , deutlich , daß mir die Knöpfe an seinem Kleide erkennbar wurden , neigte sich gegen mich , legte - mit welcher Scham schreibe ich dieses nieder ! - seinen Arm um meinen Leib , und zog mich an seine Brust . Mich verließen die Sinne , und als ich von einem ohnmachtähnlichen Zustande erwachte , fand ich mich auf einer Rasenbank sitzend wieder , von dem zitternden Bedienten gestützt , der mir stotternd und totenbleich erzählte , daß ich plötzlich wie vor einem entsetzlichen Schrecknisse gestarrt , dann gewankt und einen angstvollen Schrei ausgestoßen habe . Meine Verfassung war fürchterlich . Messer durchschnitten mir die Brust . Die Sünde hatte sich mir unversehens in nackter Abscheulichkeit gezeigt . Da war nun keine Zeit zu verlieren , um zu retten , was sich noch retten ließ . Ich blickte umher , und sah , daß mich nichts vor dem Gedankenfrevel geschirmt hatte , weder die Ehe , noch die guten Werke . Die Kirche allein war der Felsen , an welchen ich mein irrschwankendes Schifflein noch knüpfen konnte . Nach einer qualenvollen Nacht , nach einem durchweinten Tage entdeckte ich mich in später Abendstunde unsrem Geistlichen , und soll ich es gestehen ? das verzweifelnde Herz trug sich mit der verstohlnen Erwartung , er werde mich nicht so strafbar finden , als ich mich selbst . Aber ich hatte mich getäuscht . Ein strenges Gericht ließ er über mich ergehn . In schrecklichen Zügen , in drohenden Beispielen machte er mir anschaulich , daß die Kluft von der Tugend zu der ersten Abweichung von ihr sehr groß , der Raum zwischen dieser und den letzten Tiefen des Lasters aber unendlich klein sei . Er führte mir die Wahrheit , daß der Körper nie , sondern immer nur die Seele sündige , in ihrer ganzen Strenge vor das Gemüt , und nannte zur Bezeichnung meines Zustandes ein Wort , welches meine Ohren nie zu hören geglaubt hatten . Düstre , aber heilsame Tage folgten . Ich ergab mich ganz seiner Führung . Der Arzt , so mancher Freund , der Herzog selbst wollten hemmend dazwischentreten ; Gott schenkte mir die Standhaftigkeit , ihre Angriffe zurückzuweisen . Hier galt es das Ewige , da durfte keine Menschenfurcht zu Rate gezogen werden . Das erste , was der Geistliche vornahm , war , daß er meine moralischen Rechenbücher zerriß . Er untersagte mir die guten Werke , mit denen ich mich gegen Gott auszulösen gewähnt hatte . Dergleichen , erklärte er mir , sei völlig unnütz , und führe immer nur zu verkapptem Hochmute . Dagegen legte er mir die strengsten Andachtsübungen und eine völlige Versenkung in Gott und die göttlichen Dinge auf . Oft meinte ich , daß ich in diesem Ringen nach dem Unsichtbaren erlahmen werde , aber wundersam stärken die Leiden der Heiligung ; wenn unsre Wangen auch darüber bleich werden , so wächst doch freudige Gesundheit durch sie um das Herz . Nach und nach erwarb ich , sagen darf ich es , Fertigkeit im Büßen . Man wollte mich zerstreun , ich versetzte , daß mir die Sammlung notwendiger zu sein scheine . Erheitrungen sollten mir bereitet werden , mir , die ich von meiner immer wachsenden Heiterkeit schon andern hätte mitteilen können . Diese konnten keine Anfechtungen zerstören . Der Herzog begann , gewiß in guter Absicht , mir unmutig zu begegnen , ich opferte gern den Frieden des Hauses auf dem Altare meines Gottes . Nachmals gab es noch einen gewaltsamen Krampf in dem schwachen Geschöpfe , der zuletzt in eine Krankheit sich auflöste . Von dieser erstanden , war ich geheilt in jedem Sinne des Worts . Der Weg war mir jetzt ganz gebahnt , von welchem mich auch die schwersten Unglücksfälle nicht haben abbringen können . Wem kein so reicher Geist gegeben worden ist , daß ihm nur das verworrne Mancherlei des Lebens Beschäftigung gewährt , wer an einfachen Wahrheiten und Grundsätzen die Nahrung seines Innern findet , der soll erziehn . Denn dieses Geschäft besteht nur darin , daß man