auf als eine neue Erscheinung . Herders Kuß war von meiner Seite ganz willenlos oder eher unwillig angenommen , und doch hab ich ihn nicht vergessen ; ich konnte in erster Zeit den Eindruck nicht verwinden , er verfolgte mich im Traum ; bald war mir ' s , als habe ich wider meinen Willen etwas weggeschenkt , bald überraschte es mich , daß dieser große bedeutende Mann mich so dringend aufgefordert hatte , ihn zu küssen , dies war mir eine rätselhafte Erfahrung . Herder sah mich so feierlich an , nachdem er mich geküßt hatte , daß mich ein Schauer befiel ; der rätselhafte Name Psyche , dessen Bedeutung ich nicht verstand , versöhnte mich einigermaßen mit ihm , und wie denn manches Zufällige , was vielen unscheinbar vorüberschweift , einen tief rührt und eine währende Bedeutung für ihn gewinnt , so war mir dies unbegriffne Wort Psyche ein Talisman , der mich einer unsichtbaren Welt zuführte , in der ich mich unter diesem Namen begriffen dachte . So lehrte mir Amor das Abc , und in meiner Geisblattlaube , in der die Spinnen rund um mich her dem beflügelten Insektenvolk Netze stellten , seufzte die kleine beflügelte Psyche über dieser problematischen Lektion . Ach Herr ! - Im Anfang des Jahres ist die Sonne mild , sie schmeichelt den jungen Trieben , dann spaltet sie die Keime und wird immer dringender , die geöffnete Knospe kann sich nicht wieder in die kühle Kammer bewußtloser Dunkelheit verschließen , ihre Blüte fällt dem glühenden Strahl , der sie erst lockte , als Opfer . Dritter Kuß Der blinde Herzog vom Aremberg , der schöne , dessen Zügen die geheiligte Würde der Legitimität aufgeprägt war , wollte gegen meinen Willen mir diesen Kuß geben , ich aber war wie die schwankende Blume im Winde , die der Schmetterling vergeblich umtanzt . Laß Dir ' s erzählen und ausmalen mit diesen bunten Farben aus dem Muschelkasten des Kindes , mit denen ich damals noch meine Welt ausmalte und sie verstand , und Du wirst sie auch verstehen und Dich freuen , daß Du mit mir in den Spiegel siehst , in dem ich mich erkenne und den Genius , der mich zu Dir lenkt . Er war schön , der Herzog ! - Schön für das großgewölbte Kinderauge , das noch kein Menschenantlitz erblickt hatte , dessen Züge Geist ausströmten . Wenn er stundenlang bei der Großmutter saß und sich von ihr erzählen ließ , stand ich neben ihm und starrte ihn an : ich war in Betrachtung dieser reinen erhabenen Züge versunken , die dem gewöhnlichen Menschen nie geschenkt werden . Die reine , starke Stirn , deren Mitte eine Feuerstelle hatte für den göttlichen Brand des Zorns , diese Nase , höher , kühner , trotzbietender als sein schauerliches Schicksal , diese feinen feuchten Lippen , die mehr als alles andre Befehl und Herrscherwürde aussprachen , die Luft tranken und ausseufzten die tiefste Melancholie , diese feinen Schläfe , sich an den Wangen niederschmiegend zum aufgeworfnen Kinn , wie der metallne Helm der Minerva ! - Laß mich malen , Goethe , aus meinem kleinen Muschelkasten , es wird so schön ! Sieh sie an , die grellen abstechenden Farben , die der philosophische Maler vermeidet , aber ich , das Kind , ich male so ; und Du , der dem Kinde lächelt wie den Sternen , und in dessen Begeistrung Kindereinfalt sich mischt mit dem Seherblick des Weisen , freue Dich der grellen bunten Farben meiner Phantasie . So war er , der schöne , blinde Herzog , so ist er noch jetzt in dem Zauberspiegel der Erinnerung , der alle Bilder meiner Kindheit gefesselt hält , der sie in Perlen reiht und Dir als Opfer zu Füßen legt ; so war seine Gestalt oft niedergebeugt im Schmerz um die erblindete Jugend , dann stolz erstreckt , sich aufrichtend , heiter verächtlich ironisch lächelnd , wenn er die tiefversunknen Augensterne gegen das Licht wendete . Da stand ich und starrte ihn an , wie der Schäferknabe tief vergessen seiner Herde und seines Hundes , den an den einsamen Felsen geschmiedeten , von der abgewendeten Welt unbeklagten Prometheus anstarrt ; da stand ich und saugte den reinen Tau , den die tragische Muse aus ihrer Urne sprengt , um den Staub der Gemeinheit zu dämpfen , indem ich in tiefer , bewußtloser Betrachtung über ihn versunken war . - Es war in seinem zwanzigsten Jahr , im tollen , glühenden Übermut der Jugend , im Gefühl seiner überwiegenden Schönheit und im geheimen Bewußtsein alles dessen , was dieser zu Gebot stand , daß er am Tag der Jagd über die gedeckte Tafel sprang , mit seinen Sporen das Tischzeug mit Service und Prachtaufsatz auf die Erde riß und am Boden zerschmetterte , um seinem liebsten Freund an den Hals zu springen , ihn zu umarmen , mit ihm tausend Abenteuer zu besprechen . Sie teilten sich auf der Jagd , und der erste Schuß , den der Freund tat , war in beide Augensterne des Herzogs . Ich habe den Herzog nie bedauert , ich bin nie zum Bewußtsein über sein Unglück gekommen ; so wie ich ihn sah , erschien er mir ganz zu sich und seinem Schicksal sich verhaltend , ohne Mangel ; wenn ich andre hörte sagen : » Wie schade , wie traurig , daß der Herzog blind ist ! « so fühlte ich ' s nicht mit , im Gegenteil dachte ich : » Wie schade , daß ihr nicht alle blind seid , um die Gemeinheit eurer Züge nicht mit diesen vergleichen zu dürfen ! « Ja Goethe ! Schönheit ist ja das sehende Aug Gottes , Gottes Auge , auf welchem Gegenstand es mit Wohlgefallen ruht , erzieht die Schönheit , und ob der Herzog auch nicht gesehen habe , - er war dem göttlichen Licht vermählt durch die Schönheit , und dies war allemal nicht das bitterste Schicksal . Wenn