; „ Du kannst ja da auch auf den Oheim lauern und stehst doch im Trockenen und ich bleibe bei Dir und gehe nie , nie wieder von Dir . “ — „ Ernestine ! “ rief Johannes und wollte sie umfangen . Von der raschen Bewegung erwachte er und fand sich allein . Er mochte kaum eine Viertelstunde geschlummert haben und doch konnte er nicht wieder einschlafen . Eine Zeit lang blieb er ruhend liegen , dann litt es ihn nicht mehr im Bette und er erhob sich , um dem entscheidenden Tag , der ihn erwartete , entgegenzugehen . Es war Abend geworden . Wie Tags zuvor saß Ernestine an ihrem Schreibtisch , aber heute war er leer , sein Inhalt gepackt , die Kiste , die sich gestern so langsam füllte , stand verschlossen und reisefertig da . Ernestine hatte müßig die Hände im Schoß und hörte mit einer Abspannung , die an Stumpfheit grenzte , zu , wie der Oheim der weinenden Willmers die Preise bezeichnete , welche sie nach seiner und des Fräuleins Abreise für die Einrichtung des Hauses fordern dürfe . „ Die physiologischen Werke und Apparate habe ich dem Schullehrersohn Walter zugedacht , “ sagte sie . „ Was ? “ rief Leuthold . „ Einen Wert von nahezu tausend Talern willst Du verschenken ? “ er hielt mit einem Blick auf die Willmers inne . Diese war taktvoll genug , sich zu entfernen . „ Jetzt , wo wir Bettler sind , “ fuhr er fort , „ wirfst Du das Geld zum Fenster hinaus ? “ „ Die tausend Taler , welche die Sachen wert sind , schützen mich kaum vor Hunger , dem jungen Manne aber werden sie eine Zukunft gründen . Er ist ein Talent , das nicht untergehen darf — und das ich retten kann , indem ich ihm das Material zu seiner Fortbildung gebe . “ „ Ist es denn möglich ? Hast Du die Pflicht , jedes verkommene Genie zu unterstützen ? “ „ Oheim ! “ sagte Ernestine mit schneidender Kälte . „ Ich ersuche Dich , mir Deine Ansichten über mein Tun zu ersparen . Die Gewohnheit , sich beherrschen zu lassen , legt sich , wie es scheint , leichter ab , als die zu beherrschen . Ich meinerseits habe seit gestern die meine von mir geworfen wie ein Kleid . Es wäre gut , Du tätest das Gleiche . “ „ Nun , einen Rat glaubte ich mir noch erlauben zu dürfen . “ bemerkte Leuthold . „ Ich werde Dich darum bitten , wenn ich eines solchen bedarf . Für diese Sache wird es Dir wohl genügen , wenn ich sage : Ich will es so ! “ Leuthold betrachtete die starre Gestalt mit einer Mischung von Furcht und Haß und dachte bei sich : „ Wenn ich Dich nur erst über dem Meere und in meiner Gewalt habe , dann sollst Du büßen für alle Martern , die ich um Deinetwillen ertragen mußte — schwer büßen ! “ Und geschäftig malte ihm sein rastloser Geist die Rache aus , die er in jener fremden Welt an ihr üben konnte . Ein häßliches Lächeln spielte um seine Lippen , als er an das Elend dachte , dem er diese stolze Natur entgegenschleppte . „ Sie wird verkommen , langsam , unrettbar verkommen ! “ frohlockte es in ihm . Ernestine erhob sich . „ Wir haben nur noch einige Stunden bis zur Abfahrt , “ sagte sie . „ Ich muß sicher sein , daß mein Wille vollzogen wird . “ Sie schritt in ihr Laboratorium und verpackte , so gut sie konnte , die Apparate , die sie Walter zugedacht hatte . Dann nahm sie der Willmers den Brief an Leonhardt noch einmal ab , dem sie noch die Zeilen hinzufügte : „ Was auch kommen möge , bewahrt mir diese Gegenstände und Bücher wie ein Heiligtum . Erhaltet sie mir , indem Ihr sagt , sie seien Euer , — sonst werden sie Euch und mir entrissen . “ So wußte sie ihr Geschenk auf alle Fälle vor gerichtlicher Beschlagnahme sicher . Sie kannte Leonhardt zu gut , um nicht zu wissen , daß dieser die Sachen nur behalten werde , wenn er glaube , sie für Ernestine zu bewahren . — Dann ließ sie Diener kommen und befahl ihnen , die Kisten mit dem Briefe in das Schulhaus zu schaffen . Als diese mit ihrer Last abgefertigt waren , ging sie in die Bibliothek und schickte sich an , auch die Bücher auszuwählen , die Walter haben sollte . Da eilte Leuthold herbei : „ Möllner kommt auf die Tür zu . Nun , Ernestine , nun nimm Dich zusammen ! “ Die Zähne schlugen ihm aufeinander , so rüttelte ihn die Angst . „ Sei stark , Ernestine , ein Menschenleben steht auf dem Spiele . Wenn Du mich nicht vor Möllners Rache und dem Gesetz rettest , bin ich des Todes ! Beim Haupte meines Kindes , das mir das Heiligste ist , schwör ’ ich Dir , ich begehe einen Selbstmord , ehe ich mich in die Züchtlingsjacke stecken lasse , danach richte Dich ! “ Ernestine sah ihn entsetzt an . Diesmal sprach er die Wahrheit . Nackte , blasse Verzweiflung stierte ihr aus dem verzerrten Gesicht entgegen . „ Oheim , “ rief sie , „ fasse Dich ! Ich werde Dich nicht zum Selbstmord treiben . Meine Hand darauf , mein Entschluß ist unerschütterlich . Willst Du nicht zugegen sein ? “ „ Nein , das wäre vom Übel . Ich will indessen Alles zur Abfahrt rüsten , damit wir nachher durch nichts aufgehalten sind . Also vergiß nur nicht : Wir haben uns verglichen , hörst Du ? Wirst Du das sagen ? “ „ Mein Wort darauf . “ „ Ich will gehen , ich will ihm nicht in die Hände laufen . Gesegnet sei Deine Zunge für jedes gute