Forbeck unter der Tür . Während Werner das junge Paar betrachtete , streifte Tassilo zärtlich die Hand über das Haar der Schwester . Im Speisezimmer , dessen Tisch zum Frühstück gedeckt und mit Blumen geschmückt war , fanden sie Gräfin Anna und die Kleesberg . Und da wollte nun Kitty , die das Heim ihres Bruders an diesem Morgen zum erstenmal betrat , vor allem sehen , » wie das Glück wohnt ! « Es wohnte schön - in Räumen , welche Zeugnis gaben von vornehmem Kunstsinn und erlesenem Geschmack . Kitty faßte ihr Entzücken in das Urteil : » Das ist keine Wohnung , die man eingerichtet hat . Das kommt mir vor , als wäre das gewachsen , ganz von selbst , wie ein Baum , wie eine Blume . Ihr beide müßt so wohnen ! Ich kann es mir gar nicht anders denken . « Nur im Zimmer der Gräfin vermißte sie etwas - das Allerwichtigste . » Anna ? Wo ist dein Flügel ? « » Der steht , wo sein Platz ist , « fiel Tassilo lächelnd ein , » in meinem Zimmer ! Komm ! Da sollst du auch noch was anderes sehen . « Er öffnete die Tür des anstoßenden Raumes . Ein leiser Schrei glücklichster Überraschung . An der Wand , im vollen Licht der beiden Fenster , hing ein großes Gemälde : aus dem schimmernden Farbenzauber der Leinwand leuchtet eine weiße Mädchengestalt heraus ; die Schatten des nahenden Sturmes umdrohen sie , doch sicher und lächelnd , von Sonne umschmeichelt , ruht sie auf den starken Mannesarmen , die sie fahrlos hinübertragen über den Steg des tobenden Wildbaches . » Hans ! « stammelte Kitty . » Und das hast du mir verschwiegen ! Oder hast du selbst nicht gewußt - « Ihre Augen suchten den Bruder . » Tas ? Wie kamst du zu diesem Bild ? « » Durch gütige Vermittlung der Post . Und dann kam aus Capri ein Brief , in dem ein gewisser Hans Forbeck sich entschuldigte , daß sein Hochzeitsgeschenk den Umweg über Berlin genommen hätte . « » Hans ! « jubelte Kitty . Und dann stand sie stumm an seine Schulter gelehnt und trank mit glänzenden Augen den Zauber dieser Farben . Immer heißer glühten ihre Wangen . » Hans ! « Sie schlang die Arme um seinen Hals . » Ich bin stolz auf den Namen , den ich tragen werde ! « Dann flog sie auf die Gräfin zu . » Eine Bitte , Anna ! Die mußt du mir erfüllen ! Sing mir das Lied vom Jasminstrauch ! « Gräfin Anna öffnete den Flügel . Eine Flut von Tönen rauschte durch den Raum , und die herrliche Stimme klang . Grün ist der Jasminenstrauch Abends eingeschlafen . Als ihn mit des Morgens Hauch Sonnenlichter trafen , Ist er schneeweiß aufgewacht . Was geschah nur über Nacht ? Seht , so geht es Bäumen , Die im Frühling träumen . Als Gräfin Anna die schlanken weißen Hände in den Schoß sinken ließ , war es lange still im Zimmer . - Und einige Stunden später das wirre Getriebe des Bahnhofes , das Pfeifen der Lokomotive , das dumpfe Schlagen der Räder , die sich unter dem gleitenden Wagen drehten , immer schneller und schneller . Kitty und Gundi Kleesberg reisten nach Hubertus . Wohl hatte Tante Gundi , die » das Äußerste « gern noch verschoben hätte , eine » Ruhepause « von einigen Tagen gewünscht . Aber Kitty wußte die Weiterreise durchzusetzen - sie wollte ihr Glück entschieden wissen , und Tassilo hatte ihr beigestimmt . Eine Depesche meldete nach Hubertus , daß die Damen mit dem letzten Zug eintreffen würden , und daß der Wagen sie bei der Station erwarten sollte . Für Kitty wurde die Reise zu einem fliegenden Traum . Sie kam sich vor wie ein Kind , dem eine Flüsterstimme zärtliche Märchen erzählt . Und immer sah sie farbig schimmernde Bilder vor den geschlossenen Augen . Wie sonderbar ! Daß sie an Märchen denken konnte ! Jetzt , vor dieser Begegnung mit dem Vater ! Aber war nicht alles , was sie in diesen Tagen erlebt hatte , das echte , rechte Märchen ? Der Flug dieser Heimreise ? Das blühende Wunder von Ravello ? Ihre Liebe und ihr Glück ? Immer spähte sie nach den von Wolken umlagerten Bergen , die näher und näher rückten und mit jeder Minute wuchsen . Diese Wolken , die sich dunkel herwälzten über die noch mit Schnee gesprenkelten Gipfel , trugen schweren Regen in sich , vielleicht ein Ungewitter . Im Bahnwagen brannte die Lampe schon , und draußen sank die Dämmerung . Die schwermütigen Dorfmoore hatten gelblichen Schein ; in tiefer Schwärze stiegen die Bergwälder auf , und durch das blaugraue Gewölk , wenn die treibenden Massen sich zuweilen klüfteten , leuchtete ein Fetzen Himmel gleich einer rot brennenden Fackel . In Kitty erwachte eine beklemmende Erinnerung . Ein ähnlicher Abend war es gewesen , als sie von der versäumten Hochzeit ihres Bruders nach Hause fuhr ! Tiefer und tiefer sank die Dämmerung ; dann ein Pfiff der Lokomotive , und das Ziel war erreicht . Vor dem Bahnhof stand die Kalesche . Der Kutscher war einsilbig und musterte die Damen mit scheuem Blick . Es wurde finster , bis der Wagen durch das Parktor von Hubertus lenkte . In der Tiefe der Allee stand eine funkelnde Säule : die von den Laternen der Veranda beleuchtete Fontäne . Im Adlerkäfig kein Laut , nicht das leiseste Geflatter . » Seltsam ! « murmelte Kitty . » Wie still sie heute sind ! « Der Wagen hielt , und Fritz , mit der Lampe in der Hand , trat zum Schlag . Er sprach nicht , sein Gesicht war blaß , und die Lampe klirrte . Verwundert sah ihn Kitty an und wollte sprechen . Da gewahrte sie noch einen anderen . Auf den Stufen der Veranda stand der