rut . « Die Krügersfrau , die noch beim Abtrocknen war , nahm eine kleine Laterne vom Brett , steckte den Lichtstumpf an , hakte wieder ein und folgte dem Knecht auf die Straße . So traten sie an die Rückseite des Schlittens , der nur zwei Korbwände hatte , nach hinten zu aber offen war . Der Knecht schob ein Strohbündel , das als Decke gedient haben mochte , zurück , und die Krügersfrau leuchtete nun in den Schlitten hinein . Aber die Laterne fiel ihr aus der Hand , und sie tat einen Schrei . Dann lief sie wieder in das Haus , rüttelte den Mann , der in dem Alkoven nebenan eingeschlafen war , und rief : » Steih up , Drews . Kumm , mach flink . Ick gloob , he is all dood . « » Wihr , wihr ? « fragte der Krüger , aus dem Schlaf auffahrend . Aber die Frau war schon wieder an der Tür . » Jott , Jott , wihr sall et sinn ... ? De jungsche Herr von Hohen-Vietz . « Vierter Band Wieder in Hohen-Vietz Erstes Kapitel In Bohlsdorf Es war drei Tage später . In dem hinter der Gaststube gelegenen Alkoven saß die Bohlsdorfer Krügersfrau und beugte sich über ihr Kind . Sie sang es in Schlaf , aber mit leiser Stimme , und in noch leiserer Schaukelbewegung ging die Wiege . Es hätte dieser Vorsicht nicht bedurft , denn der Kranke , dem sie galt und der über dem Alkoven gebettet war , lag nun schon den dritten Tag in einem schweren Schlaf und war taub und tot gegen alles , was um ihn her vorging . Ein Arzt war noch nicht zu beschaffen gewesen , aber an Pflege gebrach es nicht , wenn man einem bloßen Aufmerken und Abwarten , dem sich seit dem gestrigen Tage zwei Frauen unausgesetzt unterzogen , diesen Namen geben konnte . Mittag war vorüber . Es mochte die zweite Stunde sein , die schon wieder sinkende Sonne schien durch das Fenster einer kleinen Giebelstube , und ein freundlicher Glanz , als ging ' er von dem Kranken selber aus , war um diesen her . » Seine Stirn ist feucht « , sagte die Schorlemmer . » Geh , Renate , und ruhe dich aus . Eine Viertelstunde nur . « » Ich bin nicht müde . « » Du mußt es sein . Geh . « Und sie ging . Aber nicht , um zu ruhen , sondern um einen Brief , den sie versprochen hatte , nach Hohen-Vietz hin zu schreiben . Das Stübchen , das gleich nach ihrer Ankunft als Wohn- und Schlafzimmer eingeräumt worden war , lag an der andern Giebelseite des Hauses und zeigte noch jenes Durcheinander , das der erste Moment der Ankunft immer zu geben pflegt . Zum Ordnen und Aufräumen war eben noch nicht Zeit gewesen . Auf zwei Stühlen stand der geöffnete Reisekoffer , während auf eins der beiden Betten hin Muffen und Mäntel samt allerlei Shawls und Tüchern geworfen waren . Renate schien auch jetzt noch kein Auge für diese Dinge zu haben , ließ alles liegen , wie es lag , und rückte nur den Tisch , um besseres Licht zu haben , an den Fensterpfeiler . Dann schob sie die rote Leinwanddecke , in die ein radschlagender Pfau weiß eingemustert war , ziemlich unsorglich beiseite und nahm ein Karlsbader Schreibnecessaire aus dem Koffer , das , wenn man es aufklappte , ein schräges Pult bildete . Aber die Tinte war fest eingetrocknet , so fest , daß selbst ein paar Tropfen Wasser nicht helfen wollten . So mußte denn anderweitig Rat geschafft werden . Sie nahm aus ihrem Notizbuch ein dünnes Bleistiftchen , das natürlich abgebrochen war , gab ihm eine Spitze , so gut es ging , und schrieb nun in Schriftzügen , deren schwer entzifferbare Form nur noch von ihrer Blässe übertroffen wurde , das Folgende : » Bohlsdorf , den 1. Februar Liebe Marie ! Wir sind gestern um die vierte Stunde hier angekommen und fanden unseren Kranken in einem tiefen Schlafe , der auch jetzt noch anhält . Wie tief dieser Schlaf ist , zeigte sich heute früh . Ich stieß ein neben dem Ofen stehendes Schüreisen um und erschrak , denn es gab einen großen Lärm ; aber Lewin öffnete die Augen nur , um sie sofort wieder zu schließen . Übrigens schien er mich erkannt zu haben ; ich sah ihn lächeln , freilich nur wie im Traum , denn der Schlaf hatte gleich wieder Gewalt über ihn . Wir erwarten jeden Augenblick Doktor Leist , und diese Zeilen sollen nicht eher fort , als bis wir ihn gehört haben . Wie dies alles so gekommen ? Ich habe nur wenig mehr erfahren , als wir schon wußten . Und Du mit uns . Ein Knecht fand ihn besinnungslos am Wege , lud ihn auf seinen Schlitten und gab ihn hier in Bohlsdorf ab . Die Krügersleute haben sich seiner angenommen und ihn gehegt und gepflegt . Er liegt in einer Giebelstube ; Tante Schorlemmer und ich bewohnen die andere ; nur der Bodenflur ist zwischen uns . Warum er Berlin verlassen hat , um in Wind und Wetter bis hierher zu kommen , darüber hab ich nur Vermutungen . Und auch diese kaum . Es muß etwas Plötzliches gewesen sein , denn er war leicht gekleidet und trug nur Rock und Filzkappe , trotzdem es eine naßkalte Nacht war . Eine Stunde früher , als der Knecht ihn fand , hat ihn der Bohlsdorfer Amtmann , der mit seiner jungen Frau von einem der Nachbardörfer kam , auf den Chausseesteinen sitzen sehen . Die junge Frau ( sehr hübsch ) war heute vormittag bei mir und hat mir von der Begegnung erzählt . Sie habe sich vor ihm wie vor einer Erscheinung erschrocken . Dann sei er aufgesprungen und ihrem Wagen zwischen den Pappeln hin eine lange Strecke gefolgt .