. Alles Blut entwich aus ihren Wangen , ihre Lippen zuckten , und mit dem Ausrufe : Und das sagen Sie , eben Sie ! sank sie vor dem Lager der Baronin auf die Kniee , das Gesicht in ihren Händen bergend . Aber in dem nämlichen Augenblicke kam ihr auch der Gedanke , daß sie Angelika erschreckt habe , daß sie sie nicht beunruhigen dürfe , und gewaltsam die Herrschaft über sich gewinnend , richtete sie sich empor . Ihre Wangen waren noch bleich , indeß ihr Mund konnte wieder lächeln , und Angelika ' s Hände sanft in die ihren schließend , sprach sie freundlich : Wie mich das freut , daß meine Dienste Ihnen angenehm und meine Nähe Ihnen lieb ist ! Nur danken , nur loben müssen Sie mich nicht , ich verdiene das nicht ! Wer eine Wunde in seinem Innern zu verbergen hat , wird feinfühlig für fremden Schmerz . Angelika hörte , daß in Seba ' s Worten mehr als jene höfliche Ablehnung eines Dankes verborgen war , mit der die gesellschaftliche Sitte sich ihr Dankescapital auf Zinsen legen läßt ; darum wagte sie keine Frage zu thun , aber die Frage , was ihrer sanften Pflegerin begegnet sein , was sie erfahren und erlitten haben könne , beschäftigte sie fort und fort . Sie wünschte von ihr zu hören , sie wünschte zu wissen , ob ihre Theilnahme für Seba Werth besitzen könne , und sie hatte , als ihre Kräfte sich wieder hoben , keine große Mühe , Madame Flies von ihrem einzigen Kinde , von ihrer Seba sprechen zu machen . Mit größter Genugthuung erzählte dieselbe der Baronin wie jedem Anderen von der fröhlichen Kindheit , von der ersten , blühenden Jugend ihrer Tochter , von den zahlreichen Bewerbern , welche sie zurückgewiesen , und wie sie jetzt mit ihren bleicheren Wangen und ihrem ernsten , stillen Blicke , so schön sie sei , doch lange nicht mehr so herrlich aussehe , als vordem . Aber was hat Ihre Tochter denn so verändert ? War sie krank oder was ist ihr geschehen ? fragte die Baronin , die , abgesehen von ihrer Theilnahme für Seba , immer mehr von der Fremdheit der Lebensverhältnisse , welche sie umgaben , angezogen wurde . Madame Flies schöpfte Athem . Also endlich war er doch gekommen , der Augenblick , auf den sie so lange gehofft , auf den sie sich vorbereitet hatte , seit die Baronin in ihrem Hause darniederlag , endlich war er gekommen , endlich war er da ! Sie rückte näher an das Bett heran , sah vorsichtig hinter den grünen Schirm , der das Lager der Baronin umgab , schob sich die Kantenhaube zurecht und sagte mit klopfendem Herzen , während sie vertraulich ihre Hand auf den Arm der Kranken legte : Aufrichtig , gnädige Frau Baronin , wissen Sie denn gar nichts von uns ? Hat er Ihnen denn gar nicht von ihr gesprochen ? Angelika verstand sie nicht . Was soll ich denn von Ihnen wissen , meine Beste ? Nicht von mir , Gott bewahre , nicht von mir ; denn was wir gethan haben , war unsere Schuldigkeit , und wir haben es sehr gern gethan ! Nur von meiner Seba meinte ich ! bedeutete die Mutter . Von Seba - wer sollte mir wohl von ihr gesprochen haben ? fragte Angelika . Ich dachte der Herr Graf ! - Aber freilich , der Herr Graf sind gerade .... Sie wollte sagen : wie der Herr Baron ; indeß sie unterdrückte das Wort , und Angelika fiel ihr mit der Frage : Von welchem Grafen sprechen Sie ? auch lebhaft in die Rede . Madame Flies schwankte einen kurzen Augenblick . Sie wußte , daß sie auf dem Punkte stand , ein Unrecht gegen die Ruhe der ihr anvertrauten Kranken zu begehen , und daß Seba ihr sicherlich nicht danken würde , was sie unternahm ; aber die Selbstsucht und die anmaßende Gewaltthätigkeit , von denen die Liebe so vieler Mütter nicht frei ist , trugen es über jede Rücksicht davon , und auf die wiederholte Frage Angelika ' s , welchen Grafen sie denn meine , antwortete sie schnell , als wolle sie es sich unmöglich machen , sich eines Besseren zu besinnen : Wen denn anders , als den Herrn Grafen Berka , den Grafen Gerhard , der im Quartiere bei uns lag ! Die Baronin schwieg . Es war lange her , daß Jemand ihr von ihrem Bruder gesprochen hatte . In der Welt , in welcher sie lebte , wußte Jedermann , daß sie mit ihrer Familie zerfallen war , und man hütete sich , sie daran zu erinnern ; aber sie hatte in den bangen Stunden , in welchen sie zu sterben geglaubt , sich lebhaft nach ihrem Vater und nach ihrer Mutter gesehnt , und hier in diesem Hause , in dem sie , fremd unter Fremden , einer Liebe theilhaftig wurde , welche sie an ihr Vaterhaus gemahnte , hier plötzlich von ihrem Bruder reden zu hören , kam ihr wie ein Gruß aus fernen Tagen , wie ein Gruß der Ihrigen vor . Sie kennen meinen Bruder ? fragte sie endlich . Ob ich ihn kenne ! rief Madame Flies , und erging sich in einer Schilderung des Grafen , in einer weitläufigen Erzählung der kleinen Erlebnisse , die man hier im Hause zur Zeit seines Aufenthaltes mit ihm gehabt , um dabei der Bewunderung gedenken zu können , welche er ihrer Tochter gezollt , und es mit lebhaftem Kopfschütteln völlig unbegreiflich zu finden , daß er ihres Hauses und ihrer Seba niemals gegen die Schwester Erwähnung gethan habe . Angelika schwankte unentschlossen . Jene Schamhaftigkeit der Seele , welche die zuverlässigste Bewahrerin und Schutzwehr wirklicher Würde ist , machte sie davor zurückschrecken , einer Frau , welcher eben diese Eigenschaft fehlte , ein Vertrauen zu beweisen , das bei ihr sicherlich nicht wohl aufgehoben war ;