er die Carcelllampe vom Tisch , doch während er sie in sein Arbeitszimmer hinüber trug , zitterte seine Hand so heftig , daß Kugeln und Glas beständig zusammen klirrten . Achtundvierzigstes Kapitel . Eine Mutter und ihr Kind . Zwischen seinen Büchern und alten bekannten Möbeln und Geräthschaften ging der Doktor längere Zeit auf und ab und gedachte der eben vergangenen Scene . Der Anblick all ' der bekannten und traulichen Gegenstände , die ihn schon seit langen , langen Jahren umgaben , - Manches stammte ja noch aus seiner Kinder-und Schulzeit her , - beruhigte allmälig seine Nerven und ließ sein Herz langsamer schlagen . - War er zu heftig gewesen ? - Anfänglich gewiß nicht , und am Ende hatte sie ja mit Gewalt seine Geduld zerrissen . - Nein , nein ! Diesmal konnte er sich nicht selbst anklagen ; er hatte ihrem Kommen mit den besten Gedanken entgegen gesehen ; hätte sie ihm nur die Hand gereicht und gesagt : es ist mir leid , daß das Alles geschehen , laß es gut sein ! - o , dann hätte er einen heiteren Abend erlebt , anstatt daß er sich jetzt so trostlos und unglücklich fühlte . - Hatte sie doch ruhig auf eine Scheidung angespielt , und den Gedanken konnte er nicht fassen und ertragen bei allen Fehlern , die sie hatte ; auch war sie ja die Mutter seiner Kinder , und er hatte noch immer gehofft . - Wenn sie aber an dem ausgesprochenen unglücklichen Gedanken festhielt , so war Alles für ihn verloren , denn er liebte sie immer noch . Von diesen finsteren Gedanken überwältigt , warf er sich in seinen Lehnstuhl und vergrub den Kopf in beide Hände . Er verfiel in jenen Zustand , wo man nicht mehr denkt , sondern wachend träumt , wo traurige und heitere Bilder mit einander kämpfen , wo jener wilde Schmerz , der unser Innerstes empört , ruhiger wird , wo nur tief im Herzen die eben überstandenen Leiden bei jedem Athemzuge nachzittern . Draußen an der Glasthüre wurde jetzt die Klingel sanft gezogen ; die Köchin öffnete , eine leise Stimme flüsterte etwas und darauf antwortete Jene : » Der Herr Doktor sind nur zu sprechen Mittags von Zwei bis Drei , sowie Mittwoch und Samstag Nachmittag zwischen sechs und sieben Uhr . « Die fragende Person schien nichts darauf zu antworten , wenigstens vernahm man im Zimmer nichts . » Auch werden Sie wohl wissen , daß heute der Weihnachtsabend und schon acht Uhr vorbei ist . - Nein , ich kann dem Herrn Doktor Niemand melden , Sie müssen schon morgen Früh wieder kommen . « » Das kann ich auch , « hörte man die andere Stimme sagen , » das kann ich auch , und bitte ich sehr zu entschuldigen . « Der Doktor fuhr aus seinen Träumereien empor und zog die Klingel , die neben seinem Schreibtische hing . Da draußen war eine Leidende , die man eben abweisen wollte ; ihm erschien es aber in diesem Augenblicke als eine Beruhigung , das Unglück Anderer zu hören , es vielleicht lindern zu können . Auch zog ihn der Klang der Stimme draußen an : er war so leise und klagend . Die Köchin trat in das Zimmer . » Wer war draußen ? - Wer hat geschellt ? « » Eine unbedeutende Person , - ein ärmlich aussehendes Frauenzimmer ; ich habe sie auf morgen früh wieder bestellt . « » Lassen Sie sie nur herein kommen . « » Ja , sie wird schon fort sein . « » So eilen Sie die Treppe hinab und holen sie herauf . « Die Köchin ging hinaus , schloß die Glasthüre hinter sich , man hörte sie in den untern Stock hinunter laufen , und wenige Augenblicke darauf kam sie wieder zurück , öffnete die Thüre zum Arbeitszimmer ihres Herrn und ließ ein Frauenzimmer eintreten , das schüchtern auf der Schwelle stehen blieb . » Sie haben mich noch heute Abend sprechen wollen ? « fragte sanft der Doktor . » Ja , und ich bitte sehr um Verzeihung , « entgegnete die Eingetretene ; » ich weiß wohl , daß ich eine ziemlich unpassende Zeit gewählt habe . « » Wenn man krank ist , so kann man das nicht so genau nehmen . - Womit kann ich Ihnen helfen ? Sind Sie von Jemand anders zu mir geschickt oder selbst krank ? « Das Mädchen schwieg einen Augenblick still , dann aber näherte sie sich mit einigen schüchternen Schritten dem Arzt , faltete ihre Hände und sagte : » Beides ist nicht der Fall , Herr Doktor : ich bin von Niemanden geschickt und auch nicht selbst krank . « » So wollen Sie auf andere Art meine Hilfe in Anspruch nehmen ? « entgegnete der Arzt , indem er die Hand an eine Schublade seines Schreibtisches legte , da er dachte : man will ein Almosen von mir haben . Mochte nun das Mädchen die Bewegung des Doktors verstanden oder den Blick begriffen haben , den er zu gleicher Zeit über ihre ganze Gestalt hinlaufen ließ , genug , sie sagte eifrig : » Um Ihre Hilfe bitte ich wohl , Herr Doktor , das heißt , nur um Ihre Hilfe in Worten - um Ihren Rath . « » Aha ! - Also doch eine Art ärztlicher Konsultation ? - So bitte ich , Platz zu nehmen . « Dabei stand er auf , schob ihr einen Stuhl hin und hob alsdann den Schirm von der Lampe , so daß das volle Licht auf des Mädchens Gesicht fiel . Ein Blick auf diese Züge belehrte übrigens den Arzt , daß er doch eine Kranke vor sich habe , und zwar eine schwer Kranke , eine Unheilbare . - Es war Katharine , die Nähterin , die sich nun vor ihm auf den Stuhl niederließ , und deren Brust sich heftig hob und senkte ,