durfte , und deshalb will ich mich ihr auch nicht entziehn . Als Hermann uns verlassen hatte , glaubte ich , die frohsten Tage im Nachgenusse der letzten schönen Stunde erleben zu dürfen . Das Dokument , welches uns in unserm Eigentume schirmen sollte , war gefunden und durch ihn , der mir so manchen Beistand geleistet hatte . Immer stand er vor mir , wie er freudeleuchtend das Pergament emporhielt , meine Gedanken ruhten an ihm , wie an einer festen Säule . Aber es war kaum eine Woche vergangen , als mich dieser Trost nicht mehr befriedigte . Eine Unruhe ergriff mich , von der ich mir keine Rechenschaft geben konnte , es fehlte mir , was ich nicht zu nennen wußte , mein Sinnen schweifte über Buch und Stickerei hinaus , wenn ich sie , um mich auf etwas zu heften , zur Hand nahm . Dem Gemahle , welchem ich doch vor allem Zutraun über jedes Begegnis meiner Seele schuldig war , verbarg ich diese peinigende Zerstreutheit , und zwang mich , in seiner Gegenwart so zu erscheinen , wie sonst . Wie tief wucherte schon das Unkraut in mir ! Am bedrücktesten fühlte ich mich des Abends - sonst meine liebste Tageszeit ! Die Nacht , welche früher die Ruhe Gottes über mich gebracht hatte , schien mich nun in ein Unendliches , Wüstes zu führen , vor dessen hohlbrausenden Wogen meine Seele erzitterte . Ich schlummerte zwar auch jetzt nie ohne Gebet ein , aber die Worte desselben regten mich zu wehmütigen Tränen auf . Es gemahnte mich , als könne ich mir selbst während des Dunkels abhandenkommen , als könne der Mensch verwandelt , schlimm aufstehn , der sich gut und unschuldig niedergelegt habe . Eines Tages sagte ich plötzlich unversehens laut für mich hin : » Es ist ja natürlich , daß ich ihn vermisse , war er doch beständig um uns ! Warum soll man sich nicht an einen Freund gewöhnen können . « Ich erschrak heftig , da ich diese Worte gesprochen hatte . Mein Zustand war sehr schlimm . Nach und nach hatte sich aus dem Gefühle des Zwangs , welches mir die Gegenwart des Herzogs einflößte , eine stille Furcht , aus der Furcht eine Abneigung entwickelt . Ich rechtete , ich haderte mit ihm , ich meinte , er vernachlässige mich , und wenn er mich aufsuchte , so bestrebte ich mich eher , ihn zu vermeiden . Der Herzog war unglücklich , ohne daß es mich schmerzte , seine stillen Blicke fragten mich , was er mir getan habe ? Ich schlug die meinigen nieder , um nur nicht aus der Verschanzung des Trotzes und der Hartnäckigkeit , in welcher ich nun schon eingewohnt war , gelockt zu werden . Von Franklin hatte ich gelesen , daß er die ihm obliegenden Pflichten nicht auf das Geratewohl hin erfüllt , sondern über seine Sittlichkeit förmlich Buch gehalten habe . Ich beschloß , etwas Ähnliches bei mir einzurichten . Vielfach war ich angesprochen , als Hausfrau , als Erzieherin , als Armenpflegerin . Ich legte mir ein Heft mit verschiednen Rubriken an , in welchem ich abends vor dem Schlafengehn die Werke des folgenden Tages einzeln verzeichnete . Auf der Gegenseite sollten die Unterlassungen als Debet diesem Kredit gegenüber eingeschrieben werden . Eine Kolumne war den allgemeinen menschlichen und christlichen Tugenden , der Sanftmut , Bescheidenheit , Verträglichkeit usw. gewidmet . Gewissenhaft besorgte ich eine Zeitlang diese moralische Rechnungsführung . Da es mir Ernst war , der Öde meines Zustandes zu entrinnen , da ich nicht feierte , und lieber zuviel als zuwenig mir auferlegte , auch seit meiner Jugend die höchste Achtung vor allen ausdrücklichen Verpflichtungen hegte , so füllten sich die Spalten meines Buchs ziemlich an ; immer geringer wurden die Rückstände , je weiter ich in der Übung der guten Werke vorrückte , und nach Verlauf eines Monats war ein beträchtlicher Überschuß aus der Bilanz ersichtlich . Diese Beschäftigungen und die damit nicht selten verknüpfte körperliche Bewegung machten mich ruhiger . Mein Schlaf wurde wieder erquickend und ich hielt mich für hergestellt . Meine Gedanken an den Abwesenden waren , oder schienen in den Hintergrund gedrängt , das Behagen der Häuslichkeit war mir zwar noch nicht zurückgekehrt , die Stunden , welche ich mit dem Herzoge zubrachte , behielten etwas Formelles , indessen setzte mich dies nicht in Erstaunen . Schon früh hatte ich mich mit der Vorstellung vertraut gemacht , daß der eigentliche Atem des Lebens doch nur die Pflicht sei , welche man mit Überwindung übe , und daß der Mensch gegen nichts vorsichtiger sein müsse , als gegen das Glück . Hatte ich nun früher mir oft im stillen gesagt , daß mir das Dasein ohne den Gemahl zur Einöde werden , daß ich seinen Verlust nicht überstehn , daß ein Ersatz für ihn mir undenkbar sein würde , so mußte die jetzige etwas kältere Empfindung mir als offenbarer Gewinn erscheinen . Nun fühlte ich , daß ein stilles Zurückziehn mich nicht zerstöre , daß er , eingeordnet in den ganzen Zusammenhang meines Lebens , zwar darin eine hohe , vorzügliche Stelle einnehme , aber doch nicht Grundfläche und Spitze der Pyramide ausmache . Über diese Entdeckung jauchzte ich , und glaubte , durch sie eine Bürgschaft unantastbaren Seelenfriedens erhalten zu haben . Wie täuschte ich mich , wie fern war ich vom Ziele , da ich es schon mit den Händen zu fassen meinte ! Ich litt , obgleich ich sonst gesund war , seit einiger Zeit an einer erhöhten Reizbarkeit der Nerven , welche sich besonders dadurch äußerte , daß mir unwillkürlich Phantasmen vor die Augen traten . Diese blieben zwar nur einen Moment sichtbar , während der kurzen Dauer desselben hatten sie aber die ganze sinnliche Deutlichkeit wirklicher Gegenstände . So sah ich nicht selten ferne Gegenden , in welchen ich einst gewesen war ; abwesende Personen , besonders Verstorbne zeigten sich mir in schnell vorüberschwebenden Schattenbildern . Ein