ist so echte , liebe Frauenart ! Die schätze ich , wo ich sie immer finde . Und nun soll mir ’ s auch schmecken . “ Und er zwang sich zu essen , damit die alte Frau doch nicht vergebens den Schlaf von ihren müden Augen abgehalten hatte . . „ Du lieber Gott , “ meinte Brigitte , „ wenn das Fräulein geahnt hätte , daß Sie da unten in der kalten , feuchten Nacht herumwanderten , es hätte sie doch recht erbarmen müssen . “ „ Das Fräulein kennt kein Erbarmen , meine liebe Frau Leonhardt , “ erwiderte Johannes bitter . Der alte Herr legte seine Hand begütigend auf Johannes ’ Schulter . „ Das meinen Sie selbst nicht . Sie haben das Fräulein viel zu lieb , um so schlimm von ihr zu denken . Es ist jetzt nur der Unmut , der aus Ihnen spricht . Wenn Sie doch nur so klar in diese große Seele sehen wollten wie ich , der von keiner Leidenschaft geblendet ist . Es klingt wohl seltsam , wenn ich vom Sehen spreche und dennoch muß ich es sagen . “ „ Aber , Vater Leonhardt , wer leugnet denn , daß Ernestine ein hohes , edles Wesen ist ? Würde ich das Alles für sie tun , wenn ich sie dessen nicht wert fände , auch nachdem sie mich von sich stieß ? Wenn Sie aber gestern in dies unbewegliche , steinerne geblickt Antlitz hätten wie ich , Sie hätten auch wie ich gefragt , ob dieses junge Geschöpf ein Herz in der Brust träge . “ „ Ja , sicher , sicher hat sie eines , “ beteuerte der Greis . „ Aber wissen Sie , Herr Professor , ihr Herz hat bisher seine Nahrung nur mittelbar durch den Geist empfangen . Sie hatte ja nichts , was sie lieben konnte , als ihre Ideen . Menschen kannte sie nicht . Was Wunder , wenn sie glaubt , nur da lieben zu dürfen , wo ihr Verstand < < Amen > > sagt ? Bei Ihnen kann er dies nicht sagen — Sie sind ihm in Allem entgegengetreten , was er für das Rechte hält , also muß er Sie anfeinden und das junge unterdrückte Herz muß sich still dabei verhalten . — Ernestinens Denken ist eben das eines gereiften Mannes , aber ihre Empfindung so unentwickelt wie die eines fünfzehnjährigen Mädchens . Daraus können sich nur unlösbare Widersprüche ergeben . Lassen Sie diesem unbewußten Fühlen nur Zeit , zu erstarken und schrecken Sie es nicht durch Kälte zurück , dann werden Sie sehen , ob es nicht plötzlich seine Rechte gegenüber dem Geiste geltend macht . Ich möchte fast sagen , sie ist eine Art Kaspar Hauser in der Welt des Gefühls.102 Sie kann sich noch nicht darin zurecht finden . Da bedarf es denn eines geduldigen Lehrers und der werden Sie sein , deß bin ich gewiß ! Setzen Sie nur Alles daran , daß sie nicht nach Amerika geht , sonst ist sie uns so gut wie gestorben . “ „ Darauf verlassen Sie sich , treuer und weiser Freund ! “ rief Johannes und ein eiserner Wille malte sich in seinem müden Antlitz . „ Nicht mir , sich selbst will ich sie ja retten ! “ „ Wenn Sie mit Frühstücken fertig sind , sollten Sie aber ein wenig ruhen , “ meinte Leonhardt . „ Meine Frau hat ein Bett für Sie gerüstet . “ „ Das nehme ich dankbar an , “ erwiderte Johannes , „ denn ich bin erschöpft und habe voraussichtlich noch einen schweren Tag vor mir . “ „ So kommen Sie , ich will Sie in Ihr Zimmer führen , “ sagte der Greis und lächelte . „ Ja , ja , nun führt auch einmal der Blinde den Sehenden . “ Und er tastete sich , Johannes voran , durch das Zimmer . „ Folgen Sie mir nur , in diesem kleinen Hause kenne ich Wege und Stege . “ So gingen die Beiden miteinander in den oberen Stock , wo Herr Leonhardt eine Tür öffnete und Johannes eintreten ließ . „ Ich hoffe , es wird Alles in der Ordnung sein , “ sagte er und fuhr mit den zitternden Händen prüfend über das hochaufgeschüttelte Federbett hin . Dann nickte er zufrieden : „ Nun legen Sie sich , ich gehe nicht eher fort , als bis Sie liegen . “ Johannes warf die triefenden Kleider ab und tat , wie ihm geheißen . Der Greis griff nach der Decke und zog sie Johannes bis an den Hals hinauf . Dann tappte er noch ein paar Mal darauf herum , ob auch der liebe Gast recht wohl gebettet und geborgen sei . „ Nun schlummern Sie , Sie können es brauchen , “ sagte er beruhigt und tastete sich leise wieder hinaus . „ Dank , tausend Dank , Vater Leonhardt , “ rief ihm Johannes nach . Er hörte noch , wie der Greis langsam und behutsam den Gang hinschlürfte und die Treppe hinunterstieg . Die Augen fielen ihm zu . Er hörte immer die Worte der Schulmeisterin : „ Wenn das Fräulein geahnt hätte , daß Sie in der kalten , feuchten Nacht ... “ Sie wußte es ja , sie brauchte es nicht erst zu ahnen , er hatte es deutlich genug gesagt , als er bei ihr war . Und sie hatte nicht einmal ein Fenster geöffnet , nicht einmal nach ihm ausgeschaut . Aber nein , sie kam ja selbst — da , da — die Tür ward leise aufgemacht , war der Oheim dabei ? Nein , sie — ganz allein . „ Komm , “ flüsterte sie , „ Du frierst , o komm , ich will Dich wärmen . " Und sie nahm seine Hände und hauchte hinein und rieb sie . „ Willst Du nicht mit mir in die Hausflur treten ? “ fragte sie