nicht für die Gemächer und den Frieden von Vale Hall aufgeben . Ich erfuhr dies von ihm , als ich einst ungeachtet seiner Zurückhaltung die Kühnheit hatte , einen Einfall in sein Vertrauen zu machen . Miß Oliver beehrte mich schon häufig mit ihren Besuchen in meiner Hütte . Ich hatte ihren ganzen Charakter kennen gelernt , der ohne Geheimniß oder Verstellung war : sie war coquett aber nicht herzlos : anspruchsvoll aber nicht durchaus selbstsüchtig . Man hatte ihr seit ihrer Geburt Vieles nachgesehen aber sie nicht gänzlich verzogen . Sie war hastig aber gutmüthig : eitel — sie konnte nicht anders , da jeder Blick in den Spiegel ihr solche Schätze von Liebenswürdigkeit zeigte — aber nicht affectirt ; freigiebig , frei von Stolz auf Reichthum ; ohne Verstellung , verständig , heiter , lebhaft und gedankenlos : kurz sie war sehr reizend selbst für einte kalte Beobachterin von ihrem eigenen Geschlecht , wie ich war ; aber sie war nicht durchaus interessant oder tiefer Eindrücke fähig . Ihr Gemüth war z. B. sehr verschieden von dem der beiden Schwestern des Herrn Saint John . Dennoch liebte ich sie fast eben so sehr wie meine Schülerin Adele : außer daß wir für ein Kind , welches wir überwacht und belehrt haben , eine zärtliche Neigung empfinden , als wir für eine eben so anziehende erwachsene Bekannte empfinden können . Sie hatte eine lebenswürdige Neigung zu mir . Sie sagte , ich gliche Herrn Rivers , nur gestand sie gewiß zu , sei ich nicht den zehnten Theil so schön ; obgleich ich freilich eine ganz niedliche , hübsche , kleine Seele sei , wogegen er ihr als ein Engel erschien . Ich sei indeß gut , geistreich , fest und sicher wie er . Ich sei ein Spiel der Natur , behauptete sie , für eine Dorfschulmeisterin : sie sei gewiß , meine frühere Geschichte , wenn sie bekannt wäre , würde einen ergötzlichen Roman bilden . Eines Abends , als sie mit ihrer gewohnten kindlichen Thätigkeit , ihrer gedankenlosen aber unbefangenen Neugierde den Schrank und den Tischauszug in meinem kleinen Wohnzimmer durchsuchte , entdeckte sie zuerst zwei französische Bücher , einen Band von Schiller , eine deutsche Sprachlehre und Wörterbuch , und dann meine Zeichnengeräthe und meinen Malkasten , so wie meine Zeichnungen , die in einem hübschen , kleinen , engelgleichen Mädchen , einer meiner Schülerinnen und mehreren nach der Natur gezeichneten Ansichten von Morton und den umgebenden Hügeln bestanden . Anfangs verstummte sie vor Ueberraschung und wurde dann vom Entzücken elektrisirt . “ Haben Die diese Bilder gemalt ? ” fragte sie . “ Verstehen Sie Französisch und Deutsch ? wie herrlich , wie wunderbar wäre das ! Sie zeichnen besser , als mein Lehrer in der ersten Schule zu T. Wollen Sie nicht mein Portrait zeichnen , um es Papa zeigen zu können ? ” “ Mit Vergnügen , " erwiderte ich , und ich empfand ein lebhaftes künstlerisches Entzücken bei dem Gedanken , nach einem vollkommenen und glänzenden Modell zu copiren . Sie trug damals ein dunkelblaues , seidenes Kleid ; ihre Arme und ihr Hals waren bloß ; ihr einziger Schmuck waren ihre kastanienbraunen Locken , die in natürlicher Anmuth über ihre Schultern niederwallten . Ich nahm ein feines , weißes Kartenblatt und zeichnete sorgfältig den Umriß . Ich versprach mir das Vergnügen , das Portrait zu coloriren ; und da es schon spät war , sagte ich ihr , sie müsse wiederkommen und mir an einem andern Tage sitzen . Sie stattete ihrem Vater einen solchen Bericht ab , daß Herr Oliver sie am nächsten Abend selber begleitete — ein großer , grauköpfiger Mann in mittlern Jahren und mit massiven Gesichtszügen , an dessen Seite seine liebenswürdige Tochter wie eine glänzende Blume neben einem grauen Thurme aussah . Er schien ein schweigsamer und vielleicht , stolzer Mann zu sein ; doch war er sehr freundlich gegen mich . Die Skizze von Rosamundens Portrait gefiel ihm sehr und er sagte , ich müsse sie völlig ausführen . Er bestand auch darauf , daß ich den nächsten Abend in Vale Hall zubringen solle . Ich ging dorthin . Es war eine große und schöne Wohnung , welche bewies , daß der Besitzer sehr reich war . Rosamunde war voll Heiterkeit und Vergnügen , so lange ich dablieb . Ihr Vater war freundlich , und als er sich nach dem Thee mit mir in ein Gespräch einließ , sprach er in starken Ausdrücken seine Billigung dessen aus , was ich in der Schule zu Morton bereits geleistet , und sagte , er fürchte nur , nach dem , was er sehe und höre , daß ich zu gut für den Ort sei und ihn bald mit einer passendern Stelle vertauschen werde . " In der That ! " rief Rosamunde , “ sie ist talentvoll genug , um Erzieherin in einer vornehmen Familie zu sein , Papa . ” Ich dachte , ich wolle weit lieber bleiben , wo ich war , als in irgend einer vornehmen Familie im Lande sein . Herr Oliver sprach mit großem Respect von Herrn Rivers und seiner Familie . Er sagte , es sei ein sehr alter Name in der Gegend ; die Vorfahren der Familie wären reich gewesen ; ganz Morton habe ihnen einst gehört und er glaube , wenn der Repräsentant des Hauses wolle , könne er selbst jetzt eine sehr gute Partie machen . Er bemerkte , es sei Schade , dass ein so schöner und talentvoller junger Mann den Plan gefast habe , als Missionair fortzugehen : das beiße ein festbares Leben wegwerfen . Es schien also , als würde der Vater Rosamundens Verbindung mit Saint John kein Hindernis in den Weg legen . Herr Oliver achtete offenbar die gute Geburt , den alten Namen und den geheiligten Beruf des jungen Geistlichen als eine hinreichende Entschädigung für den Mangel des Vermögens . Es war am fünften November und ein Feiertag . Meine kleine Dienerin