, über die Hütte und über die beiden Menschen hin . Dann schlossen sich die jagenden Nebel wieder , und alle Höhe war grau verschleiert . Aus der Tiefe des Latschenfeldes tönte ein langgezogener Ruf . Franzl gab Antwort mit gellendem Schrei . Zwischen den Latschen klirrte der Stachel eines Bergstockes im Geröll , und lärmende Stimmen kamen näher . 19 Am gleichen Morgen , an dem der Draht Graf Egges spät erwachte Sehnsucht nach Amalfi , Sorrent und Capri meldete , trafen Kitty und Gundi Kleesberg mit Hans Forbeck und Professor Werner in München ein . Bei der Einfahrt in den Bahnhof beugte Kitty sich aus dem Kupee und stammelte in Freude : » Tas und Anna sind da , sie erwarten uns ! « Mit beiden Händen winkend , rief sie , die Stimme erstickt von Tränen : » Anna ! Tas ! « Sie standen Seite an Seite , ein schönes , stolzes Paar - wer die beiden sah , mußte fühlen : das sind glückliche Menschen . Der Zug war noch im Gang , als Kitty schon die Klappe der Kupeetür öffnete . Vor Freude schluchzend , flog sie dem Bruder an den Hals . Er nahm ihr zuckendes Gesichtchen zwischen die Hände und sagte lächelnd : » Sieh mir in die Augen und lies die Antwort auf deinen Brief aus Ravello ! Ich wünsche dir Glück , mein lieber Spatz ! Du hast gut gewählt . « Er wandte sich an Forbeck , umschlang ihn und küßte ihn auf die Wange . » Tas ! Mein guter , guter Tas ! Wie lieb du bist ! Wie herzensgut ! « Und vom Bruder flog Kitty in seligem Sturm auf Anna zu . Tassilo begrüßte die Kleesberg . Und es war ein seltsamer Blick , mit dem er sich von Gundi zu Werner wandte . Wortlos bot er ihm die beiden Hände . Auch Werner schwieg , während er Tassilos Händedruck erwiderte . Vor dem Bahnhof wartete die Equipage , in der die Damen Platz nahmen . Die Herren folgten in einem Mietwagen ; wohl gab sich der Kutscher alle Mühe , hinter dem voraneilenden Gefährt zu bleiben , doch als er vor dem Ziel die Pferde parierte , hatten Kitty und Gräfin Anna schon die im ersten Stock gelegene Wohnung betreten ; nur Tante Gundi stand noch auf der Treppe und kämpfte mit ihrem versagenden Atem . Forbeck sprang über die Stufen hinauf und reichte der Kleesberg den Arm . Diesen Augenblick benützte Werner , um an Tassilo die flüsternde Frage zu richten : » Wann haben Sie meinen Brief erhalten ? « » Zugleich mit dem Brief meiner Schwester . Wie tief sein Inhalt mich bewegte , vermag ich Ihnen nicht zu sagen . Ich kann Ihnen auch die Gründe nachfühlen , die Sie veranlaßten , diesen verhüllten Wert Ihres Lebens vor mir zu öffnen . Ich danke Ihnen für diesen Beweis Ihres Vertrauens . Dennoch kann ich Ihnen einen Vorwurf nicht ersparen . Werner ? Lieber Freund ? « Tassilo legte die Hand auf Werners Schulter . » Haben Sie mich so wenig kennengelernt , um in mir einen Menschen von törichtem Vorurteil vermuten zu dürfen ? « » Aber Doktor ! « stammelte Werner . » Wie können Sie nur auf einen solchen Gedanken kommen ? « » Sie haben ihn mir aufgezwungen durch Ihre Sorge . Soll mir der Bräutigam meiner Schwester minder willkommen sein , weil sein Vater nicht der im Elend untergegangene Trunkenbold ist , dessen Namen er trägt und zu Glanz erhebt , sondern ein Mann , den ich als Künstler verehre und als seltenen Menschen liebe ? Blut von Ihrem Blut , Werner ! Das ist mir eine neue Sicherheit für das Glück meiner Schwester . « Werner faßte Tassilos Hand . » Ich danke Ihnen für dieses Wort . Und billigen Sie auch mein Verhalten gegen Hans ? Daß ich mein Schweigen ihm gegenüber für immer bewahren will ? « » Ja , Werner ! Sie bringen Ihrem Sohn ein Opfer , wie es nur die tiefe , uneigennützige Liebe eines Vaters bringen kann . Hans liebt Sie als seinen geistigen Vater . Er dankt Ihnen alles , Charakter , Bildung und Können . Soll er das Recht eines Wortes mit dem Umsturz seines ganzen Innern bezahlen , mit einer schiefen Stellung vor der Welt ? Nein ! Sie müssen schweigen , nicht nur ihm zuliebe , auch aus Barmherzigkeit für eine andere ! Wie stünde sie vor ihrem Sohn ? Bedrückt von Scham , belastet mit einer Tragik , die hart ans Lächerliche streift ! « Während dieses Gespräches waren sie über die Treppe hinaufgestiegen . Aus dem offenen Korridor klang die Stimme der Kleesberg , die sich bei ihrem » lieben Hans « für den » freundlichen Ritterdienst « bedankte . Tassilo fragte leis : » Sie hat keine Ahnung ? « » Keine ! Daß er mein Sohn ist , erriet sie auf den ersten Blick . Mehr kann sie nicht ahnen . Wie soll sie denken , daß der eigene Vater sie belog ? Daß er , um sie von dem obskuren Tagdieb loszureißen , der mit dem Fieber kämpfenden Tochter das herzlose Märchen vom Tod ihres Kindes vorgaukelte ? Ich habe doch auch an diese Lüge geglaubt ! Noch heute wär ' ich ein einsamer Mensch , wenn ich nicht die Sehnsucht empfunden hätte , das einzige zu suchen , was hinter meinem vernichteten Glück noch übrig war : dieses kleine Grab ! Es wollte sich nicht finden lassen . Dennoch hab ' ich jahrelang gebraucht , bis der erste Zweifel in mir erwachte , und bis die halb erloschene Spur , der ich hartnäckig folgte , mich meinen Jungen finden ließ . Und wie hab ' ich ihn gefunden ! Ich wollte , daß ich dieses Bild vergessen könnte ! « Da klangen heitere Stimmen , rasche Tritte , das Rauschen eines Kleides . Arm in Arm erschienen Kitty und