der wie der Freiherr seinem inneren Bedürfen , seinem Glauben an ein Ideales , der einzig den großmüthigen Regungen seines Herzens folgte , der seinen Ehrbegriffen und den unabweislichen Pflichten seines Standes nachzuleben hatte , der wandelte auf einem anderen Pfade , der hatte wenig Aussicht , auf seinem einsam erhabenen Wege dem Glücke zu begegnen . Was war es denn gewesen , als Großmuth , daß er einst sein Leben an das Leben eines armen Kindes gesetzt ? Was war es gewesen , als sein Glaube an ein Ideales , der ihn bewogen , dieses Mädchen zu bilden ? Seinen Standespflichten zu genügen , seinem alten Stamme zur Ehre hatte er das geliebte Geschöpf von sich entfernt und sich mit Angelika verbunden . Aus Achtung vor seiner Ehe und um Angelika seinen guten Willen zu beweisen , hatte er darauf verzichtet , Paulinen ' s Sohn unter seinen Augen aufwachsen zu lassen - und beide , Pauline und ihren Sohn , hatte der Tod ereilt , beide hatte er Angelika geopfert , der Frau geopfert , die ihn für einen Mann vergessen können , dem er großmüthig und vertrauend , wie er Angelika vertraut , sein Haus geöffnet . Großmuth und das Gefühl der Standesehre hatten ihn bewogen , die Herzogin und den Marquis gastlich bei sich aufzunehmen . Sein eigenes Ehrgefühl hatte ihn veranlaßt , sich auf das Ehrgefühl des Marquis zu verlassen , und wie hatte dieser ihm die Rücksicht für die Herzogin , wie hatte er ihm das Zutrauen gedankt , das er ihm bewiesen ! - Großmuth war es gewesen , die ihn zu dem Bau der Kirche getrieben , als er Angelika nach einer äußeren Befriedigung ihres religiösen Sinnes trachten sehen , deren er für sein Theil nicht bedurfte ; und all diese hohen Empfindungen , all sein edles Wollen hatten ihm keine beglückende Frucht getragen , hatten ihm die Liebe der Menschen nicht zugewendet , ja , waren von ihnen kaum erkannt geschweige denn gewürdigt worden . Sogar sein ältester Lebensgenosse , der Caplan , ward ihm nicht mehr gerecht , hielt nicht mehr zu ihm , wie er es erwarten durfte , und auch die Herzogin hatte es nicht ganz begriffen , daß ein Mann wie er mit seinem Glauben , mit seinem Vertrauen und mit seiner Neigung nicht unterhandeln , daß er keine Gemeinschaft mehr mit seiner Gattin haben könne , wenn deren Hingabe für ihn nicht mehr eine volle und unbedingte war . Auch die Herzogin verstand ihn nicht vollkommen , nicht wie er ' s bedurfte . Er stand allein , ganz allein in seiner Umgebung , unter seinen Standesgenossen , weil ihnen allen der rechte Sinn des Adels verloren gegangen war . Aber das Bewußtsein dieser Einsamkeit warf ihn nicht nieder , sondern hob ihn in seinen Augen über die Andern hoch empor ; denn » fortis in adversis « , » Muth in Widerwärtigkeiten « war der Wahlspruch seines Hauses ! Mochte die Gunst des Lebens sich von ihm wenden und das Glück sich ihm entziehen , - den stolzen Herzschlag seines edeln Blutes , den frei über die Reihen der niedrig geborenen Menschen sich aufschwingenden Sinn seines alten adeligen Geschlechtes , den konnte ihm nichts rauben ; und diese Vorzüge immer und gegen Jedermann mit Entschiedenheit geltend zu machen , das däuchte ihm in diesen Zeiten und in seiner besonderen Lage seine ideale Aufgabe , die wahre Aufgabe des Edelmannes zu sein . Madame Flies jedoch , die in ihrer schlichten Güte wenig Ahnung von solchen idealen Lebensaufgaben hatte , weil sie sich immer an das Nächste und an das Natürliche hielt , sah es mit Erstaunen , wie ruhig und sicher der Freiherr einherschritt , wie das Verschwinden des Knaben , wie die Krankheit seiner Gemahlin , wie selbst die Verwicklung seiner Vermögensverhältnisse und alle jene Sorgen , von denen eine einzige zu tragen ihr schwer gefallen sein würde , ihn gar nicht anzufechten schienen . Sie wußte nicht , sollte sie ihn bewundern und loben , oder ihn verabscheuen und tadeln , aber sie konnte sich , wenn sie den Freiherrn am Krankenbette der Baronin sah , es wohl erklären , warum dieselbe seufzte , sobald er sie verließ , warum sie ihr und vor Allem ihrer Seba so freundlich die weiße , schmale Hand entgegen reichte , so oft sie sich ihr nahten . Die Kranke hatte nach dem Caplan verlangt und der Freiherr sogleich eine Staffette zu ihm gesendet ; indeß es mußten Tage um Tage vergehen , ehe man auf sein Eintreffen rechnen durfte , und der Arzt sah , da er jede Aufregung für die Baronin scheute , die nothwendig verzögerte Ankunft des Geistlichen nicht ungern . Angelika hingegen fragte an jedem Morgen , ob der Caplan noch nicht angekommen sei , schien aber sonst kaum ein Bedürfniß nach Mittheilung zu haben . Sie lag meist still und in sich gekehrt mit gefalteten Händen da und verlangte wenig , wenn sie im Laufe des Tages ihren Sohn einmal gesehen hatte , dem sie mit ernster Zärtlichkeit begegnete . Seba , die ihr unverkennbar die liebste Pflegerin war , verließ sie selten . Einstmals , als sie wieder an ihrem Bette weilte und das Sonnenlicht sie wieder so hell wie an dem ersten Krankheitstage Angelika ' s umfloß , blieb diese lange in ihrem Anschauen versunken , dann reichte sie ihr die Hand und sagte : So wie in diesem Augenblicke hatte ich Sie in Ihrem weißen Kleide vor mir , als ich , aus dem ersten träumerischen Schlummer erwachend , den ich unter Ihrer Hut genossen , Sie für meinen Schutzgeist hielt ! Sie blickten so liebevoll , so traurig auf mich nieder ! Sie sind gewiß sehr gut ! Und daß man Ihnen ansieht , wie sanft , wie glücklich Ihr Lebensweg gewesen und wie Sie reinen Herzens sind , das macht mir Ihre liebe Nähe so erquicklich ! Es fuhr wie ein Messerschnitt durch Seba ' s Brust