sein wollen , geben Sie ihm Ihre Tochter , die er bis zur Raserei liebt . Mit der fürstlichen Heirath ist es so wie so nichts , sintemalen der Fürst nicht eines Grafen , sondern eines Seiltänzers Sohn ist , und die Sache so steht , daß die Welt nächstens mit einem großartigen Scandal erfreut werden dürfte . Doch widerstehe ich dem Wunsch , Ihnen über diese interessante Sache nähere Aufklärung zu geben , die Sie wahrscheinlich eben so unbeachtet lassen würden , als gewisse andere Enthüllungen . Vielleicht , daß Sie nach der Unterredung mit Herrn Stein anderen Sinnes werden und sich vor allem auch überzeugen von der aufrichtigen Freundschaft , mit der ich verbleibe der gnädigen Baronin unterthänigster Diener . Zu jeder anderen Zeit würde die Baronin in diesem Brief nur einen Versuch von Seiten des Herrn Timm , die verloren gegangene Position wiederzugewinnen , gesehen haben ; aber heute Morgen war ihr Gemüth so verdüstert , daß ihr Alles und so auch dieser Brief in einem anderen Lichte erschien . Was war denn am Ende in dieser Welt des Lugs und Trugs nicht möglich ? Daß dieser Timm mehr wußte als andere Leute , lag auf der Hand , und jedenfalls war doch die Consequenz merkwürdig , mit welcher er die Wahrheit seiner Behauptung aufrecht erhielt ; ja , hatte nicht Felix noch durch seine letzten Briefe bewiesen , daß er an dem Factum selbst in keiner Weise zweifle ? Die sonst so energische Frau fühlte sich ganz erdrückt unter der Wucht all dieser Sorgen . Und nun kam Helene , nach der sie geschickt hatte , gar nicht wieder ! und in einer Stunde ging der Zug , den sie benutzen mußte , wenn sie noch morgen früh in Grünwald sein wollte ! und noch waren die Sachen nicht gepackt , noch nicht entschieden , ob Helene bleiben oder mitkommen wollte , noch nicht von der Fürstin und dem Fürsten Abschied genommen ! Doch das Letztere konnte ja auch in Helenens Abwesenheit geschehen . Der Drang des Augenblicks entband von den strengen Vorschriften der Etiquette , und hatte sie doch die Fürstin gestern Abend gebeten , zu jeder Zeit unangemeldet zu ihr zu kommen ! So verließ denn Anna-Maria ihr Gemach und schritt eilig über die Corridore und durch die Vorzimmer , als plötzlich die Thür , die zu dem Cabinet der Fürstin führte , aufgerissen wurde , der Fürst , offenbar in der fürchterlichsten Aufregung , herausstürzte und , ohne ein Wort mit ihr zu sprechen , weiter eilte . Das ist doch seltsam ; sagte die Baronin . Da wurde die Thür wieder aufgerissen , Nadeska kam eilends mit verstörtem Gesicht heraus . Wo ist die Fürstin ? fragte die Baronin . Drinnen . Sie ist krank ; es kommt Niemand auf mein Klingeln . Ich wollte eben die Leute holen . Thun Sie das , sagte die Baronin , ich will unterdessen bei Ihrer Durchlaucht bleiben . Nadeska schien dies Arrangement keineswegs zu gefallen , aber sie fand keinen Vorwand , der Baronin den Zutritt zu verweigern . Sie eilte fort , während Anna-Maria in die rosenrothe Dämmerung von der Fürstin Gemach trat . Die Fürstin lag in ihrem Lehnstuhl am Kamin . Die halbgeschlossenen Augen und die krampfhaft zuckenden Finger zeigten , daß der umnachtete Geist noch immer vergebens nach Bewußtsein rang . Schaff mir meinen Sohn zurück , Nadeska , murmelte sie ; er soll nicht mit ihm ringen : der Vater ist stärker , als der Sohn . Siehst Du , siehst Du , wie er ihn um den Leib packt und in die Höhe hebt , jetzt wird er ihn zu Boden schleudern , hier gerade zu meinen Füßen , da , da - Die Unglückliche verfiel in Weinkrämpfe , in die sich gräßliches Lachen mischte . Zwischendurch phantasirte sie : Laßt es nur den Grafen nicht wissen ; der Graf sagt ' s der Baronin , die Baronin sagt ' s der schönen Tochter , und hernach will die schöne Tochter den Seiltänzersohn nicht . Da kommt er schon mit dem zerschmetterten Kopfe - Ein fürchterlicher Schrei brach aus der Brust der Gemarterten . Sie fuhr in die Höhe und starrte die Baronin mit verstörten Blicken an . Gleich darauf sank sie auf ' s Neue bewußtlos in den Stuhl zurück . Nadeska kam mit ein paar russischen Mägden . Der Kammerfrau schien sehr viel daran gelegen , die Baronin zu entfernen . Die Fürstin hat oft diese Anfälle , sagte sie in ihrer glatten , demüthigen Weise , während die Dienerinnen die Ohnmächtige aufhoben und in ihr Schlafgemach trugen . Sie muß dann ganz allein sein ; die Nähe jeder fremden Person verschlimmert ihren Zustand . Ich werde nicht stören , meine Liebe , sagte die Baronin kalt , um so weniger , als ich noch in dieser Stunde abreisen muß . Ich werde mich schriftlich bei Ihrer Durchlaucht entschuldigen . Was soll das bedeuten ? fragte sich Nadeska ; weiß die auch schon mehr , als sie wissen dürfte ? Die Baronin begab sich in einer unbeschreiblichen Aufregung in ihre Gemächer zurück . Was hatte sie gesehen ! was gehört ! der Anblick des halb wahnsinnigen Fürsten , das verdächtige Benehmen der Kammerfrau , die offenbar in diesem Familiendrama hinter den Coulissen nur zu gut Bescheid wußte - was sollte sie denken ? was sagen ? was thun ? Es war das erste Mal in ihrem Leben , daß die kluge und energische Frau vollständig rathlos war . Aber sank nicht der Boden unter ihren Füßen ? brach nicht wie morsches Rohr zusammen , was sie für stolze unzerstörbare Pfeiler ihres Glücks gehalten ? Der Fürst ein Bastard ! ein jahrelang mühsam verborgen gehaltenes Familiengeheimniß der schimpflichsten Entdeckung nahe ! und in ihrem eigenen Hause , stand es denn da besser ? ihr Sohn , der rechtmäßige Erbe des Vermögens , zum Tode erkrankt - der illegitime Sproß des Vorgängers in der Herrschaft aus der Verschollenheit