Tages über den Bemühungen , von neuem geradestehen und einige Schritte gehen zu lernen , was unter dem Wechsel von Mut und Niedergeschlagenheit sich vollendete . Es galt nun , sich einer eisernen Ordnung zu fügen und sich jeder Pünktlichkeit zu befleißen , und obgleich dies mich aus meiner vollkommenen Freiheit und Selbstherrlichkeit herausriß , so empfand ich doch einen wahren Durst , mich dieser Strenge hinzugeben , so komisch auch ihre nächsten kleinen Zwecke waren , und als ich einigemal nahe an der Strafe hinstreifte , und zwar nur aus Versehen , Überkam mich ein wahrhaftes Schamgefühl vor den Kameraden , welche sich ihrerseits ganz ähnlich verhielten . Als wir soweit waren , mit Ehren über die Straße zu marschieren , zogen wir jeden Tag auf den Exerzierplatz , welcher im Freien lag und von der Landstraße durchschnitten wurde . Eines Tages , als ich mitten in einem Gliede von etwa fünfzehn Mann nach dem Kommando des Instruktors , der unermüdlich rückwärts vor uns herging , schreiend und mit den Händen das Tempo schlagend , so schon stundenlang den weiten Platz nach allen Richtungen durchmessen und vielfach in unseren Schwenkungen die vielen anderen Abteilungen gekreuzt hatte , kamen wir plötzlich dicht an die Landstraße zu stehen und machten dort halt und Front gegen dieselbe . Der Exerziermeister , welcher hinter der Front stand , ließ uns eine Weile regungslos verharren , um einige nicht schmeichelhafte Bemerkungen und Ausstellungen an unseren Gliedmaßen anzubringen . Während er hinter unserm Rücken lärmte und fluchte , soweit es ihm Gesetz und Sitte nur immer erlaubten , und wir so mit dem Gesichte gegen die Straße gewendet ihm zuhörten , kam ein großer , mit sechs Pferden bespannter Wagen angefahren , wie die Auswanderer ihn herzurichten pflegen , welche sich nach den französischen Häfen begeben . Dieser Wagen war mit ansehnlichem Gute beladen und schien einer oder zwei stattlichen Familien zu dienen , die nach Amerika gingen . Zwei kräftige Männer gingen neben den Pferden , vier oder fünf Frauen saßen auf dem Wagen unter einem bequemen Zeltdache , nebst mehreren Kindern und selbst einem Greise . Aber diesen Leuten hatte sich Judith angeschlossen ; denn ich entdeckte sie , als ich zufällig hinsah , hoch und schön unter den Frauen , mit Reisekleidern angetan . Ich erschrak heftig , und das Herz schlug mir gewaltig , während ich mich nicht regen noch rühren durfte . Judith , welche im Vorüberfahren , wie mir schien , mit finsterm Blicke auf die Soldatenreihe sah , erschaute mich mitten in derselben und streckte sogleich die Hände nach mir aus . Aber im gleichen Augenblicke kommandierte unser Tyrann » Kehrt euch ! « und führte uns wie ein Besessener im Geschwindschritte ganz an das entgegengesetzte Ende des weiten Platzes . Ich lief immer mit , die Arme vorschriftsmäßig längs des Leibes angeschlossen , » die kleinen Finger an der Hosennaht , die Daumen auswärts gekehrt « , ohne mir was ansehen zu lassen , obgleich ich heftig bewegt war ; denn in diesem Augenblicke war es mir , als ob sich mir das Herz in der Brust wenden wollte . Als wir endlich das Gesicht wieder der Straße zukehrten , nach den maßgebenden Zickzackgedanken im Gehirne des Führers , verschwand der Wagen eben in weiter Ferne . Glücklicherweise ging man nun auseinander , und indem ich mich sogleich entfernte und die Einsamkeit suchte , fühlte ich , daß jetzt der erste Teil meines Lebens für mich abgeschlossen sei und ein anderer beginne . In diesem Frühling traf es sich noch , daß ich mich zugleich in anderer Weise zum ersten Mal als Bürger geltend machen durfte , indem eine Integral-Erneuerung der gesetzgebenden Behörde und die von dieser abhängige Erneuerung der verwaltenden und richterlichen Gewalt vor sich ging und die Wahlen dazu festgesetzt waren . Als ich mich aber , hiezu aufgefordert , in einige Vorversammlungen und endlich am ersten Maisonntage in die Kirche begab , um meine Stimme abzugeben , fand ich darin nicht jene Erhebung , auf welche ich mich schon lange gefreut , obgleich ich von den immer noch lebensfrohen Freunden meines Vaters tapfer begrüßt und aufgemuntert wurde . Ich sah , daß alle anderen jungen Leute , die zum ersten Mal hier erschienen , als Handwerker , Kaufleute oder Studierende entweder schon selbständig oder durch ihre Väter oder durch einen bestimmten , nahe gesteckten Zweck mit der öffentlichen Wohlfahrt in einem klaren und sichern Zusammenhang standen ; und wenn selbst diese Jünglinge sich höchst bescheiden und still verhielten bei der Ausübung ihres Rechtes , so mußte ich dies noch weit mehr tun und sogar von einer gewissen kühlen Schüchternheit befangen werden , da ich noch gar nicht absah , wie bald und auf welche Weise ich ein nützliches und wirksames Glied dieser Gesamtheit werden würde . Bis jetzt war durch mich noch nicht ein Bissen Brot in die Welt gekommen , und mein bisheriges Treiben hatte mich weit von dem betriebsamen Verkehr abgeführt ; ich gab also ohne großen Aufwand von Gefühlen meine Erstlingsstimme in öffentlichen Dingen , mehr um einstweilen mein Recht zu wahren und dasselbe bloß andeutungsweise einmal auszuüben , ehe ich in die Weite ging , um erst etwas zu werden . Indessen betrachtete ich mit Vergnügen die versammelten Männer und ihr Behaben und freute mich an ihnen sowohl wie an den zahllosen Blüten , welche Überall die Erde bedeckten , und an dem blauen Maihimmel , welcher über alle sich ausspannte . Mein einziges Trachten ging aber von nun an dahin , so bald als möglich über den Rhein zu gelangen , und um mir bis dahin die Stunden zu verkürzen , habe ich mir diese Schrift geschrieben . Ende der Jugendgeschichte Viertes Kapitel Das zweite Jahr ging seinem Ende entgegen , seit Heinrich in der deutschen Hauptstadt , dem Sitze eines vielseitigen Kunst- , Gelehrten- und Volkslebens , sich aufhielt , mitten in einem Zusammenflusse von Fremden aller Gegenden in und außer Deutschland . Er hatte Längst sein Sammetbarett