er den Zuschauern , wie Napoleon bei Noßbach laufen würde , wofür schallendes Gelächter und Jubel ihn belohnte . Wo waren denn die Patrioten , die Walter suchte ? Er musste in einer bösen Stimmung sein ; wo er ging , wohin sein Auge fiel , sah er nicht was er erwartet . Im Volke Rohheit , blödsinnige Hoffnungen , in den Andern verbissene Wuth , militärischen Uebermuth oder Kammerherrngesichter . Er hatte auf ein Schauspiel gehofft , auf eines , das aufgehn werde , wie die Sonne am Frühlingsmorgen , auf einen Auferstehungstag des Preußischen Volkes . Wenn die Trommel wirbelte , eine Reiterschaar durch die Straßen sprengte , Aller Augen nach dem Schlosse sich wandten , wenn dann - die Fenster aufgerissen , der König an die Brüstung träte , an der Hand die schöne Königin , zur Seite der ritterliche Freund . Wenn er an die Brust fasste , die Hand zum Schwur gen Himmel hob : » Gott sei mein Zeuge , ich kann nicht anders . Was ich gethan , er weiß es , um die blutige Entscheidung zu sparen . Er wollte sie mir nicht sparen . Mein Volk , es ist kein Krieg um eitlen Vortheil , es gilt die Erhaltung deiner selbst , unsrer theuer errungenen Selbstständigkeit , es gilt Preußens mit Füßen getretene Ehe , es gilt den Augenblick , den nichts zurückkauft . Mein Volk , es gilt unser Dasein . Dies Wort ist Krieg und mein Volk wird zu mir stehen ! « - Und das Volk wäre mit einer Stimme , mit einem Laut in des Königs Worte eingefallen . Dann hätten Thränen perlen mögen im festesten Auge , dann Jeder an die Brust des Andern fallen , dann die Arme sich zum Schwur erheben , ein Laut in die Wolken , nicht Jubel , Freude , Musik , ein Laut der Einigkeit zwischen Fürst und Volk . Die Trommel wirbelte oft , es blieben Präludien . Kavallerieschaaren preschten flimmernd und klirrend durch die Straßen , es war der Wind , der im Aehrenfelde rauscht . Nur eine Melodie summte alle Viertelstunde ihm in die Ohren , das Glockenspiel auf dem Thurme : Ueb ' immer Treu und Redlichkeit Bis an dein stilles Grab , Und weiche keinen Finger breit Von Gottes Wegen ab . Er folgte den welken Blättern , die der Wind vor seinen Füßen trieb ; ihm gleich wohin . Er folgte ihnen aus der Stadt , hinaus aufs Feld , auf die Höhen . Ehe er es selbst wusste , stand er auf dem Ruinenberge , der das unter ihm liegende Sanssouei und die noch tiefere Stadt beherrscht . Die Laune des großen Königs baute Trümmerwände eines römischen Cirkus hierher , die Arena sollte das Wasserreservoir werden , aus dem die Fontainen in Sanssouei und der Stadt gespeist würden . Das Werk mißlang , und der König gab es auf . Er war müde geworden des Kampfes mit den Menschen und der Natur . Die künstliche Ruine , von Unkraut überwuchert , von aufschießenden Kiefernbäumen umstanden , war selbst wieder zur natürlichen geworden . Die eisernen Röhren , zerschlagen , waren als Prellpfeiler an den Straßen benutzt . Walther lehnte sich an eine Arcade . Grau lag Gegend und Stadt vor seinen Füßen ; von den geputzten Menschen drang kein bunter Flimmer über die Dächer , vom Geräusch kein Ton herauf . Er war einsam , nur die Krähen schwirrten um die Kiefern . Kalt die Luft , grau der Himmel , grau war es in ihm . Es war grau nicht seit heute erst . Mit geschlossenen Augen verfolgte er ein Schauspiel ; die Träume seiner Jugend gingen an ihm vorüber . Der Ehrgeiz , der schon in des Knaben Brust gespielt , wie oft hatte er sie geschwellt , wonach hatte er nicht die Hand gestreckt ! Was war jetzt sein ? Wie vieles davon hatte er , mit männlichem Entschluß , es nie wieder anzusehen , selbst in die Rumpelkammer verschlossen . Die Dichterlerche wollte wirbelnd in die Lüfte steigen ; hatte er nicht geträumt von Lorbeerkränzen und seinen Namen an die Säulen geschrieben gesehen , wo die glänzendsten stehen ! Eine Schamröthe flog über seine Wangen . Dann - und dann , es waren Schaumwellen , und er lächelte . Aber er lächelte nicht mehr bei einem andern Gedanken , seine Hand presste sich krampfhaft an die Brust : Und auch das könnte ein Traum gewesen sein ? - Liebt sie dich denn ? - Er wollte die Frage , die wie Hammerschläge auf sein Herz pochte , fortdrängen , was gehörte sie hierher ! Er glaubte sie heut wenigstens überwältigt zu haben ; andere Gedanken hatten ihn hergetrieben . Aber wie neckisches Echo rief sie wieder aus jedem Winkel . Endlich schwieg das Echo , aber er sann einer anderen Frage nach , und seine Brust hob sich wieder : War das sträflicher Ehrgeiz , Jugenddünkel ? Ist es mir den Adlern erlaubt aus der Wolkenhöhe auf die Erde zu schauen ? Dringt des Menschen Geist nicht tiefer in die geschaffenen Dinge , fliegt er nicht höher als der Vogel ? Was tiefer , höher ! War das Ehrgeiz , daß er ein tiefes Uebel des Gemeinwesens erkannt , daß der Drang ihn übermannt , es vor der Welt hinzustellen und zu rufen : Helft , und so könnt ihr helfen ! Wie ernst geprüft , studirt hatte er , dann nach vollster Ueberzeugung seine Gedanken ausgesprochen : so klar , deutlich ; es musste ja Jedem , der die Augen nicht verschließen will , einleuchten . Und wo er anklopfte , verschlossene Thüren ; wo er sprach , lächelte man . Hatte ihn Jemand widerlegt ? Man hatte von schönen Gedanken gesprochen , aber wie die Welt sei , blieben es ja doch nur Chimären . » Sie hätten die ganze Welt für eine Chimäre erklärt , wenn der Schöpfer , ehe er das Werde sprach , die