» Ziehen Sie es vor , daß ich die Flamme oder die Karte befrage ? « » Ganz nach Belieben , Madame ! « entgegnete Aurel . » Ich bin nicht bewandert in den Geheimnissen Ihrer Kunst oder Wissenschaft . « » Die Flamme erheischt lange Zeit und große Geduld . Sie scheinen mir lebhaften Temperaments und da ich eine Unterbrechung meiner Fragen befürchten muß , was traurige Folgen für Sie haben könnte , so erlaube ich mir mit Ihrer Zustimmung die Karte vorzuziehen . « Aurel neigte billigend den Kopf und die Wahrsagerin ließ die Lampe sogleich verlöschen , was so schnell und geheimnißvoll geschah , daß Gilbert darüber erstaunte und den Kapitän verwundert ansah . Sie mischte hierauf das Spiel Karten , richtete verschiedene Fragen an Aurel - in welchem Monat er geboren sei ? Ob verheirathet oder ledig ? An welchem Tage er seine letzte Reise angetreten habe ? u.s.w. Gleichgiltig , doch wahrheitgetreu gab Aurel darauf Antwort . Die Wahrsagerin legte nun die Karten in Form einer strahlenden Sonne vor sich hin , anfangs der Reihe nach die einzelnen Blätter abhebend . Später gab sie manchem eine andere Stelle , so daß die Form der Sonne oder des Sterns sich vielfach veränderte und bald einen Strahlenkreis ohne Kern , bald einen festen Körper in fast eirunder Form ohne Strahlen bildete . Während dieses Hin- und Wiederschiebens der Kartenblätter sprach sie immerfort , lächelte jetzt , und schüttelte dann wieder mürrisch den Kopf . Zuweilen tupfte sie auch mit ihrem dürren weißen Zeigefinger auf eines der Blätter oder drohte ihm mit freundlicher Miene . Endlich entglitt das letzte Blatt ihrer Hand ! Sie erhob sich vom Sessel und schob die drei Lichter näher an einander . Aurel stand ebenfalls auf und beugte sich , beide Hände auf den Tisch stützend , über das wunderlich gestaltete Kartenbild , das seines Lebens Zukunft enthalten sollte . Obwohl er nicht im Geringsten an Wahrsagerei glaubte , ward ihm doch ganz eigen zu Muthe . Mit gespanntester Aufmerksamkeit folgte er dem lesenden Auge der Wahrsagerin , lauschte er den seltsamen Orakelsprüchen , die in lauter zusammenhangslosen Satzfragmenten ihrem Munde entglitten . Unser Freund würde sehr unbefriedigt davon gegangen sein , hätte nicht seltsamerweise die Sibylle durch einen unerklärlichen Zufall Alles , was ihm in jüngster Zeit Auffallendes begegnet war , aus den Karten gelesen und mit unerschütterlicher Seelenruhe ihm mitgetheilt . Dies machte ihn stutzig , er glaubte sich erkannt , verrathen , und ohne das Ende der Prophezeiung abzuwarten , rief er mit lauter Stimme der Wahrsagerin zu : » Weib , wer bist Du , daß Du mein vergangenes Denken weißt ? « In seiner Aufregung rüttelte er so heftig am Tische , daß die Karten ordnungslos durch einanderfielen und die ganze , so künstlich zusammengefügte Figur zerstört ward . Die Wahrsagerin richtete sich auf und ließ prüfender als im Anfange ihre Blicke über den Kapitän gleiten . Sie bemerkte den goldenen Reif am kleinen Finger seiner linken Hand , den Aurel jetzt völlig vergessen hatte . Zitternd , mit offenem Munde starrte sie den Fremden an und sank dann laut aufschreiend in den Lehnsessel . » Jesus , er ist es ! « rief sie aus . » Nur er allein konnt ' ihn haben ! « » Herta ! « lispelte im tiefsten Innern erschüttert und von geheimnißvollen Schauern erfaßt der Kapitän . » Herta , so sind Sie es wirklich ? Man hat mich nicht hintergangen ? « » Herta ? « erwiederte die Wahrsagerin . » Nein nein , ich bin nicht Herta ! « Und sie machte eine Bewegung des En tsetzens , als wolle sie Aurel mit Gewalt von sich abwehren . » Nicht Herta ? Und Sie glauben mich doch zu kennen ? « » Wer ruft den Namen einer längst verschollenen Unglücklichen ? « ließ sich jetzt aus der Tiefe des Zimmers eine sanfte Frauenstimme vernehmen . » Es muß etwas Ungewöhnliches vorgehen , wo dieser traurige Name unter Lebenden genannt wird . « Aurel wandte sich um . Eine Frau in schwarzer Tracht , ohne Prunk , aber rein und geschmackvoll gekleidet , stand auf der Schwelle derselben Thür , durch welche die Wahrsagerin eingetreten war . Ein brennendes Licht schwankte in ihrer zitternden Hand , die blüthenweiße Spizzenmanschetten zur Hälfte überdeckten . Weder Jahre , noch Trübsal , noch Kummer und Elend hatten die ursprüngliche Schönheit dieser erhabenen Züge gänzlich verwischen können . Der Adel einer reinen großen Seele verklärte noch immer diese schön geformte Stirn und glänzte in dem milden versöhnenden Licht des braunen Auges . Ein schmerzliches Lächeln auf den bleichen Lippen schritt sie fest auf die seltsame Gruppe zu , die von der magischen Gewalt eines Zaubers erfaßt zu sein schien . Indem sie das Licht ein wenig erhob , so daß der volle Schein der Flamme auf die beiden Fremden fiel , wiederholte sie nochmals mit eigenthümlicher Weichheit des Tones die Frage : » Wer nannte Herta ? Wer sucht sie ? Hier ist , was von ihr übrig geblieben ! « Aurel kehrte ihr das Gesicht zu . Das Unerwartete des vorhergegangenen Auftritts , die neue Unterbrechung , die gewaltige Spannung seines ganzen Wesens , die ihn gefangen hielt , gaben seinen Zügen einen so fest ausgeprägten Charakter , daß die Aehnlichkeit mit seinem Vater schärfer hervortrat , als in der gleichmäßigen Ruhe des alltäglichen Lebens . So traf ihn Hertas Auge . - Das Licht entfiel ihrer Hand , sie selbst drohte umzusinken . Mit kräftigen Arm umfing Gilbert die bebende Frau . » Es ist sein Sohn ! « lallte sie ohnmächtig . » Wie er ihm gleicht , dem Entsetzlichen ! - - « Wir vermessen uns nicht , die Empfindungen beschreiben zu wollen , die nach dieser Erkennungsscene die Herzen der Betheiligten bestürmten . Herta bedurfte einer geraumen Zeit , ehe sie vollkommen ihre Fassung wieder erlangte . Emma , sonst ihre Zofe , jetzt Wahrsagerin aus Noth , um