ihm fehlgeschlagene Absicht an der ganzen Summe der menschlichen Gesellschaft ; das Individuum galt ihm fast gleich ; denn jedes Gelingen beleidigte ihn , und er trat demselben entgegen , so viel es möglich zu machen war . Ja , dies ward nach und nach eine größere Beschäftigung für ihn , als seine eignen Angelegenheiten , da er , ohne es sich einzugestehen , den Fluch der Sünde erfuhr , gegen alle erstrebten Vortheile mit Gleichgültigkeit und Ekel erfüllt zu sein . Seit dem Tode der Königin machte er Madame de Maintenon den Hof und gehörte zu ihrem kleinen Zirkel , hier eben so , wie früher bei Madame Henriette und der Königin , gefürchtet und geschont . Er hatte den heiligen Geistorden und den Kammerherrn-Schlüssel , und Ludwig der Vierzehnte verfehlte niemals , wenn er ihn sah , zu sagen : » Was hat uns unser geistreicher Herr Marquis mitzutheilen ? « Er mußte sich selbst eingestehen , er werde es schwerlich höher treiben , und deshalb gewann sein Karakter in der angedeuteten Richtung Stärke und Dauer , und die Menschen blieben ein tief von ihm verachtetes Werkzeug , mit dem er sich herabließ , nach Laune und Willkür zu spielen . Wir werden begreifen , daß der Marquis de Souvré aus dem Leben gemacht hatte , was er als seinen Inhalt annahm , und daß seine ganze Erfahrung eine fortgesetzte Bestätigung dieser Annahme schien . - Nur einen Punkt in seinem Leben gab es , an den er nie ohne ein unfreiwilliges Erschrecken denken konnte ; - es war die Erscheinung Fennimors ! - Wie sehr er sich auch bemüht hatte , ihre wunderbare Ueberlegenheit zu verläugnen , sie gering zu schätzen , sie zu bespötteln und zu verachten , es zeigte sich Alles unzureichend , wenn in unbewachten Stunden der Augenblick vor ihm auftauchte , wo sie vor ihm stand , wie ein leuchtender Engel mit dem feurigen Schwerte der Gerechtigkeit , und mit ihrem erhabenen Mitleiden und religiösen Grauen ihm ein Bild seines eigenen Zustandes vorhielt , in dem er sich , überwältigt von der furchtbaren Gewalt der Wahrheit , erkannt hatte , und vor dem ihn eine stets geläugnete Ueberzeugung seiner Verworfenheit ergriffen hatte . Er erlebte , ohne es hindern zu können , die Strafe , sich an jedes Wort , jeden Zug ihres Gesichtes , jede Bewegung erinnern zu können . Er mußte der Erscheinung in seinem Innern , wie gefesselt stille stehen ; er hörte den Ton ihrer Stimme , er mußte sie begleiten , bis sie vor seinen Augen , wie er damals glaubte , starb . Er hatte nie Aehnliches erlebt - dieser Tod hatte ihn nicht befriedigt , nicht an ihr gerächt ; es schien umgekehrt - er lag wie eine Rache , die er erlitten , in seiner Seele . - Er selbst war von diesem Platze entflohen , von einer Macht in die Flucht geschlagen , die stärker war , als er ; er nahm die ganze Last einer Verwerfung und Herabwürdigung mit sich , die er nie zu erleiden gedacht , und er nahm sie mit , ohne sich seiner Empfindung nach gerächt zu haben . Kam Souvré Jahrelang nachher an diesen Punkt seiner Erinnerung , fuhr er in die Luft , wie von dem giftigen Bisse eines Skorpions verletzt . Er konnte es kaum fassen ! Da es aber dasselbe blieb in seiner Ueberzeugung , warf er prüfend den Blick umher und suchte den Gegner zu entdecken , der mit diesem unverscheuchbaren Eindrucke seiner Seele zusammen hing . Er fand ihn nur zu bald in dem Hoheit blickenden Jüngling mit den tief blauen Augen und dem braunen , goldbesäumten Heiligenscheine seines Lockenhaares . Wenn dieser Jüngling , der ihn beständig reizte , alle Dämonen seines frivolen Geistes spielen zu lassen , ihn dann plötzlich ernst und ruhig anblickte , fühlte er den Blitz , den Fennimor einst über ihn entzündete ; und wenn er ihn hassend und zürnend doch selbst zu locken schien , als ob der Dämon in ihm unter den Augen dieses Jünglings in Zuckungen verfiele , so gelobte er sich eben so oft , diese einzige Gewalt seines Lebens , die ihm ungebeugt gegenüber gestanden , sollte dennoch von ihm gebrochen werden . Dies blieb auch das wohl befestigte Band zwischen ihm und der Marschallin von Crecy . Beide waren auf der Geistesbahn , die sie erwählt , nicht stehen geblieben . Bitter grollend stand die Marschallin , eben wie Souvré , der Welt gegenüber , die es gewagt , statt siegreichen Gelingens , ihr so viel gescheiterte Pläne und Wünsche zu geben . - Obwol jetzt in hohem Alter , hatte sie noch keine Schwächen desselben zu erleiden ; und verknöchert in den Formen ihres Hofdienstes , schien sie fast dieselbe zu bleiben . Aber wo war der Glanz ihres Hauses , den ihr Sohn um jeden Preis aufrecht erhalten sollte ? Niemals hatte derselbe seinen Hofplatz wieder eingenommen , also auch sein Ansehen in den Zirkeln , die sie einst beherrschte , nie wieder erlangt . Seit dem Tode der Königin lebte ihre Schwiegertochter ebenfalls ganz vom Hofe entfernt ; und da Leonin dem Marschalle von Louxembourg nicht wieder in den Krieg gefolgt war , setzten Beide ein , wie es der Marschallin schien , höchst unwürdiges Privatleben fort , das sie vergeblich zu verändern getrachtet hatte und nur von Zeit zu Zeit wieder zu stören versuchte , um mit derselben beleidigenden Ueberzeugung sich zurück zu ziehen , daß ihr Einfluß hier an dem finster grollenden Eigensinne ihres Sohnes und der kalten Ruhe ihrer Schwiegertochter scheitern müsse . Dessen ungeachtet entzogen sich Beide der Geselligkeit in dem Hause der Marschallin nicht , und scheinbar blieb das vollkommenste Einverständniß . Aber wenn die Marschallin , von immerwährender Mißbilligung gereizt , bedachte , wem sie das Scheitern aller ihrer ehrgeizigen Pläne danke , dann kam sie scharfsichtig kombinirend endlich zu dem kleinen , unscheinbaren Punkte , den sie so tief verachtet ,