Glaube . Der grauende Tag suchte vergebens , die Schleier zu lüften , welche die regnerische Nacht auf Berg und Tal zurückgelassen . Es war einer der Morgen , wo sich der alternde Sommer gleich einer verblühenden Schönen , die spät aufgestanden und sich unbelauscht glaubt , in seiner ganzen Herbstlichkeit zeigte . Die aufgehende Sonne verkroch sich immer wieder bleich und frostig hinter den naßkalten Nebeln und die Büsche trieften , man könnte sagen , von Tränen des Unmuts ! Unmutig schüttelte auch der bleiche Wächter , der die ganze Nacht hindurch das Schloß umschritten hatte , die Nässe aus seinem Mantel . Er schauerte , übernächtig , wie er war , in den feuchten Kleidern und sah nach der Gegend des Schulhauses zu , ob nicht die Ablösung komme . Er brauchte nicht mehr lange zu warten . Bald tauchte die kräftige Gestalt eines jungen Mannes auf , der rüstig voran schritt . Langsam und schläfrig schlug jetzt die Uhr der Dorfkirche halb Fünf . „ Auf die Minute , “ rief der Ältere dem Jüngling entgegen . „ Das nenn ’ ich pünktlich . “ „ Gott zum Gruße ! “ sagte Walter . „ Brr , ’ s ist frisch ! Sie müssen tüchtig gefroren haben . “ „ Nicht mehr als der Waidmann auf dem Anstand , “ erwiderte Johannes . „ Dem macht die Jagdlust warm . In mir hat ’ s gekocht und gebrannt vor Begierde nach dem Raubtier da oben . O , Walter , ich bin sonst gelassen und nicht leicht aufzubringen . Wenn aber dieser Mensch heute Nacht ausgebrochen und in meine Hände gefallen wäre , ich weiß nicht , ob ich ihn mit heiler Haut aufs Gericht gebracht hätte . “ „ Ich nehm ’ s Ihnen nicht übel , “ lachte Walter . „ Ich wünschte mir auch nichts mehr , als mich einmal an dem Hallunken satt zu prügeln . Wie haben Sie denn nur die Nacht durchgemacht , konnten Sie wenigstens sitzen ? “ „ Ich hatte keine Ruhe dazu , auch war die Bank an der Tür so feucht . Aber jetzt spüre ich ’ s in allen Gliedern . “ „ Na , eilen Sie nun nur , daß Sie ins Trockene kommen . Vater erwartet Sie mit Ungeduld , er ist schon auf und die Mutter hat Ihnen einen starken Kaffee gekocht . “ „ Ihr guten Menschen , “ sagte Johannes gerührt . „ Ach , Walter , ich bin recht beängstigt . Bis Mitternacht war Gleißert bei Ernestinen . Dort von dem Hügel aus konnte ich durch das Fenster ihre Köpfe sehen . Sie schienen eifrig zu sprechen und gingen auf und nieder , gerade als ob sie packten . Walter , wenn ich es erleben müßte , daß sie dennoch ... “ „ Ach , beunruhigen Sie sich nicht , das ist rein unmöglich nach den Aufschlüssen , die Sie ihr gaben … “ „ Wie kann sie nach eben den Aufschlüssen diesen Menschen noch stundenlang um sich dulden ? Wie kann sie noch zehn Minuten die Luft eines Zimmers mit ihm teilen ? “ „ Hm , es wäre doch unglaublich . Na , dem möge nun sein , wie ihm wolle , wir können jetzt nichts Anderes tun , als abwarten und aufpassen . Letzteres will ich redlich ! Machen Sie jetzt , daß Sie sich ein paar Stunden ausruhen , damit Sie mich zur Schulzeit wieder ablösen können . Hätten Sie mich nur diese Nacht für Sie wachen lassen , mir wäre er so wenig entkommen wie Ihnen ! “ „ Es ist genug , wenn Sie mir den langen Tag erleichtern . Also auf Wiedersehen , gegen acht Uhr bin ich da . “ Mit diesen Worten ging Johannes schweren und müden Schrittes dem Schulhause zu . Als er in die niedere , noch halbdunkle Stube eintrat , stand schon die dampfende Kaffeekanne auf dem Tische . Frau Leonhardt hatte ihn kommen sehen und Alles schnell gerüstet . Herr Leonhardt saß wie immer auf der Ofenbank und streckte dem Eintretenden die Hand entgegen . „ Gott zum Gruße , lieber Herr ! “ sagte er besorgt . „ Wie ist Ihnen nach dem ungewohnten Nachtwächterdienst ? “ „ Leidlich , mein alter Freund ! “ erwiderte Johannes . „ Aber ich kann nicht leugnen , daß sich seit heute meine Achtung für die ehrsame Gilde der Nachtwächter bedeutend erhöht hat . — Danke , danke , Frau Leonhardt , ich bin nicht im Stande , etwas zu essen . “ „ O , Sie können doch den Kaffee nicht so leer trinken , “ klagte die Frau . „ Mutter , nötige nicht , es schickt sich ja nicht mehr . “ „ Ach , aber einen Bissen Mürbes in den nüchternen Magen hinein , wäre doch gut , “ flehte die alte Frau . „ Na , wenn Sie nicht wollen — Sie sehen , es ist da ! “ „ Ja , liebe Frau Leonhardt , ich sehe es , “ versicherte Johannes , mit einem lächelnden Blick auf den großen Korb voll Backwerk . „ Sie müssen nur wissen , daß meine Brigitte die halbe Nacht auf war , um Frühstücksbrot für Sie zu bereiten , weil man um diese Zeit noch nichts Frisches haben kann . Sie wollte Ihnen auch ihrerseits eine Ehre antun . Und nun genießen Sie nichts davon . Das ist doch hart . “ „ Geh , Alter , wie kannst Du nur so ausplaudern . Du bringst einen ja ganz in Verlegenheit ! “ „ Liebe Frau , der Herr Professor ist einer von den Menschen , die solch einen kleinen rührenden Zug wohl zu schätzen wissen ; sonst hätte ich es ihm nicht gesagt . Du tust eben , was Du kannst , aber Du tust es doch , “ „ Ja wahrhaftig , “ rief Johannes und faßte die Hand der Schulmeisterin . „ Das