gewissen Aufschwung , zum mindesten war auf Jahr und Tag hin ein Stillstand geschaffen . Aber schon am 2. Mai 1880 hieß es abermals an der Berliner Börse : › Gentz ist bankrott . ‹ Und diesmal war kein Einhalt zu tun . Ein Konkursverwalter ward ernannt , der , um › Verdunkelungen ‹ vorzubeugen ( es handelte sich um Nachweis etwaiger Schuld aus den Geschäftsbüchern ) , Gentz ' Verhaftung beantragte . Verschiedene Verhöre vor dem Konkursrichter fanden statt , einem vom Verteidiger gestellten Antrage auf Freilassung wurde nicht Folge gegeben und erst das Landgericht hob in einer Sitzung die weitere Untersuchungshaft auf . Diese Haft hatte zwölf Wochen und fünf Tage gedauert . Inzwischen schritt man zur Formulierung der Anklage , die schließlich auf Betrug in fünfunddreißig Fällen und außerdem auf einfachen Bankrott lautete . Seit Beginn der Untersuchungshaft waren bis zur Fertigstellung der Anklage bzw. bis zur Einleitung des Prozesses fast drei Jahre vergangen . Vom 13. bis 15. Februar 1883 fanden die Verhandlungen statt . Einige fünfzig Zeugen waren geladen . Der Tatbestand des Betruges war darin erkannt worden , daß Gentz in der Zeit vom 1. Januar bis 4. Juni 1880 , als angeblich schon eine Unterbilanz vorhanden war , noch zahlreiche Depositen angenommen habe . Nach Ausweis seiner Bücher stellte sich jedoch heraus , daß er am I. Januar genannten Jahres noch eine Überbilanz von 790000 Mark gehabt . Damit fiel die Betrugs-Anklage zu Boden , während seine schließliche Verurteilung zu vier Monaten Gefängnis auf einfachen Bankrott hin erfolgte , von welchem Strafmaß die lange Untersuchungshaft in Abrechnung kam . Ein Begnadigungsgesuch unterblieb und die Strafe wurde angetreten . Als er wieder frei war , war er ein gebrochener Mann , gebrochen an Leib und Seele . Trotzdem widerstand es ihm , in seiner Vaterstadt das Feld ohne weiteres zu räumen , bloß um unbequemen Begegnungen aus dem Wege zu gehen . Und so blieb er denn . Erst nach Ablauf mehrerer Jahre verließ er Ruppin und übersiedelte im März 1886 nach Stralsund , um daselbst ein Geschäft von dem geringen Vermögen seiner Frau zu kaufen . Es gelang auch damit . Aber sehr bald schon warf ihn Krankheit darnieder und von unaufhörlichen Schmerzen gepeinigt , sah er seine Kräfte hinschwinden ; Abzehrung stellte sich ein und er fühlte die Nähe des Todes . Als er im Mai ( ? ) 1888 die Ruppiner Zeitung in die Hand nahm und las , › daß die erste Nachtigall im Tempelgarten ( der ihm neben Gentzrode das Liebste war ) geschlagen habe ‹ , wurd ' er still und stiller . Er ließ seine Kinder , von denen keins daheim war , aus der Ferne kommen und ordnete an , daß er auf dem alten Ruppiner Kirchhof an der Seite seiner Eltern begraben sein wolle . Bald danach kam ein Blutsturz und am 3. Juli 1888 starb er . Nach seinem Willen wurde verfahren und seine Leiche nach Ruppin übergeführt . Da ruht er in Front der Familien-Begräbnisstätte , deren Mittelwand die Inschrift trägt : Ungunst und Wechsel der Zeiten zerstörte was wir geschaffen , Die wir im Leben gekämpft , ruhen im Tode hier aus . « * Es erübrigt uns noch ein Wort über Erscheinung und Charakter dieses eigenartigen Mannes . Alexander Gentz war ein echter Sohn seiner Ruppiner Heimat : lang aufgeschossen , mit anscheinend wenig Rückgrat und einem bequemen Schlenkergang , wie die Matrosen ihn haben . Und zu diesem sich wiegenden Matrosengange jene blassen , etwas vortretenden Amphibienaugen , denen man in dem alten Dossaner Gau , dem Lande zwischen Rhin und Dosse , so oft begegnet , Augen , die blöd und unbedeutend wirken und auf Mangel an Energie hinzudeuten scheinen , bis man an einem plötzlichen und beinahe unheimlichen Aufblitzen wahrnimmt , daß das alles nur Schein und Täuschung war und daß hinter dieser schlaffen Unbedeutendheit eine ganz ungewöhnliche Tatkraft lauert , Hang ins Weite , Lust am Hazardieren , Abenteuerlust . Alles in allem , auf den ersten Blick sehr unscheinbare , hinterher aber ungewöhnlich interessante Menschen . Und ein solcher interessanter Mensch war auch Alexander Gentz , was , so mein ' ich , selbst von seinen Feinden , deren er ein gerüttelt Maß hatte , nicht bestritten werden wird . Seine reichen Gaben freilich , nachdem sie viel Gutes gestiftet , wurden ihm verhängnisvoll . Von Natur klug und auf Schulen hervorragend gut unterrichtet , stand ihm , von Beginn seiner Geschäftsführung an , ein für einen kleinstädtischen Ladenbesitzer ganz ungewöhnliches Maß von Bildung zur Seite , das sich durch seine Reisen in Westeuropa noch gesteigert und ihm ein etwas bedrückliches Gefühl der Überlegenheit gegeben hatte . Zu diesem Gefühl intellektueller Überlegenheit gesellte sich alsbald auch noch das Hochgefühl , innerhalb seines Kreises der reichste Mann zu sein , so daß es nur noch seiner Verheiratung mit Helene Campe , der klugen und schönen Tochter des als Heinrich-Heine-Verlegers mitberühmt gewordenen Buchhändlers Campe bedurfte , um sein Selbstgefühl bis ins Ungemessene zu steigern . Wie das Turmknopf-Manuskript , aus dem ich Auszüge gegeben , deutlich bekundet , sah er auf die ganze Ruppiner Welt als auf etwas unendlich Kleines herab , und lebte sich immer mehr und mehr in ein gewisses , über den Personen und selbst über dem Gesetz ( soweit die » Kleinstädter « es handhabten ) stehendes Herrschergefühl ein , das ihn auch nicht verließ , als er schon vor Gericht stand . Vor den Konkursrichter geführt , nahm er vor diesem , was ganz seinem Wesen entsprach , eine derartig legere Haltung an , daß sich der Richter gezwungen sah , ihm vor Eintritt in die Verhandlung zuzurufen : » Hut ab ; Hände aus den Hosen ! « ein Zuruf , der ( wie ich zufällig weiß ) nicht nur das empörte Staunen des Angeklagten , sondern auch das seiner Familie wachrief , woran sich , als an einem rechten Musterbeispiele , zeigen läßt , in einem wie hohen Grade das ganze