ins Spiel kam . Uebrigens besaß er eine begeistrungsfähige Anempfindung , die ihn das Schöne wirklich erkennen ließ , da er ein grundgescheuter Kerl und keineswegs vernagelt war . Alles in Allem noch immer einer der Besseren , eine der merkwürdigsten Figuren des literarischen Lebens , dieser Commis-Voyageur in Poesie , der trotz alledem für die Berliner Litteraturjuden noch ein unverständlicher Idealist blieb . Außerdem waren noch die zwei neuesten Größen , Holbach und Krastinik , und der philosophische Speichellecker Oberst von Dondershausen anwesend . Derselbe strotzte ordentlich von Biedermannshuberei , die ihm das glattrasirte Kinn wie Salbungsöl heruntertroff . Seine Fischaugen glotzen erbaulich wohlwollend in die unphilosophische Welt hinein . Da er nachher im Hohenzollernclub ein kornblumiges Festbardit vortragen mußte , war er im Frack erschienen und hatte sein ungewöhnlich reichhaltiges Ordenskettchen angelegt , das ihn als einen erprobten Streber mit diensteifriger Handkuß-Vergangenheit auswies . Er thronte hier hochtrabend mit als Kunstrichter , da der erlauchte Doktor Ottokar von Feichseler soeben die berüchtigte Anthologie realistischer Lyrik unter seine kritische Sonde nahm . Dieselbe lag , hochelegant im Kaliko gebunden , auf dem Tisch und ihr Herausgeber , der fettgesunde Jüngling Erich von Lämmerschreyer , saß mit andächtigem Gesicht davor , wie ein Bußfertiger auf dem Armesünderbänkchen . Mit der üblichen Gewandtheit , welche die weihepriesterlichen Rotzjungen und Tugendbesinger des Jüngsten Deutschland bei Verfolgung ihrer Privatzwecke entwickeln , hatte sich der begabte Neophyt eilig aus Leonhart ' s Bannkreis entfernt , nachdem er dessen Einfluß ausgenützt . Mit bescheidener Zerknirschung machte er alsbald dem Hohepriester des akademischen Idealismus , Ottokar dem Würdevollen , einen Ehrenbesuch und empfahl die Anthologie , welche er soeben herausgegeben , dessen unmaßgeblichem Wohlwollen . Aus dem Munde eines so hochzuverehrenden Mannes würde ihn auch der strengste Tadel erquicken . Er kannte halt Ottokar ' s schwache Seite . Greis Ottokar ( er war eigentlich erst 36 Jahre alt , aber erklärte sich für zwanzig Jahr älter , da die Stürme der Erfahrung ihn vorzeitig gebeugt hätten ) würdigte diesen schönen Zug und beurtheilte danach den ganzen Menschen . Demgemäß pries er Lämmerschreyer sofort als einen jungen Mann von reinen Sitten und lauterer Gesinnung , der sich von dem Größenwahn der Andern frei halte . Auch lud er ihn zu der kritischen Sitzung ein , die er über die tragikomische Lyriker-Revolution abhielt . Zu allen Urtheilen sagte Erich der stilvolle Schwerenöther demüthig Ja und Amen . Die wundersame Anthologie aber lautete : Realistisches Jahrbuch der Lyrik . Herausgegeben von E.v. Lämmerschreyer unter Mitwirkung aller Genies , die seit 1850 das Licht dieses ärmlichen Erdballs erblickten . Vorrede . Auf dem Kreis der hier versammelten Dichter beruht die Zukunft der Menschheit . Erhabener Geist , du hast uns viel gegeben ! Wir sind die Erkorenen und rufen dem kommenden Jahrhundert . Was nicht für uns ist , ist wider uns . Nieder mit der ganzen altersschwachen Bagage ! Man höre und staune : Mit unserer Lyrik befreien wir die altersschwache Welt ! Wir sind die Reformation der Litteratur , welche schon unser lieber Genosse Leonhart prophezeite . Noch hat sich aus unsrer Mitte kein Führergenie erhoben , wie Goethe aus der älteren Sturm- und Drangperiode , obwohl wir bereits einen Lenz in Mokamaute und einen Klinger in Haubitz besitzen . College Hartung mit seinen orientalischen Allüren , die sich an Freiligrath geschult zeigen , fühlt sich dem Maler Müller verwandt und in dem strengen Ernst des Didaktikers Edelmann ahnen wir den Herder unsrer Epoche . Wer vermöchte Klopstock ' schen Würdeschwung in unserm Freunde Max Henkelkrug zu verkennen ! Schiller ' sches Pathos athmet in Vielen , auch in unserm gefeierten Dramendichter Herrn v. Alvers . Kurz , man dürfte sagen , daß die Rollen vertheilt sind , und die thaufrische Blütheperiode einer neuen Klassicität nun losgehn kann . Wie gesagt , nur der Goethe fehlt noch , aber sollte nicht Anno Buchsbaum die Keime eines solchen in sich tragen ? Und wenn uns auch Goethe und Schiller versagt blieben , so wird doch hoffentlich unser großer einziger Lessing neu erstehen in unserm Ambrosius Sagusch . Vivat sequens ! Der Herausgeber . Max Henkelkrug . Der Weltbefreier . Der Satan führte mich im Traum In der Versuchung Bergeswüste Und zeigte mir den Weltenraum Sammt allen Schätzen jeder Küste . Ich lachte in erhabenem Hohn : » Armseliger , was willst Du schenken ? Zaunkönignestlein - Kaiserthron ! Der Adler soll die Schwinge senken ? « Hei , Pegasus , ins wilde Turnei ! Grimm sei Dein schneidiger Sporn ! Die Schranken der Sitte sprenge entzwei ! Hell schmettre der Freiheit Horn ! Die Geißel des Spottes in linker Hand Und das Flammenschwert in der Rechten , Den Popanz Wahn zu Boden gerannt ! Hinaus zum lustigen Fechten ! Fortreißt der Pegasus mich unaufhaltsam . Auf , Flammen , mögt ihr prasselnd mich umwogen ! Der Ruhe Halfter sprengt mein Geist gewaltsam . Nun , Myrmidonen , fürchtet meinen Bogen ! Die Sonnenrosse mögen mich zerschmettern . Sei nur des Brütens Bann von mir genommen ! Der Aar saugt Lebenslust in wilden Wettern . Verzweiflung und Martyrium , willkommen ! Ein heller scharfer Ton Durchs Herz der Menschheit bebt , Wie vor Posaunendrohn Einst Jericho gebebt . Ein Schauder wunderbar Den Glücklichen ergreift , Wie wenn ein lichter Aar Ihm seine Locken streift . Ein wilder Harfenklang Um Schmerzverdammte schwirrt , Wie Saite , die zersprang Zerissen niederklirrt . Ein Schrei , vor dem uns graut , Im Herzen nimmer schweigt , Wie klagend eine Braut Sich auf die Walstatt neigt . Ein Drängen unbekannt In freien Seelen stürmt , Wie wenn Gigantenhand Den Berg zum Himmel thürmt . Dies Drängen und dies Sehnen Verläßt die Menschheit nie In Lächeln und in Thränen Und heißt - die Poesie . Seid ihr hin , ihr schönen Tage Ohne Plage , ohne Klage , Wo noch frisch mein Blut , Wo ich glaubte , niederringen Könne alles und erzwingen Stolzer Jugendmuth ? Mann und Greis in früher Jugend , Ohne