Andenken an Judith und ein starkes Heimweh nach ihr mich jetzt sicher fühlte . Und allerdings war es eigentümlich , daß Erlebnisse , die in vergangenen Tagen gefährlich und ungehörig für mich gewesen , jetzt dazu dienen mußten , mich gegen Verlockungen der heutigen Stunde zu schützen . » Ich will wetten « , unterbrach mich Erikson , » daß er das arme Ding heute sitzenläßt und nicht mitbringt . Wir sollten ihm aber einen Streich spielen , damit er zur Vernunft kommt . Nimm einen Wagen , fahre in die Stadt und sieh ein wenig zu ! Findest du den Tollkopf nicht zu Hause noch bei dem Mädchen , so bring dieses ohne weiteres mit , und zwar in Rosaliens Namen und Auftrag , so kann die Mutter nichts dagegen haben ; ich werde das verantworten . Zu Lys wirst du nachher einfach sagen , daß du für deine Pflicht gehalten , dem Gebote nachzukommen , da er dir die Schöne in letzter Nacht so beharrlich anvertraut . « Ich fand diesen Einfall nur in der Ordnung und fuhr sogleich in die Stadt . Auf dem Wege begegnete ich Lys , der ganz allein in einer Kutsche saß , in einen warmen Mantel gehüllt ; die kegelförmige Königsmütze mit ihren Anhängseln , der wunderlich gelockte schwarze Bart verrieten aber genugsam den festschwärmenden Nachzügler . » Wohin willst du ? « rief er mir zu . » Ich soll « , erwiderte ich , » dich aufsuchen und sehen , daß du das gute Mädchen Agnes mitbringst , im Falle du es nicht ohne hin tun würdest ! Dies scheint nun so zu sein , und ich will sie holen , wenn du nichts dagegen hast , und in deinem Namen . Eriksons schöne Witwe wünscht es . « » Tu das , mein Sohn ! « sagte Lys möglichst gleichgültig , obschon er sichtlich etwas überrascht war . Er hüllte sich dichter in den Mantel , indem er seinem Kutscher barsch befahl weiterzufahren , und ich hielt bald nachher vor Agnesens Wohnung . Das Pferdegetrampel und Rollen der Räder sowie das plötzliche Stillstehen widerhallte in ungewohnter Weise auf dem still entlegenen Plätzchen , so daß Agnes im selben Augenblicke mit strahlenden Augen ans Fenster fuhr . Als sie mich aussteigen sah , verschleierte sich der Blick wieder , doch harrte sie noch erwartungsvoll , als ich in die Stube trat . Ihre Mutter war auch da , beschaute mich von allen Seiten , und indem sie fortfuhr , mit einer alten Straußenfeder ihren Altar , das darüber hängende Bild , die Porzellantassen und Prunkgläser , auch die Wachslichter abzustäuben und zu reinigen , fing sie an zu plaudern : » Ei , da kommt uns ja auch ein Stück Karneval ins Haus , gelobt sei Maria ! Welch allerliebster Narr ist der Herr ! Aber was Tausend habt Ihr denn ? was hat Herr Lys nur mit meiner Tochter angefangen ? Da sitzt sie den ganzen Morgen , ißt nichts , schläft nicht , lacht nicht und weint nicht ! Dies ist mein Bild , Herr , wie ich vor zwanzig Jahren gewesen bin ! Doch Sie haben es , glaub ich , auch schon gesehen ! Dank unserm Herren und Heiland , man darf es noch betrachten ! Sagen Sie nur , was ist es mit dem Kinde ? Gewiß hat Herr Lys sie zurechtweisen müssen , ich sag es immer , sie ist noch zu dumm und ungebildet für den feinen Herren ! Sie lernt nichts und beträgt sich unschicklich . Ja , ja , sieh nur zu , Agnes ! lernst du das von mir ? Siehst du nicht auf diesem Bild , welchen Anstand ich hatte , als ich jung war ? Sah ich nicht aus wie eine Edelfrau ? « Ich antwortete auf alles dies mit meiner Einladung , die ich sowohl in Lysens als in Frau Rosaliens Namen ausrichtete ; auch brachte ich einige Gründe vor , warum jener nicht selbst kommen könne , indes die Mutter einmal über das andere rief : » So mach , so mach , Nesi ! Jesus Maria , wie reiche Leute sind da beisammen ! Ein bißchen zu klein , ein bißchen zu klein ist die gnädige Frau , sonst aber reizend ! Nun kannst du nachholen , was du gestern etwa versäumt und verbrochen ! Geh , kleide dich an , Undankbare ! mit den kostbaren Sachen , die Herr Lys dir geschenkt ! Da liegt der Halbmond am Boden ! Aber zuerst muß ich dir das Haar machen , wenn ' s der Herr erlaubt ! « Agnes setzte sich mitten in die Stube , und ihre Wangen röteten sich leise von wiederaufkeimender Hoffnung . Die Mutter frisierte sie nun mit großer Geschicklichkeit . Sie führte nicht ohne Anmut den Kamm , und als ich die hochgewachsene Frau betrachtete und die immer noch schönen Anlagen und Züge ihres Gesichtes sah , mußte ich gestehen , daß ihre Eitelkeit einst berechtigt gewesen sei . Agnes saß mit bloßem Halse , von der Nacht der aufgelösten Haare umschattet , und es gewährte mir einen lieblich ruhevollen Anblick , wie die Mutter die langen Stränge kämmte , salbte und flocht und dabei weit zurücktreten mußte . Sie sprach fortwährend , indessen wir andern schwiegen und wohl wußten warum . Ich merkte aus allen den Reden , daß Agnes ihrer eigenen Mutter von dem Unsterne der Nacht noch nichts anvertraut hatte , und entnahm daraus , wie grausam die Sache sie würgen mußte . Endlich war das Haar ungefähr so gemacht , wie es gestern gewesen , und Agnes ging mit der Mutter nach ihrem gemeinsamen Schlafzimmer , das Dianengewand wieder anzuziehen ; sobald sie aber damit nur einigermaßen zustande gekommen , erschienen sie wieder und vollendeten den Anzug in meiner Gegenwart , weil die Alte sich unterhalten und soviel möglich von dem Feste , und wie alles verlaufen sei , erfahren wollte . Dann aber kochte sie