Todesschauern ringt . Aber wahrlich , selbst bis zum Verzweifeln mußte er klopfen und rütteln , bevor der Hausknecht das Tor endlich öffnete und den seltenen Wintergast mit schlaftrunkenen Augen anstarrte . Dieser forderte ein Zimmer - das er nicht betrat , einen Imbiß - den er nicht berührte . Wie verloren warf er die Frage hin , ob das Haus von Gästen stark besetzt sei ? Leider war es seit Wochen nur von den Eingesessenen besetzt , eine Auskunft , die kurz darauf Herr Strobel , der Scheffelwirt , bestätigte . Herr Strobel begrüßte den Ankömmling wie einen alten Bekannten ; er hatte den Hünen der Studentenschaft in gutem Gedächtnis behalten , obschon dieser niemals mit Säbel und Sporen geklirrt , auch weniger Seidel ausgestochen hatte als der bescheidenste Knirps . Auch von seinem kriegerischen Mißgeschick und dem so früh errungenen geistlichen Amte erwies sich Herr Strobel durch das Kreisblättchen unterrichtet . Diesem wackeren Manne band der junge geistliche Herr nunmehr das Märlein auf , welches er beiwege sich mühsam ausgediftelt hatte . Denn welche Kunst ist so schwer , daß in der Not nicht auch ein Stümper sie betreiben lernte ? Aus Zufall war ihm zu Ohren gekommen , daß ein alter Schulfreund mit seiner jungen Frau auf der Hochzeitsreise in dem freundlichen Badeorte zu übernachten beabsichtigte . Der Wunsch des Wiedersehens war natürlich erwacht , aber durch Amtsgeschäfte gestern nachmittag abgehalten , hatte der Pfarrer erst den Nachtzug benutzen können , um das junge Paar wenigstens noch am Frühstückstische zu begrüßen . Leider , wie schon gesagt , war er falsch berichtet ; seit Wochen weder ein junges noch altes Paar , noch selbst ein einzelnes Individuum männlichen oder weiblichen Geschlechts im Goldenen Scheffel eingekehrt , auch , wie Herr Strobel wahrheitsgemäß versichern durfte , kein zweites Logierhaus , in welches die Herrschaften sich verirrt haben konnten , im Orte vorhanden . Daß aber ein so außerordentlicher Fall , wie zur Winterszeit die Einkehr in einer Privatwohnung , nicht ohne das größte Aufsehen zu erregen , hätte vor sich gehen können , brauchte Herr Strobel kaum zu erwähnen , erwähnte es aber doch . Sein Gast bedauerte die zwecklose nächtliche Beunruhigung . Die Freunde waren nicht im Ort : sehr natürlich ! Er hatte sich plötzlich besonnen - ein tröstliches Merkmal , wie weit ein Novellist durch Übung es in der Erfindungskunst zu bringen vermag - , daß in einem unfernen Pfarrhause ein zweiter , allerdings älterer Schulfreund heimse , dem der erste ohne Zweifel sein Frauchen präsentiert haben werde ; ihn alldort aufzusuchen , war der dritte nun um so lieber bereit , da er sich der Hoffnung nicht entschlagen mochte , das junge Paar zu einem Abstecher in sein eignes freundliches Pfarrhaus zu bewegen . Weil aber nach dem Frühzug bis zum Abendzug kein anderer hier im Orte anhalte , das Wetter mild sei und , wenn nur der Nebel sich senke , die Gegend sogar im Winter einen angenehmen Reiseeindruck biete , beabsichtige er eine Wagenfahrt in Vorschlag zu bringen und bäte daher Herrn Strobel , ihm für den Nachmittag seine Equipage zur Verfügung zu stellen , der zweifelhaften Witterung halber den Wagen geschlossen . Bei näherer Prüfung empfahl es sich auch , den Umweg durch das Dorf zu vermeiden . Die Fußwanderung konnte die junge Frau ermüdet haben . Das Gefährt solle daher in der Mittagsstunde , aber ja recht pünktlich ! auf der Landstraße bereithalten an der Stelle , wo das Mordtal , durch welches der nächste Weg nach dem Pfarrdorfe ja führe , auf jene Straße münde . Den Fahrpreis war der Mieter selbstverständlich bereit , auch wenn das Geschirr unbenutzt bliebe , zu entrichten ; Weitläufigkeiten zu ersparen , sogar im voraus . Das letztere wäre nun durchaus überflüssig gewesen , der Herr Pastor hatte Kredit ; es wurde schließlich aber doch mit dem Versprechen der Geduld im Fall eines Wartestündchens angenommen . Wie der Wind jagte nunmehr der fabulierende Held von dannen auf die Suche nach seinem glücklichen jungen Paar ; zunächst allerdings nicht in das Mordtal , das zum Pfarrdorfe führte , sondern stracks nach dem Bahnhofe . Er blickte durch die trüben Scheiben in das einzige Wartezimmer ; der Docht einer Hängelampe kohlte , ein Kellner schlief auf zwei Stühlen ausgestreckt . Tor , der er gewesen ! In diesem öffentlichen Raume ein unglückliches Paar auf der Flucht vorauszusetzen oder in diesem unheimlich öden nach einem glücklichen auf der Hochzeitsreise Kundschaft einziehen zu wollen ! Jedes weitere Auskunftsuchen war überdies verdächtigend . So machte er denn einen Gang durch die bergansteigende einzige Dorfgasse ; die kleinen Häuser , vor welchen im Sommer geputzte Kindergäste sich tummelten , lagen schlummerstill ; nur ein Hahn krähte hier , eine Kuh brummte dort , dann und wann brannte eine Morgenlampe ; eine schwache Rauchsäule wirbelte aus dem Schornstein in den Nebel . Alles so friedlich wie daheim , und wie unfriedlich mochten daheim die Herzen schlagen , wenn vielleicht schon in der Nacht die Häscher auf den feindlichen Mann gefahndet hatten , nach welchem er selbst wie betört in der Irre umherspähte . Ja , in der Irre ! Denn Schritt um Schritt war es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen . Würde der Verfolgte hier , im nächsten Bereich der Verfolger , eine Zuflucht gesucht haben , da er von der rückwärts liegenden Station aus auf fremdem Gebiet mit weit geringerer Entdeckungsgefahr den Platz der Entscheidung erreichen konnte ? Schieben sich doch in diesem Talwinkel gar mancher Herren Länderchen ineinander , deren Grenzen ein preußischer Gendarm nicht so ohne weiteres zu überschreiten wagt . Auf dem jenseitigen Ufer war er mindestens einen Tag lang geborgen , - aber die letzte Hoffnung erloschen , ihn dort vor der verhängnisvollen Stunde aufzufinden . In dieser beklemmenden Erkenntnis hatte Dezimus die Berglehne erreicht , von welcher er manchesmal einen erquickenden Blick in das grüne Tal getan hatte . Heute lag es im ersten schwachen Morgendämmer weiß in grau . Der Nebel