Cloten , der sie überall in den Zimmern vergeblich gesucht hatte und jetzt melancholisch an einen Thürpfosten gelehnt stand , erblickte sie sofort und kam eiligst auf sie zu . Mein gnädiges Fräulein ! haben mich in wahre Todesangst versetzt ! war bei Gott au désespoir ! glaubte wahrhaftig , der Himmlischen Einer habe Sie mir entführt . Ich habe in aller Stille über das , was Sie mir vorhin sagten , nachgedacht , Herr von Cloten , antwortete Emilie . Wahrhaftig ! Sie sind ein Engel ! und ich darf hoffen ? fragte von Cloten , der die gerötheten Augenlider und das aufgeregte Wesen des jungen Mädchens natürlich zu seinen Gunsten auslegte . Gehen Sie zu meiner Tante ! Wirklich ? wahrhaftig ? ich kann es nicht glauben ! rief der junge Mann und sein freudiger Schrecken war keineswegs gemacht . So gehen Sie nicht ! antwortete Fräulein Emilie in einem sonderbaren Ton . Mein Gott , Emilie , Engel , zürnen Sie nicht ! ich eile , ich fliege - Und Herr von Cloten entfernte sich in augenscheinlichster Verwirrung , um Emiliens Tante aufzusuchen . Emilie blieb auf demselben Platze stehen , bleich , die Arme verschränkt , die großen Augen starr auf die Gruppen der Tanzenden geheftet , ohne mehr zu sehen , als wenn sie die Blicke in ' s Leere gerichtet hätte . Sie sind klüger , als wir Andern ! sagte eine Stimme dicht neben ihr . Es war Felix von Grenwitz ; er hatte sich auf einen Stuhl geworfen und trocknete sich mit einem Batisttaschentuche die nasse Stirn . Lächerlich , bei der Hitze herumzuspringen , ich dächte , wir hörten endlich einmal auf . Und nun hat noch gar Helene Herrn Timm am Clavier abgelöst ; das Mädchen hat doch wahrlich wunderliche Einfälle . Meinen Sie nicht auch , Fräulein Emilie ? Vielleicht fehlt es ihr an einem Tänzer . Unmöglich . Nun , vielleicht an dem rechten Tänzer . Das heißt ? An dem , mit welchem sie gern tanzt . Ich bin stets hier gewesen . Sie bilden sich doch nicht etwa ein , daß Sie der Glückliche sind ? Wer denn sonst ? Wissen Sie nicht , wo Herr Stein geblieben ist ? Nein , weshalb ? Ich frage nur Fräulein Helenens halber . Bemerken Sie nicht , wie sie die großen , stolzen Augen fortwährend ruhig , aber unaufhörlich durch den Saal schweifen läßt ? Das kann doch unmöglich Ihr Ernst sein ? Weshalb denn nicht ? Ist Herr Stein nicht ein sehr hübscher Mann ? und hat nicht Helene , wie Sie selbst sagen , wunderliche Einfälle ? Mein Fräulein , sagte Felix ernst ; wollen Sie mir die Gnade erweisen , mir zu sagen , ob Sie besondere Gründe zu dieser eigenthümlichen Vermuthung haben ? Natürlich habe ich besondere Gründe . Und wollen Sie die Güte haben , mir diese Gründe zu nennen ? Nein . In diesem Augenblick kam Herr von Cloten mit vor Freude strahlendem Gesicht . Mein gnädiges Fräulein , sagte er ; Ihre Frau Tante wünscht Sie zu sprechen . Darf ich die Ehre haben , Sie zu ihr zu begleiten ? Sogleich ! sagte Emilie , und dann zu Felix : Verlassen Sie sich auf das , was sich Ihnen sagte ; ich habe scharfe Augen und Ohren . Sie nahm Cloten ' s Arm . Der Sache muß ich auf den Grund kommen , sagte Felix bei sich , als die Beiden sich entfernt hatten . Helenens Benehmen in den letzten Tagen ist wirklich auffallend . Er trat an das Klavier : Soll ich Ihnen die Blätter umschlagen , Helene ? Danke ; antwortete Helene trocken ; ich spiele aus dem Kopf . Nach einer kleinen Pause : Bitte Cousin , gehen Sie fort ; es ängstigt mich , wenn Jemand so dicht hinter mir steht . Ich dächte , Doctor Stein hätte gestern eine halbe Stunde lang hinter Ihnen gestanden , ohne daß Sie irgend welche Angst verrathen hätten . So werde ich aufstehen ; sagte Helene , griff ein paar schnelle Schlußaccorde und ging , ohne das Ach ! der mitten im Tanze Gestörten zu beachten , von dem Klavier fort . Das ist stark , sagte Felix bei sich . Weshalb hörte denn Helene so plötzlich auf zu spielen ? fragte die Baronin , welche die Scene aus der Entfernung beobachtet hatte , herantretend . Ich weiß es nicht ; sie wird mir wohl etwas übel genommen haben . Sie ist doch eigensinniger und launischer , als ich dachte . Meinen Sie nicht auch , Tante , daß der Mensch , der Stein , mit seinen corrupten Ansichten einen schädlichen Einfluß nicht blos auf Bruno , sondern auch auf Helene ausübt ? Ich habe Ihnen ja immer gesagt , daß ich dem Menschen nicht im mindesten traue . So jagen Sie ihn fort . Ohne alle Veranlassung ? Pah , die findet sich . Wollen Sie mir die Erlaubniß geben , eine zu suchen ? Aber ohne daß ein Scandal daraus wird . Lassen Sie mich nur machen . Es muß so eingerichtet werden , daß er selbst um seine Entlassung bittet . Weshalb ? Ich habe meine Gründe - und Felix , sagen Sie Grenwitz nichts davon . Er ist in der letzten Zeit so rechthaberisch und eigensinnig geworden ! Ich fürchte sogar , er sinnt darauf , unser Project mit Helene zu stören . Ich bitte Sie , Felix , seien Sie vorsichtig ! Ich wäre außer mir , wenn die Sache sich zerschlüge , nachdem ich sie schon unter der Hand nach allen Seiten als ein fait accompli dargestellt habe . Pah ! Tante , schon wieder ängstlich ? Vertrauen Sie mir : ich pflege zu Ende zu bringen , was ich anfing . Achtundvierzigstes Capitel Als Oswald , nach der peinlichen Scene mit Emilie von Breesen auf sein Zimmer kam - denn zur Gesellschaft zurückzukehren , war ihm unmöglich - sah er auf