nicht über den Humboldt ' schen Kosmos , nicht über Goethe ' s Morphologie der Pflanzen , nicht über Dante ' s Paradies und Hölle ... wie kann man so geistlos sein und von der Zeit , von Tendenzen , von der Gesinnung reden ! Verstehen Sie ? .... O ich merke etwas von den » kleinen Cirkeln « , sagte Pauline lächelnd . Nun nehmen Sie einmal unsern Proceß , fuhr der feine Ironiker fort . Siehe ! Da gab es eine Zeit , die da geheißen ward : die mittlere . Und siehe ! Da gab es eine Ritterschaft , die da geheißen ward : die geistliche . Die Einen trugen einen weißen Mantel mit rothem Kreuz und hießen Templer , und die Andern trugen einen schwarzen Mantel mit weißem Kreuz und hießen Johanniter . Beide erwarben Schätze , beide legten Comthureien und sozusagen Relais für die Kreuzzüge an , Stationen , wo nur Tapferkeit , dummer Glaube , alter Wein und baares Geld zu finden war . Man kaufte Güter , baute Burgen , baute Häuser in den Städten und wußte mit dem Schwerte Das gewaltsam einzutreiben , was nicht mit dem Klingelbeutel von selber kam . Diese Ritter waren halb Soldaten , halb Mönche . Sie können sich denken , welches übermüthige Volk ! Die Fürsten ertrugen ' s auch nicht gar lange und verbrannten und verbannten die Templer , die schon die üppigsten von Allen waren , wie Sie in der Oper sehen können , wenn sie einmal ( der Templer und die Jüdin ) wieder gegeben wird . Die Johanniter duckten sich und hielten sich länger ... Das schadet aber Alles nichts . In den Gemüthern , die , wie schon gesagt , das Bauschige , Prächtige , Rauschende , Stoffene lieben , bleiben diese Gestalten der Vorzeit ehrwürdig . Und nun kommt die Reformation , dieses in gewissen Kreisen so wenig geachtete Lichtexperiment , das wie unsere neue Gasbeleuchtung dem Einen nicht hell genug , dem Andern viel zu hell erscheint für ' s Sehen und Gesehen werden - in Diebsprocessen kommen darüber Beschwerden vor - und die reichen Güter dieser Orden fallen da und dorthin , wer sie gerade in der großen Flut der Religionskriege und Säcularisationen auffischt . Hier unsere Stadt fischte sich siebzehn Häuser , darunter das spätere Wohnhaus der Marschalks , das Sie näher angeht , die Grundgerechtigkeit von Tempelheide und eine Menge anderer Grundrechte , die alle einst dem Johanniterhof von Angerode gehört hatten . Und Das ging so vom Jahre 1550 bis in Zwischenräumen von immer funfzig , sechzig Jahren , wo der erstarkenden Souverainetät unserer alten allmälig avancirenden Markgrafen einfiel , daß herrenloses Gut doch wol eigentlich den Landesherren und nicht den Stadtgemeinden gehöre . Jetzt , wo man Geld braucht und unsere Communen , die sich gern , wie man zu sagen pflegt , volksthümlich gebehrden , empfinden lassen möchte , daß sie kein Staat im Staate sind , jetzt hat unser wühlerischer Finanzminister auch diesen alten Posten wieder aufgewühlt und verlangt eine Wiederaufnahme dieses alten Handels und zwar mit einer solchen Energie , wie der preußische Friedrich den alten schlesischen Proceß dadurch revidirte , daß er Schlesien ohne Weiteres gleich in die Tasche steckte . Ist denn der Betrag erheblich ? fragte Pauline . Doch ! sagte Schlurck . Es beläuft sich der jährliche Ertrag dieser alten Gefälle an die Stadtkämmerei auf achtzigtausend Thaler , woraus sich ein Capital von zwei Millionen ergeben würde ... Und dies sollten die kleinen Cirkel dem Staate nicht gönnen ? erwiderte Pauline erstaunt . Gönnen ? wiederholte Schlurck . Das wol ! Aber nun denken Sie sich , über den siebzehn Häusern , von denen nur zwei in der Brandgasse noch die alten in ganz alter Form sind , thront als Wahrzeichen das Kreuz , das Kreuz mit seinen ritterlichen Erinnerungen , in Tempelheide hat die alte Kirche das Kreuz , Tempelheide ... Heidentempel ... Christentempel ... Tempelchristen ... und die alte Stadt , die ist doch so etwas Ehrwürdiges mit ihren drei Schlüsseln im Wappen , und die besten Prediger die sind auf diese Gelder angewiesen und es läutet so schön mit den Glocken , wo diese Prediger wohnen und sie ihre Kirchen haben und die Geschichte und die Sage , die webt über das Ganze so einen undurchsichtigen , feierlichen Matthison ' schen Nebelschleier , der sich in der stillen Abenddämmerung der Archive an der kundigen Hand des Generals Voland von der Hahnenfeder , der uns durch die Burgverließe der Jahrhunderte führt , so silbergrau , so patriarchalisch , so mystisch ausnimmt ... Pauline unterbrach den Justizrath mit lautem Lachen . Hören Sie auf ! rief sie , Sie sind prächtig , Justizrath ! Ja , ja ! Sie haben Recht ! So ist ' s ! So ist ' s ! Von solchen Empfindungen werden wir jetzt regiert . Himmel ! Von solchen Motiven werden die wichtigsten politischen Schritte geleitet ! Aus dieser Dämmerung webt sich Voland von der Hahnenfeder seine schwache , haltlose Spinnenwebenpolitik ! Darum kein energischer Aufschwung ! Darum keine That ! Kein Handschuh , kühn der Zeit hingeworfen ! Darum die Unterordnung unter Rom , unter andere alte Fürstengeschlechter , nur weil sie fabelhafte Wappenthiere haben und die Tradition der älteren Vergangenheit ! O Das ist die romantische Dämmerung , in der die Nachteulen fliegen müssen , die das Schloß besuchen dürfen . Nicht wahr ! sagte Schlurck mit satirischem Lächeln . Was läßt sich dagegen sagen ! Solche Anschauungen kommen aus Dem , was die Herrschaften ihren Geist nennen , wie wir wieder die Anschauungen Voltaire ' s unsern Geist nennen . Aber wissen Sie , welch ein Sonnenstrahl jetzt , wie das Schwert des Erzengels Michael , dies ganze Helldunkel durchschneiden kann ? Will man denn doch die Verjährung nicht gestatten , will man sich immer darauf berufen , daß alle funfzig Jahre vom alten Zeitgeist gegen den neuen protestirt wurde , so ist es leicht möglich , daß