Jugend eine gelehrte Schule besucht habe , überdies aber auch nachmals mich immer mit Lesen und Schreiben beschäftigte . Sollte der Kopist dergleichen gemacht haben , und der Korrektor sie stehenlassen , so wäre das freilich schlimm für den Stil , aber ich glaube nicht , daß es mir bei den Lesern schaden würde . Die meisten Autoren tragen sich mit dem Gedanken , der Leser nehme das Buch zur Hand , um sich zu belehren , oder doch etwas Neues zu erfahren . Grundfalsch ! Der wahre Leser greift danach mit dem Gefühle des Patronats ; der Schriftsteller ist sein Klient , und in je traurigeren Umständen dieser sich befindet , je kläglicher die Rede ist , die er an ihn hält oder schreibt , desto größeren Eindruck macht er auf den guten Patron . Daher kommt das wunderbare Glück der ganz erbärmlichen Schriften . Bei ihnen bleibt der Leser im steten , ihm so wohltuenden Genusse des Mitleids gegen das menschliche Elend . VI. Derselbe an Denselben Doch von den Minutien zum Ernste zurück . Lassen wir das Publikum ! - Es gibt kein Publikum mehr . Dieses Wort setzt eine Anzahl empfänglicher Hörer voraus . Wer hört nun noch , und wer will empfangen ? Leicht ist es , hierüber verdrießlich zu werden und zu schelten , schwerer , das Phänomen in seinem Ursprunge zu begreifen , in seinen Folgen mit Gleichmut zu erdulden . Und doch entspringt die scheinbare Gefühllosigkeit der jetzigen Menschen für Schönes , Geistiges nur aus der von mir in meinem vorletzten Briefe erwähnten Überfülle der Geister . Jeder ist von einem unbekannten Etwas überschattet , welches die Seelen erhebt und gänzlich beschäftigt , alle haben eine große Aufgabe in sich zu verarbeiten , keiner ist müßig . So sehe ich Zeit und Zeitgenossen , entgegenstehend manchen in den Büchern der » Epigonen « verlautbarten Stimmen , an . Wie sollen sie fähig sein , zu nehmen , da sie schon mehr haben , als sie bewältigen können ? Die Literatur ist eine Literatur der Einsamen geworden . Der sinnende und bildende Geist wird von einer ewigen Notwendigkeit getrieben , sich zu offenbaren , und zur Vollständigkeit dieser Offenbarung gehört die äußere Erscheinung . Man schreibt daher und läßt drucken , nach wie vor , ohne die Aussicht der Vorgänger zu haben , gelesen zu werden . Anfangs und in der Jugend bereitet dieses Verhältnis bittre Schmerzen ; es ist so traurig , sich mit einer Welt von Anschauungen , Gedanken und Empfindungen in der Wüste zu sehn , allmählich beruhigt sich das Gemüt , und endlich kann in der durchgeprüften Seele das Bewußtsein einer glorreichen Dunkelheit entstehen , welches so unzerstörbar schön ist , daß man es mit nichts vertauschen möchte . Oder ist es nicht besser , unter Reichen als Wohlhabender zu verschwinden , denn unter Bettlern mit seinem Etwas sich hervorzutun ? Ich schrieb den » Merlin « und wußte sein Schicksal vorher , nämlich , daß man seiner nicht achten werde . Glauben Sie , daß mich dieses Wissen niedergeschlagen hat ? Keine der Entzückungen , aus welchen jenes Gedicht entsprang , hat es auch nur im mindesten getrübt . So habe ich an den Büchern der » Epigonen « gearbeitet , ohne irgend etwas davon zu erwarten , was man Wirkung nennen könnte . Und dennoch sind mir die Stunden , Tage und Wochen , welche ich ihnen widmete , unverfinsterte , liebe Erinnerungen . Die Pfade zum Heldentume sind immer steil , die Pfade zu dem , welches ich meine , vielleicht die steilsten . Zart und weich soll der sein , der sie wandelt , und doch auch wieder die Kraft des Ajax haben , um die himmelansteigenden Felsen zu bewältigen . Dennoch gelingt es wohl , emporzuklimmen , wenn wir nur verstehn , uns mit dem Blute unsrer Sohlen auf den Absätzen der Klippen neben den furchtbaren Tiefen festzuleimen . Lassen wir also das Publikum und helfen Sie mir nur , wie ich gebeten , mein Werk vollenden . VII. Der Arzt an den Herausgeber Niemals bin ich in der Stärke Materialist gewesen , wie Sie angenommen haben . Darin muß ich zuvörderst Ihre Geschichten berichtigen . Religion wird einem jeden angeboren , und nach meiner Meinung ist der Vorwurf , daß man keine habe , womit die frommen Seelen sehr freigebig zu sein pflegen , der schwärzeste , welcher einem Menschen nur gemacht werden kann , denn er wirft ihn zu den Tieren hinab . So hatte ich früh beim Abdämpfen und Präzipitieren , bei dem Öffnen und Zerschneiden der Leichen gefühlt , daß ein Etwas vorhanden sei , welches im Feuer des Schmelzofens sich nicht fangen lasse , vor keinem Agens niederfalle , dem Messer und der Sonde immerdar entfliehe . Dieses Etwas trieb doch nun aber unleugbar Gestein und Metall , Blatt und Blume hervor , und figurierte » das kleine Königreich , Mensch genannt « . Wer durfte mir verwehren , es Gott zu nennen ? Aber dem Arzte wird es schwer , über dieses Eine und Einfache zur Wärme zu gelangen . Er ist seiner ganzen Stellung nach auf Betrachtung der Mannigfaltigkeit verwiesen , er darf darin nicht nachlassen , wenn er nicht sehr bald zurückgehn will , und so pflegt es denn zu kommen , daß der Mehrzahl meiner Standesgenossen der den Erscheinungen untergebreitete Urgrund , das Heilige , das Imponderabelste , etwas Theoretisches wird , an dessen Vorhandensein zwar keiner zweifelt , mit welchem aber gleichwohl wenige eine Beziehung anzuknüpfen vermögen . An dieser Beziehung mangelte es auch mir . Mein Gott war der des Amsterdamer Philosophen , der mit einer intellektualen Liebe von Anfang an sich selbst , aber sonst nichts andres Liebende . Er ließ mich gehen , ich ließ ihn meinerseits wieder seine unendlichen Kreise in sich beschreiben . Zuweilen stieg wohl eine Ahnung in mir auf , daß wir einander noch einmal begegnen würden , aber sie hatte weder Form noch Farbe , und