; ich leckte ihm das Blut ab , - denn es ihm so mit Speichel abzuwaschen , schien mir zu unbescheiden ; er ließ mich gewähren , ich zog leise und sanft die anklebenden Haare zurück , - da flog ein Huhn mit großem Geschrei vom oberen Holz herunter , wir hatten es verscheucht von dem Ort , wo es seine Eier zu legen pflegte , ich kletterte hinauf , um das Ei zu holen , die innere weiße Haut legte ich über die Wunde - es mag wohl geheilt haben , ich will ' s hoffen ! - Nun eilte ich wieder in den Keller , die eine Schwester schlief , die andere betete vor Angst , die Großmutter schrieb an einem kleinen Tisch bei Licht ihr Testament , die Tante hatte den Tee bereitet , ich bekam die Schlüssel zur Speisekammer , um Wein und kalte Speisen zu holen , da dachte ich auch an den Magen meines armen Gefangenen und brachte ihm Wein und Brot . So ging der Tag vorüber und die Gefahr , der Keller wurde verlassen , mein Geheimnis fing an mich zu beklemmen ; ich beobachtete jeden Schritt der Hausgenossen , der Köchin half ich in der Küche , ich holte ihr Wasser und Holz , unter dem Vorwand , daß es doch noch gefährlich sein könne unter freiem Himmel , sie ließ sich ' s gefallen ; - endlich und endlich kam die Nacht , der Nachbar hatte Rapport gebracht , daß nichts zu fürchten sei vor der Hand , und so legte man sich zur Ruhe , deren man so sehr bedurfte . Ich hatte meine Schlafstätte im Nebenzimmer der Großmutter , von da konnte ich den Holzstall , der vom Mond beschienen war , beobachten , ich ordnete nun meinen Plan : fürs erste mußten Kleider geschafft werden , die den Soldaten verleugneten . Wie gut , daß ich die Bibliothek offen gelassen ! Da oben hing ein Jagdkleid und Mütze - von welchem Schnitt , ob alt- oder neumodisch - wußt ich nicht . Wie ein Geist schlich ich auf bloßen Strümpfen an der Tante Zimmer vorbei , schwebend trug ich ' s herunter , damit die metallnen Knöpfe nicht rasselten , er zog es an , es saß wie angegossen - Gott hat es ihm angepaßt und die Jagdmütze dazu ! Ich hatte das Geld , was man mir schenkte , immer in das Kissen eines ledernen Sessels gesteckt , weil ich keine Gelegenheit hatte , es zu brauchen . Jetzt durchsuchte ich den Sessel , und es fand sich eine ziemliche Barschaft zusammen , die ich meinem Geretteten als Zehrpfennig einhändigte . Nun führte ich ihn durch den mondbeschienenen , blüteduftenden Garten ; wir gingen langsamen Schrittes Hand in Hand bis hinter die Pappelwand , an die Mauer , wo alle Jahr die Nachtigall in der Rosenhecke ihr Nest baute , es war grade die Zeit , was half ' s - dies Jahr mußte sie gestört werden . Da wollte er mir danken , da nahm er mich auf seine Arme und hob mich hoch , er warf die Mütze ab und legte den verbundenen Kopf auf meine Brust , was hatte ich zu tun ? Ich hatte die Arme frei , ich faltete sie über seinem Kopf zum Gebet ; er küßte mich , stieg über die Rosenheckenmauer in einen Garten , der zum Main führte , da konnte er sich übersetzen ; denn es waren Nachen am Ufer . Es gibt unerwartete Erfahrungen , die sind vergessen , gleich als ob sie nicht erlebt wären , und erst dann , wenn sie wieder aus dem Gedächtnisbrunnen heraufsteigen , ergibt sich ihre Bedeutung - es ist , als ob eine Lebenserfahrung dazu gehörte , ihre Wichtigkeit empfinden zu lernen ; es sind andre Begebnisse , auf die man mit Begeistrung harrt , und die schwimmen so gleichgültig vorüber wie das fließende Wasser . - Wie Du mich fragtest , wer mir den ersten Kuß gegeben habe , dessen ich mich deutlich erinnere , da schweifte mein Besinnen hin und her wie ein Weberschiffchen , bis allmählich dies Bild des Erretteten lebhaft und deutlich hervortrat , und in diesem Widerhall des Gefühls erst werde ich gewahr , welche tiefe Spuren sie in mir zurückgelassen ! - So gibt es Gedanken wie Lichtstrahlen , die einen Augenblick nur das Gefühl der Helle geben und dann verschwinden , aber ich glaube gewiß , daß sie ewig sind und uns wieder berühren in dem Augenblick , wo unsere sittliche Kraft auf die Höhe steigt , mit der allein wir sie zu fassen vermögen . Ich glaube : mit uns selbst ins Gericht gehen , oder wenn Du willst , Krieg führen mit allen Mächten , ist das beste Mittel , höherer Gedanken teilhaftig zu werden . Es gibt eine Art Lumpengesindel auch im Geist , das alle Befähigung zur Inspiration unterdrückt und sich wuchernd ausbreitet ; dahin gehören die Ansprüche aller Art nach außen : wer etwas von außen erwartet , dem wird es in dem Innern nicht kommen , aller Reiz , der nach außen zur Versündigung wird , kann im Innersten konzentriert zur Tugend werden ; - das Gefühl , das , sowie es sich mit der Oberfläche des Lebens berührt , gleich zur Eitelkeit anschließt : in der innersten Seele festgehalten , wird sich zu einer demütigen Unterwerfung an die Schönheit ausbilden . Und so könnte wohl jede Verkehrtheit daher entstehen , weil ihr Reiz fehlgeht in seiner Befriedigung . Alle Ansprüche , aller Reiz , alle Leidenschaft soll befriedigt werden , aber nur durch das Göttliche , und so nicht der Sklave der Leidenschaft , sondern unserer höheren Natur werden . Wenn ich mich über mich selbst stelle und über mein Tun und Treiben , dann kommen mir gleich Gedanken , von denen empfinde ich , sie haben eine bestimmte Beziehung auf eine bestimmte Erscheinung in mir , wie gewiß auch bei den verschiedenen Epochen