sie für baares Geld verkaufe . Ueber den ersten Vorwurf , der sich vermuthlich mehr auf meine von der ihrigen ziemlich stark abstechende Art zu leben , als auf die lächerliche Beschuldigung , daß ich die Wollust zum Princip meiner Philosophie mache , gründet , bedarf ich wohl keiner Rechtfertigung bei dir ; über den zweiten hingegen glaube ich dir einige Erläuterung schuldig zu seyn , und trage zu diesem Ende kein Bedenken , dir den ganzen Hergang , der den Anlaß dazu gegeben , umständlich zu erzählen . Die Entschließung , deren ich ehemals gegen dich erwähnte , einen Theil meiner Muße Jünglingen , die sich nach Sokratischer Weise zu mir halten wollten , zu widmen , fand , als ich sie eine Zeitlang in Ausübung gebracht hatte , vielen Beifall . Meine Art zu philosophiren schien mehrern , welche sich den Sokrates selbst öfters gehört zu haben erinnerten , der Sokratischen Deutlichkeit , Popularität und Anwendbarkeit im Leben ohne Vergleichung näher zu kommen als die Platonische , und ein gutes Theil mehr von der Sokratischen Genialität und Anmuth zu haben , als die herbe einseitige Manier des Antisthenes . Indessen waren doch diejenigen , die sich am meisten an mich andrängten , größtentheils Fremde , die nur wenige Wochen oder Monate in Athen verweilen konnten oder wollten . Eine Anzahl dieser letzten verabredete sich mit einander , mich zu bitten , daß ich ihnen in so kurzer Zeit als möglich einen vollständigen Unterricht in der Philosophie des Sokrates ertheilen möchte , die seit seinem Tode in ein Ansehen und eine Nachfrage gekommen ist , so sie niemals , während er selbst noch lebte , gehabt hat . Diese Leute mochten gehört haben , daß Prodikus und andere berühmte Sophisten sich für ihre Vorlesungen ziemlich theuer hätten bezahlen lassen ; oder glaubten vielleicht , was man umsonst weggebe , müsse wenig werth seyn ; oder hielten es auch wohl für unbillig , einem Manne , den keine Noth dazu treibt , zuzumuthen , daß er Athem aufwende , andere gescheidter und besser zu machen , ohne sich selbst besser dadurch zu befinden ; genug , sie beschlossen , es gänzlich in meine Willkür zu stellen , was für einen Preis ich auf meine Gefälligkeit setzen wollte , und genehmigten zum voraus jede Bedingung , die ich ihnen machen würde . An einem schönen Morgen erschienen ihrer nicht weniger als dreißig , um mir durch einen aus ihrem Mittel diesen Antrag zu thun . Ich suchte anfangs die Sache in Scherz zu verwandeln , aber es war den Leuten bittrer Ernst . Ich wies sie an Plato , Aeschines , Antisthenes , Stilpon , Simmias u.s.w. , aber sie hätten nun einmal das Zutrauen zu mir , sagten sie . Weil ich wirklich ungern an die Sache ging , hoffte ich sie endlich dadurch abzuschrecken , wenn ich einen sehr hohen Preis auf meine Waare setzte . Ich erklärte mich also zuletzt : ich getraute mir allerdings ihnen alles , was ich in drei Jahren von Sokrates gelernt hätte , in eben so viel Dekaden vollständig mitzutheilen : aber ich könnte ihnen nicht verhalten , daß es jedem von ihnen wenigstens so hoch zu stehen kommen würde , als wenn er seinen Freunden ein prächtiges Gastmahl gäbe ; denn die zwölf Discurse , in welche ich die ganze Philosophie des Sokrates zusammen zu fassen gedächte , würden den Mann nicht weniger als zwölf Dariken kosten . Dafür sollte jeder zugleich eine Abschrift dieser Discurse erhalten , jedoch unter der ausdrücklichen Bedingung , sie entweder gänzlich für sich zu behalten , oder nicht mehr , als ein einziges Exemplar um den Preis , den es ihn selbst gekostet , und unter der nämlichen Bedingung , irgend einer andern Person zukommen zu lassen . Was ich verlange ( setzte ich hinzu ) ist viel oder wenig , je nachdem ihr das , was ihr dafür bekommt , anwenden werdet . Als bloße Speculationssache gäbe ich selbst für die Philosophie des Sokrates , wie für jede andere , keine taube Nuß ; in Ausübung gebracht , ist sie mehr als alles Gold des großen Königs werth . Ueberlegt also wohl was ihr thut , damit es euch nie gereue , eure Dariken nicht auf eine angenehmere Art verloren zu haben . - Mir däuchte als ob mehr als Einer von den Jüngern bei dieser Verwarnung eine etwas nachdenkliche Miene mache : aber da vermuthlich keiner für schlechter angesehen seyn wollte als der andere , so wurde mein Antrag einhellig mit großer Freude angenommen . Kurz , die dreißig Fremden , größtentheils Böotier , Arkadier , Lokrier und Chalcidier ( drei oder vier Abderiten nicht zu vergessen ) legten dreihundert und sechzig blanke Dariken in einem Beutel von Cyrenischem vergoldetem Leder zu meinen Füßen , und erhielten dafür was ich ihnen versprochen hatte . Du siehest also , lieber Kleonidas , daß der Vorwurf , den mir die Sokratiker machen , daß ich die Weisheit unsers Meisters um Geld verkaufe , nicht ungegründet ist : ob auch gerecht , ist eine andere Frage , die ich deinem eigenen Urtheil anheim stelle . Ich meines Orts , betrachte einen Gelehrten überhaupt - und warum denn nicht auch den , der von der Kunst zu denken , zu reden und zu leben Profession macht ? - wie jeden andern Virtuosen , in welcher Kunst es sey ; und ich sehe nicht , warum ich , wenn es mir beliebt , und die Käufer sich mir von freien Stücken anbieten , ja sogar aufdringen , für meine philosophischen Discurse nicht eben so gut Geld nehmen sollte , als Pindar für seine Siegeslieder , Damon für seine Musik , ein Arzt für seine Curen , ein Maler für seine Gemälde , Aristophanes für seine Komödien , oder Isokrates für seinen Unterricht in der Philosophie der Beredsamkeit , wie er seine Rhetorik zu nennen pflegt . Nehmen doch die Bürger von Athen für die Ausübung ihrer Souveränetät ohne Bedenken