aufgehört , der starke Wind erfrischte ihn . Er stand am Ufer des Kanals und schaute bei einer Ziegelbrennerei zu , wie Steine aufgeschichtet wurden . Von Zeit zu Zeit griff er nach einem Stück Papier in die Tasche und schrieb mit dem Bleistift Noten . Einmal schrieb er neben ein Motiv : Leb wohl , mein Saitenspiel , und seine Augen füllten sich mit einem schaurigen Naß . Als er in die Stadt zurückkehrte , war ein feuerglänzender Sonnenuntergang . Zwischen zwei schwarzen Sturmwolken glühte der Himmel wie eine Schmiedeesse . Da mußte er an Lenore denken . Er trat in die Wohnstube und wanderte auf und ab . Philippine kam herein und fragte , ob sie ihm die Suppe wärmen solle . Ihr singender , unnatürlicher Ton erweckte seine Aufmerksamkeit , so daß er sie mit festem Blick musterte . » Wo ist meine Frau ? « fragte er . Ein abgründig schlimmes Lächeln erschien auf Philippines Lippen . Sie antwortete nicht . » Wo ist meine Frau ? « fragte er nach einer Pause zum zweitenmal . Das Lächeln Philippines wurde breiter . » Ist ' s kalt draußen ? « erkundigte sie sich und war plötzlich aus dem Zimmer . Daniel starrte ihr nach , als zweifle er an ihrem Verstand . Es verflossen aber nur wenige Minuten , da trat sie wieder auf die Schwelle ; sie hatte unterdessen einen Mantel angezogen , der ihr zu kurz war und den karierten Rock sehen ließ . » Komm einmal mit mir , Daniel , « sagte sie mit einer besorgten Stimme , die ihm geheimnisvoll und furchtbar klang , » komm mit mir , ich zeig dir was . « Er erblaßte , setzte den Hut auf und folgte ihr . Schweigend gingen sie über den Platz , durch die Bindergasse , die Rathausgasse , über den Markt . Daniel blieb stehen . » Was hast du vor ? « fragte er heiser . » Komm nur , wirst schon sehen , « raunte Philippine . Sie gingen weiter , über die Fleischbrücke , die Kaiserstraße , durch den weißen Turm zum Jakobsplatz . Einige Leute schauten dem sonderbaren Paar nach . Als sie zum Häuschen der Frau Hadebusch kamen , war die Dunkelheit angebrochen . » Wirst du jetzt endlich reden ? « knirschte Daniel . » Pscht ! « machte Philippine . Sie näherte ihren Mund seinem Ohr und wisperte : » Geh nauf über zwei Stiegen , aber schnell , du kennst dich ja aus in dem Häusla , pumper an die Tür , und wenn s ' zug ' sperrt ham , schlag die Tür ein . Ich geh derweil zur Hadebusch ' n , daß sie dich nicht zurückhält . « Da begriff Daniel . 7 Vor seinen Augen wurde es blutrot . Ein Schüttelfrost packte ihn . Er war Philippine in einem traurigen , schlaffen Gefühl von Ekel , Furcht und Zwang gefolgt ; jetzt wußte er , sah am Anfang der Ereignisse schon ihre Mitte und ihr Ende , sah vor der verschlossenen Türe , was sich hinter ihr begab , und ein Ungeheures rauschte auf in seinem Gemüt , ungeheurer Zorn , ungeheures Weh , Verachtung und Grauen in Wirbeln von Besinnungslosigkeit . Über die knarrende Stiege gelangte er in vier Sprüngen . Er stand vor der Türe , hinter der er einst gedarbt und geträumt , gefroren und geglüht ; da hätte Stille sein müssen , damit auf dem Grab vieler Hoffnungen die Andacht rückschauender Geister nicht gestört wurde . Er riß an der Klinke ; drinnen erschallte ein Schrei . Die Tür war verriegelt . Er preßte seinen Körper so ungestüm wider das zerbrechliche Holz , daß beide Angeln sich zugleich mit dem Riegelhalter lösten und die ganze Tür mit dumpfem Gepolter ins Zimmer stürzte . Der Schrei wiederholte sich gellend . Dorothea lag bis aufs Hemd entkleidet auf einem breiten Bett , das die kupplerische Hadebusch von einem Händler entliehen hatte und das beinahe die Hälfte des Mansardenraums einnahm . Sie hatte einen Teller voll Kirschen neben sich stehen und hatte sich damit belustigt , die Kerne gegen ihren Liebhaber zu schnellen , der , gleichfalls in mangelhafter Bekleidung , rittlings auf einem Stuhl saß und eine kurze Pfeife rauchte . Als Daniel mit blutenden Händen , er hatte sich an der Klinke verletzt , mit wild ums Gesicht flatternden Haaren , keuchend und totenbleich über die Türe stieg , fing Dorothea abermals zu schreien an , und schrie sieben- oder achtmal verzweifelt und voll entsetzlicher Angst . Daniel stürzte auf den jungen Menschen zu und fuhr ihm mit beiden Händen an den Hals . Während er die Haut dieses Menschen anfaßte , während er , wie in rosigem Nebel , Dorothea mit aufgehobenen Armen aus dem Bett flüchten sah und ihr durchdringendes Geschrei vernahm , während ein seltsam betrachterischer Geist trotz der Raserei , die in ihm tobte , sogar die Kirschen bemerkte , die über das Bettuch gerollt waren , die grünen Stiele sah , die dunkleren Stellen an einzelnen , die anzeigten , daß sie faul waren , und er zuletzt noch einen Geschmack auf der Zunge spürte , als ob er selber Kirschen gegessen hätte , während all dem dachte er : das ist der Untergang , das ist das Chaos . Der Amerikaner , von dem sich später herausstellte , daß er ein wandernder Artist war , der sich frech und geschickt in die bürgerliche Gesellschaft gedrängt hatte , stieß den Angreifer mit Wut zurück und nahm eine Boxerposition ein . Aber Daniel verstattete ihm keine Zeit zum Schlag , er überfiel ihn , umschlang ihn , riß ihn zur Erde , drückte ihm die Gurgel zusammen . Jener stöhnte , bäumte sich , befreite seine Faust , schlug um sich ; » damned fool , « röchelte er und versetzte Daniel einen Schlag ins Gesicht , » damned fool ! « Unten im Haus erschallte Lärm . Auf der