geweint und nicht geklagt , Tränen gibt es nur , wenn wir die Hilfe des Leids in der Nähe glauben , wenn das Leid in unsere Vorstellung und Fähigkeit des Schmerzes paßt , wenn das Leid uns natürlich bleibt . Ich litt damals dergestalt , daß ich nicht daran gedacht habe , es fehlten mir Bücher und Schreibmaterial , und sie könnten mir wohltätig sein , Gott mag es wissen , wie doch die langen Tage und Nächte an mir vorübergezogen sind - sie sind ' s doch ; dessen erinnere ich mich , daß ich zuweilen den Schemel auf den Tisch gestellt habe , um zu dem versetzten kleinen Fenster hinaufzukommen , um durch die schmale Lücke , welche oben offen blieb , den Streifen blauen Himmels zu sehen , nach dem ich dürstete , wie ein Wüstenreisender nach einer Wolke dürsten mag . Dort oben am Fensterchen fand ich die Worte Dantes mit Bleistift angeschrieben , welche die Devise aller Gefängnisse geworden und in allen zu finden sind , die Worte : » Lasset draußen die Hoffnung , die ihr hier eintretet . « - Laßt draußen die Hoffnung , das hat lange , lange in meinem Kopfe als einziger , ungedachter Gedanke herumgeklappert ; wie lange hab ' ich von dieser eintönigen Hoffnungslosigkeit gelebt ! - Eines Morgens ward ' s besser , ich bekam ein anderes Gefängnis , mein jetziges , es liegt nicht an jenem Durchgange , wo die Wachposten vorübertrampeln , das versetzte Fensterchen ist etwas tiefer , und ich sehe durch die Blendenöffnung oben die Spitzen eines Baumes - Vorteile , die mir einen glücklichen Tag bereiteten . Alles übrige blieb beim alten , dennoch schien mir der Fortschritt riesengroß ; für das Elend ist alles Glück wohlfeil . Aber es dauerte nicht lang : Jetzt kam die schmerzhafteste Sehnsucht nach Beschäftigung , nach einem Anhalt der regellos schweifenden , sich zu Tode hetzenden Gedanken . Ich warf mich aufs Bett , drückte den Kopf in die Kissen , aber die Gedanken werden davon nicht berührt , sie fangen ihren wüsten Tumult wieder an , sie schreien nach Stoff , ich sprang wieder auf und lief umher , ich versuchte es , ob nicht ein altes Lied in der eingetrockneten Kehle raste , krächzend begann ich , denn die Stimme rostet in diesem Mangel aller Übung völlig . » Ruhe da ! « schrie die Wache unter dem Fenster , die Wache auf dem Korridor - ich hielt mich für verloren . Aber wahrscheinlich hatten mich just die Wachen gerettet , der Zorn wachte auf und er fand leicht seinen Stoff , so wurde der Heißhunger nach Gedanken für den gefährlichen Augenblick beschwichtigt . - Ihr wißt es gar nicht da draußen , was Ihr habt , wenn Ihr Euch über Mangel oder Langeweile beschwert ; Eure Tür ist offen , Eure Fenster sind ' s ebenfalls , Ihr seht Menschen , Ihr seht Tiere , wenn Eure Gedanken gähnen , was wißt Ihr von Leid ! Wenn Euer Leben stocken will , denkt an das schreckliche Nichts eines Gefängnisses ! Hat denn nicht der menschliche Geist Kraft genug in sich , ohne Anknüpfung und äußere Mittel zu bestehen ? Ist der meine so besonders schwach ? Allerdings produziert mein Geist unablässig , aber weil das Geschaffene auf keine Weise nach außen hin Erscheinung und Gestalt empfangen kann , verwirrt sich alles in mir und wird zur Last ; der Geistesarme mag in solchem Falle sogar besser daran sein . Einen kleinen Trost finde ich darin , die traurigen Eindrücke in ein paar Verse zu gestalten , die also gewonnene Form befreit gewissermaßen , und der also geordnete Zustand erhält wieder etwas von dem Adel in Beziehung auf übrige Welt , wie man ihn bei solcher Erniedrigung am meisten braucht . Mehr als zwei oder drei behalte ich freilich nicht , und ich möchte Dir gern einige ältere herschreiben , um neue machen zu können , wenn Verse nur nicht soviel Platz wegnähmen . Und ich kann mich nicht entschließen , sie als Prosa ohne Absatz herzuschreiben , es scheint mir dies eine grobe Beleidigung der Schönheit zu sein , eine Figur in schmutzigem Schlafrocke auf dem Balle . Und wie rührend ist mir dies Bestreben , Dir all das aufzuschreiben , da es wohl nie vor Deine Augen gebracht wird ! Diese Unendlichkeit meines Gefängnisses ist eben der Tod selber ; in jetziger Weise kann es ein Leben lang fortgehen ; wie beneidenswert scheint mir derjenige , welcher zu zwanzig Jahr Kerker verurteilt ist , er kann doch berechnen , ob ihm wahrscheinlicherweise noch ein paar Jahre für die freie Luft und die Menschen übrig bleiben : jeder Tag fördert ihn doch ! O kommt , Verse ! Wie gehen die Stunden langsam hin , Ich glaube , der Tag steht still , Mein müder , abgehetzter Sinn Weiß nicht mehr , was er will - Hat alles zehnmal schon durchirrt , Was jemals er erlebt , Was nur vorüber ihm geschwirrt , Was er gehofft , erstrebt - Er weiß nichts mehr , und dumpf und tot Liegt alles vor ihm da - Mein Gott , erbarm dich dieser Not , Der Wahnsinn tritt mir nah ! Die Glocken läuten draußen , Die Leute beten zu Gott - Und den Sturmwind hör ' ich brausen , O Glocken und Sturm , weckt Gott - Weckt Gott , daß er mir helfe , Ich bin ja auch sein Kind - Es heulen die Glocken wie Wölfe , Ans Fenster schlägt höhnend der Wind . Mit dem Sonnenschein mag es draußen ein Ende haben , Regen und Wind schlagen an meine Blechblende , es wird Herbst sein - das beruhigt mich in etwas , nur die Hypochondristen gehen jetzt draußen spazieren . Aber es ist Sonntag , hat mir der Wärter gesagt , und der Schmutz und das Unsonntägliche ist rings um mich her in alter trauriger Gestalt . Heut ist Sonntag in