solche Herzenseinfalt recht nebelhafte Begriffe macht . Mit ergreifender Wehmuth entwickelte der Dichter dann , wie diese naive Sehnsucht nach Menschenverbrüderung sie immer weiter vom Pfad der Weltklugheit und auch des Rechts verlockte , bis die Männer von Appenzell , welche die ganze Menschheit verbrüdern wollten , sich um schnöde Beute zankten und ihrem Bruder Werdenberg mit Undank lohnten , so daß endlich doch die selbstsüchtige Bauernnatur zum Vorschein kam . Ueber diese Dichtung , die wie von Alpenzinnen aus menschliches Recht und Unrecht mit milder Ruhe überschaute , hatte der Dramaturg eines Hoftheaters sich weisheittriefend verbreitet : » Sollten hier am Ende socialistische Umtriebe in dichterischer Gewandung vorliegen ? Man erkennt gar wohl , wohin der Herr Verfasser zielt , « und so ging der Gallimathias drei Seiten lang fort . Aber als nun Krastinik tobte und wetterte bei Lectüre dieser Briefe , da trat Leonhart nahe an ihn heran und fragte ihn : » Nun wohl , wollen Sie mir wirklich vorwärts helfen ? Sie können es . Ich hätte da wohl eine Bitte .. « » Ist schon erfüllt . Befehlen Sie über mich ! Wir wollen doch mal sehn , ob man diesen Schweinepriestern nicht irgendwie auf den Pelz klopfen kann . « » Nun wohl , so hören Sie : « - - - - - - II. Bei dem gefürchteten Rhadamantys , dem » vornehmen « Kritikus Doktor Ottokar von Feichseler , war eine illustre Gesellschaft versammelt und genoß zu einer Punschbowle die Orakel des Gastgebers . » Man bemerkte « zuvörderst den Lord-Protektor und Pfadfinder großer Geister , Doktor Gotthold Ephraim Wurmb , mit seinem mieselsüchtigen Pfaffengesicht . Ferner den feinsinnigen Eklektiker Luckner , eine kleine behende Persönlichkeit von slowakischem Typus mit listig funkelnden Philologenäuglein , übrigens eine ehrenhaft und ideal angelegte Natur trotz einer gewissen boshaften Pfiffigkeit . Er trug immer einen glattgebürsteten Cylinder und gelbe Handschuhe , und spendete den Dienstmädchen Handdrücke wie ein Gentleman . Man bemerkte neben ihm den ebenfalls feinsinnigen Eklektiker Adolf Gutmann , auch der Scheene Adolf genannt , da er sein holdes Bildniß mit Vorliebe vor seine Buchfabrikate zu setzen pflegte . Ob sein großer Kopf auf seiner kurzen dicken Figur grade so schön wirkte , mußte man edeln Frauen zu beurtheilen überlassen . Jedenfalls konnte man seinem schwarzen wallenden Barte eine ansehnliche Länge nicht absprechen , um welche ihn zwar nicht Barbarossa , wohl aber Erzvater Abraham beneidet haben möchte . Mit diesem stand er ohnehin auf gutem Fuße , denn er lebte wie in Abrahams Schoß . Moses und die Propheten waren ihm hold , obschon er viel über sein Elend zu klagen hatte . Denn sein Vater und sein Schwiegervater lebten alle Beide noch und erst nach deren Tode wurde er dreifacher Millionär . Bis dahin aber mußte sich der arme Teufel mit seiner halben und der andern halben Million seiner Gattin begnügen . Aus berechtigtem Groll über solch dürftige Lage schrieb er gar weltschmerzreiche Poemata und wünschte sich oft den Tod , angeekelt von der Niedrigkeit der Welt . Wenn er von 50 Zeitungen besprochen wurde , jammerte er , daß die 51te fehle , und stellte die kühne Behauptung auf , er habe ja nur Feinde und keinen Freund auf der Welt . Böse Menschen versicherten , wenn er über seinen Nothzustand klagte und nur für hohe Honorare schreiben konnte , daß ihm auch wirklich die Litteratur jährlich ein kleines Vermögen koste . Doch war dies Verleumdung , da er als früherer Börsianer ( er machte erst seit seinem 35ten Jahre in bedruckten Papierchen ) viel zu viel filzige Geschäftsklugheit besaß . Seine besondere Spezialität bestand in Cigarrenbehältern und Aschbechern , auf deren Grund rothgedruckt stand : Gutmann , Pessimistische Novellen , eine funkelnagelneue Art von Reclame , um deren Patentrecht ihn Barnum behufs Importirung nach Amerika ersucht haben soll . Daß er natürlich seinen Abscheu vor aller Reklame und vorlautem Vordrängen bei jeder Gelegenheit kundgab , wußte Jeder zu würdigen . Uebrigens war er ein sogenannter guter Kerl und flößte den Eindruck einer gewissen Bonhommie ein . Freilich durfte man nicht tiefer auf den Grund gehen ; dann kam ein gehöriger Berechner heraus . Auch fehlte es ihm nicht an bedeutendem Giftvorrath , den er ohne Namensnennung ( da er natürlich nie den gemeint hatte , der sich getroffen fühlte ) mit vieler Gewandheit zu verspritzen wußte . Wenn er sich übrigens über die Welt beklagte , so hatte er in gewissem Sinne nicht Unrecht . Denn theils in Folge des üblichen Neides auf seine günstigen äußeren Verhältnisse , theils aus Erbitterung Jener , die ihn erst später in seiner Eigenart kennen lernten , verschwor man sich allerorts , ihn für einen stümpernden Dilettanten auszuschreien . Gab doch seine komische Eitelkeit erwünschten Anlaß , sich über ihn lustig zu machen ! Lobte ihn eine Zeitung , so mußte dies durchaus auf irgendwelche Bestechung hinauslaufen ! Der immer gerechte Leonhart hatte jedoch dies niemals zugegeben , sondern stets Esprit , Wissen , Form- und Stilbegabung , ja sogar wirklichen Gedankengehalt an ihm gerühmt , obschon er Gutmann selbst die offenherzigsten Grobheiten an den Kopf warf und ihm zu Gemüthe führte , daß ihm alle und jede Ursprünglichkeit fehle . Die Andern aber nahmen seine Einladungen an , tranken sein Bier , rauchten seine echten Havanas und erklärten ihn einstimmig für die eingebildetste Null des Jahrhunderts . So geht ' s in der Welt . Wenn der arme Gutmann sich für einen verkannten großen Dichter hielt , so verdiente das nur ein Lächeln . Wenn er sich aber für ebensogut und sogar für besser hielt , als viele großspurige Rhodomonteure , die auf ihn herabsahen , so vertrat er zweifellos die objective Wahrheit . Selbst sein Charakter gewann bei einem solchen Vergleich , so viel von einem hausirenden Bandjuden in litterarischen Geschäftchen ihm anklebte . Denn eine gewisse vertrauensselige Kindlichkeit und naive Schläue verliehen ihm etwas Gewinnendes , obschon sein Auge tückisch und böse genug aufblitzen konnte , wenn seine unmäßige Eitelkeit