. Das bunte Volk ergoß sich über eine malerische Gruppe von Häusern , welche vom Wald umgeben auf der Uferhöhe lag . Ein Forsthof , ein altertümliches Wirtshaus und eine Mühle am schäumenden Waldbach waren bald in ein gemeinsames Lustlager verwandelt und verbunden ; die stillen Bewohner sahen sich von dem berühmten Feste gleichsam in Person überrascht und umklungen und hatten genug zu tun mit Sehen und Hören , Bewundern und Belachen alles dessen , was sie in hundert Gestalten so plötzlich von allen Seiten umgab . Den Künstlern aber weckte die freie Natur , der erwachende Lenz den Witz in der tiefsten Seele ; die frische Luft legte die beweglichsten Fühlfäden der Freude bloß , und wenn die Lust der entschwundenen Nacht auf Verabredung und geplanter Einrichtung beruhte , so lockte die jetzige Tageslust zufällig und frei zum lässigen Pflücken , wie die Frucht am Baume . Die dem phantasierenden Fühlen und Genießen angemessenen Kleider waren nun wie etwas Hergebrachtes , das schon nicht mehr anders sein kann , und in ihnen begingen die Glücklichen tausend neue Scherze , Spiele und Torheiten von der geistreichsten wie von der kindlichsten Art , oft plötzlich unterbrochen durch einen wohlklingenden , festen Gesang , hier unter Bäumen , dort aus einer Schenkstube oder aus dem Ringe von Landsknechten , welche die Müllerstochter umstellt hatten . Aber bei allem Selbstvergessen blieb jeder , was er war , und huschten die ewigen Menschlichkeiten wie leise Schatten über die frohen Gesichter . Der Mürrische schmollte ein weniges bei Gelegenheit , der Mutwillige reizte den Übelnehmer , der Sorglose den Tadelsüchtigen zu einem kleinen Gezänk ; der Gedrückte dachte unversehens einmal an seine Sorgen und tat einen tiefern Atemzug ; der Sparsame und Ängstliche überzählte verstohlen seine Barschaft , und der Leichtsinnige , der schon fertig war , überraschte und kränkte ihn durch ein Darlehnsbegehren . Aber alles dies kräuselte sich im Fluge vorüber wie der Lufthauch auf dem Glanze eines Wasserspiegels . Auch ich geriet eine Weile in einen solchen Wolkenschatten . Ich war dem Mühlbache nach tiefer in das Gehölz gegangen und wusch mir das Gesicht mit den frischklaren Wellen ; dann setzte ich mich auf das Holzwerk einer Wasserschwelle und überdachte die vergangene Nacht und das seltsame Abenteuer im Hausflur der Agnes . Das sanfte Rauschen des Wassers brachte mich in einen Halbschlummer , in welchem meine Gedanken wie träumend in die Heimat wanderten ; ich glaubte an der Seite der toten Anna an dem stillen Waldwasser zu sitzen in der Tracht des Tellenspieles ; dann sah ich mich an ihrer Seite durch die Abendlandschaft reiten und sah alles mit ruhigem Herzen wie eine Erscheinung verschollener Tage , welche für sich abgeschlossen und nicht mehr zu ändern ist . Unversehens aber verlor sich und verblich das Bild vor der Gestalt der Judith , mit der ich durch die Nacht wandelte ; ich war bei ihr im Hause , während die barmherzigen Brüder es belagerten , ich sah sie in ihrem Baumgarten aus dem Herbstdufte hervortreten und endlich auf dem Wagen der Auswanderer in die Ferne verschwinden . Wo ist sie ? Was ist aus ihr geworden ? rief es in mir , und das Heimweh nach ihr machte mich plötzlich munter . Im hellsten Tageslicht sah ich sie vor mir stehen und gehen , aber ich sah keine Erde unter ihren lieben Füßen , und es war mir , als ob ich das Beste , was ich je gehabt und noch haben könnte , gewaltsam und unwiederbringlich mit ihr verloren hätte . Ich dachte an die Flucht der räuberischen Zeit , seufzte und schüttelte leise den Kopf , und erst jetzt wurden durch den Klang der Schellen meine Gedanken ganz wach und geordnet , daß ich endlich auch der Mutter gedachte , freilich nur wie eines Selbstverständlichen und Unverlierbaren , wie eines guten Hausbrotes ; denn daß ein solches eines Tages am ehesten abhanden kommen kann , hatte ich noch nicht erfahren . Dennoch dachte ich mit ziemlichem Ernste an die Frau in der stillen Stube ; schon ging ich in meinem zweiundzwanzigsten Jahre , und noch hatte ich ihr keine klare Rechenschaft ablegen können über den Stand meiner irdischen Aussichten , über die Frage des Fortkommens in der Welt . Rasch rückte ich das Täschchen herum , das an meinem Gurte hing und neben dem Schnupftuch und anderen Dingen einen Teil der letzten Barschaft enthielt , die ich noch zu verzehren und die mir die Mutter , wie die früheren Summen , pünktlich und getreulich vor kurzer Zeit gesendet hatte . Freilich nützte das Zählen jetzt nichts , und ich schob die Tasche wieder zurück , verhehlte mir aber nicht , daß meine kleine Hausvorsehung zu Hause die Teilnahme an dem Feste nicht billigen werde . Das Narrenkleid kostete zwar nicht viel , und ich hatte es auch hauptsächlich aus diesem Grunde gewählt ; dennoch konnte die Stunde kommen , wo ich den bescheidenen Betrag bitter entbehren mußte . Doch jetzt verstand ich besser als die Mutter , was nötig und ersprießlich war für einen jungen Gesellen , besonders als ein frisches Lied aus dem Lager der Freude herübertönte . Ich schüttelte abermals den Kopf , daß die Schellen klangen , sprang auf und eilte davon . Ich trieb mich vergnüglich herum und machte allerlei Gänge in die Landschaft hinein , bald mit anderen , bald allein . Gegen Mittag lief ich dem stattlichen Erikson in die Hände , der eben aus der Stadt geschritten kam . Unser erstes Gespräch war das Benehmen unsers Freundes Lys . Erikson zuckte die Achsel und sagte nicht viel , während ich mein Erstaunen ausdrückte und viele Worte machte , wie jener so schmählich handeln könne . Ich ergoß mich im schärfsten Tadel und um so lauter , als ich das dunkle Gefühl empfand , ich sei bei der verwirrten Umhalsung Agnesens in verwichener Nacht einer unerlaubten Anwandlung nur mit Not entgangen . Meine Selbstgerechtigkeit stand ja auf festen Füßen , weil ich durch das erwachte