ihr göttlich Recht Nicht ward , sie ruht auch drunten im Orkus nicht ; Doch ist mir einst das Heil ' ge , das am Herzen mir liegt , das Gedicht , gelungen : Willkommen dann , o Stille der Schattenwelt ! Zufrieden bin ich , wenn auch mein Saitenspiel Mich nicht hinabgeleitet ; einmal Lebt ich wie Götter , und mehr bedarf ' s nicht . « Er legte das Buch aus der Hand und fuhr ohne Pause fort : » Das sind alkäische Strophen , klassisch in Bau und Form , und doch klingt es in ihnen romantisch trotz Orkus und aller Schatten- und Götterwelt der Klassizität . « Nun erst sah er auf Lewin . Dieser schwieg noch immer . Aber sein Schweigen sagte mehr , als es die enthusiastischsten Worte gekonnt hätten . Endlich sprach er vor sich hin : » Wie schön , und wie ist die Stimmung getroffen ! « » Ja , das ist ' s « , nahm Grell noch einmal das Wort . » Die Stimmung ist getroffen ; und darauf kommt es an , das entscheidet . Es ist jetzt Mode , von Stimmung zu sprechen und von In-Stimmung-Kommen . Aber das In-Stimmung-Kommen bedeutet noch nicht viel . Erst der , der die ihm gekommene Stimmung : das rätselvoll Unbestimmte , das wie Wolken Ziehende , scharf und genau festzuhalten und diesem Festgehaltenen doch zugleich auch wieder seinen zauberischen , im Helldunkel sich bewegenden Schwankezustand zu lassen weiß , erst der ist der Meister . « Lewin nickte , aber zerstreut . Er hatte offenbar nur mit halbem Ohre hingehört und wiederholte statt aller andern Antwort nur die Schlußworte des Liedes : » Einmal lebt ich wie Götter , und mehr bedarf ' s nicht . « Hansen-Grell war aufgestanden , und sein unschönes Gesicht mit dem kurzen Strohhaar und den geröteten Lidern verklärte sich von innen heraus zu wirklicher Schönheit . » Ob Lied oder Liebe , ob Freiheit oder Vaterland , einmal leben wie Götter und dann - sterben . Sterben bald , ehe das große Gefühl der Erinnerung verblaßt . « Sie sprachen noch eine Weile , beide sich in dieselben Vorstellungen vertiefend ; dann sagte Lewin : » Lassen Sie uns gehen , Grell , draußen hängt noch das Abendrot ; es plaudert sich besser im Freien . « Und damit verließen sie das Haus und gingen über den Opernplatz auf den Lustgarten und die Schloßfreiheit zu . Hinter der Sophienkirche ging eben die Mondsichel auf . Achtzehntes Kapitel Fort ! Um die sechste Stunde war Lewin wieder in seiner Wohnung ; das Gespräch , das er mit Hansen-Grell geführt , klang noch in seiner Seele nach . Die schöne Macht des Idealen , durch einfache Verhältnisse mehr unterstützt als beeinträchtigt , war ihm nie reiner entgegengetreten . Er hatte während seines Besuches mehr als einmal an Faulstich denken müssen ; und doch , bei manchem Verwandten , welcher Unterschied ! In der Beschäftigung mit den Künsten , auch in der Freude daran , waren sich beide gleich ; aber während der eine das Schöne nur feinsinnig kostete , strebte ihm der andere mit ganzer Seele nach . Was den einen verweichlichte , stählte den andern , und so war Grell ein Vorbild , während Faulstich eine Warnung war . Es fehlte heute das Abendrot , das sonst wohl um diese Stunde drüben über den Dächern hing , und so kam es , daß in Lewins Zimmer bereits ein völliges Dunkel herrschte . Er klopfte bei Frau Hulen ; sie war nicht zu Hause . Ebenso fehlte die grüne Schirmlampe und war auch in dem Nebenzimmer nicht zu finden . » Was nur der Alten ist ? « sagte Lewin und war einen Augenblick verdrießlich über die » Unordnung « , lachte aber bald wieder und setzte hinzu : » Freilich die erste in anderthalb Jahren . « Er tappte bis in die Küche , schürte in der Herdasche , bis die Glut zutage kam , und zündete seinen Wachsstock an . Und nun vorsichtig , um die Mühe des Anzündens nicht noch einmal zu haben , ging er in sein Zimmer zurück . Jetzt erst sah er , daß ein Brief auf dem Tische lag , die Aufschrift sehr flüchtig , allem Anscheine nach von Tubals Hand . Was ihm am meisten auffiel , war das unverhältnismäßig große Siegel . Es war ersichtlich , daß der Inhalt gegen unbefugte Neugier hatte sichergestellt werden sollen . Wenn Frau Hulen einen schwachen Punkt hatte , so lag er nach dieser Seite hin . Lewin wußte davon . Er lächelte deshalb , als er das Siegel erbrach und den auseinandergefalteten Bogen , bequemeren Lesens halber , neben die kleine Wachsstockflamme hielt . Aber sein Lächeln währte nur einen Augenblick . Es waren nicht mehr als drei Zeilen . » Komm heute abend nicht ; Kathinka ist fort . In einem Zettel , den wir auf ihrem Schreibtische fanden , hat sie Abschied von uns genommen . Alles andere errätst Du . Dein Tubal « Das Blatt entfiel seiner Hand , während er selber auf das Sofa zurücksank . Er war eine Minute lang wie betäubt . Dann richtete er sich auf und legte seinen Kopf erst in seine zusammengefalteten Hände , dann auf Tisch und Sofalehne ; aber alles war ihm zu heiß . Er sprang auf und trat an das Fenster . Die fahle Mondessichel , eben aus dem Gewölk heraus , sah ihm ins Gesicht ; ein paar Krähen drüben flogen auf ; unten knarrten die Laternen . Die Kühle der Scheiben tat ihm wohl , aber die Angst blieb und stieg ihm höher ans Herz . Ihn verlangte nach Luft ; so nahm er eine Filzkappe vom Riegel und schritt auf Flur und Treppe zu . Er war schon auf den ersten Stufen , als er , plötzlich durch kleine Sorglichkeiten bestimmt , wieder umkehrte , um die Zeilen zu zerreißen , die auf dem