nicht unter der Tür auf dein Röschen gestoßen wäre . Das liebe , herzige Ding entführt , verführt , zugrunde gerichtet durch den nichtswürdigen Patron , siehst du , Dezimus , da fuhr mir die Kanaille so heraus , die ein Hartenstein freilich nicht auf sich sitzen lassen kann , und wenn er zehnmal eine ist . « Dezimus war während der langatmigen Auseinandersetzung seiner selbst so weit Herr geworden , um dem Aufgebrachten den Irrtum in betreff Rosens aufzuklären , worauf der gute Junge , plötzlich besänftigt , mit einem Seufzer sagte : » Ja , hätte ich das vorher gewußt , um so lieber hätte ich ihn entwischen lassen und ihm die Kanaille ganz gewiß erspart . « Aber geschehen war nun einmal geschehen ; einem Hartenstein durfte Satisfaktion nicht verweigert und der Hasenfuß von einem Leutnant nicht eingesteckt werden . » Und darum , alter Freund , « fuhr er fort , » es tut mir leid um dich , und es schickt sich eigentlich für einen Geistlichen auch nicht , aber einer , ein einziger muß am Ende um die Affäre doch wissen und wenigstens von weitem dabei zugegen sein . Einer von uns beiden bleibt ganz gewiß , wer weiß , am Ende bleiben wir alle zwei , und wir können in dem einödigen Walde doch nicht wie die Kadaver von angeschossenem Wild verenden und liegen bleiben ? Weil aber so manches darum und daran hängt , womit du , als Vertrauensmann der Hartensteinschen Familie , dich allein befassen kannst , darf dieser eine kein anderer sein als du . « Dezimus reichte ihm zusagend die Hand . Es würde ihm nicht beigekommen sein , diesem Hartenstein sein blutiges Vorhaben auszureden , auch wenn er selbst in dieser Stunde es für einen Frevel erachtet hätte . Er schärfte ihm nur ein , auch für einen ärztlichen Zeugen Sorge zu tragen , und verwies ihn an den zuverlässigen beiderseitigen Freund Kurze . Dann aber stürmte er fort , um allein zu sein . Allein mit den tobenden Geistern der Hölle in seiner Brust , mit seinem Haß , seiner Rache , seiner Wut . Die Tore waren gesperrt ; er durfte mit seiner bösen Genossenschaft nicht hinaus in das einsame Freie . Aber auch auf den Straßen war es ja still und am stillsten da , wo es den Tag über am geräuschvollsten getost hatte . Er rannte sie auf und ab , kreuz und quer , stundenlang unter dem sternenlosen , nebelnden Novemberhimmel , über dem mit Blut bespritzten Boden . Er dachte nicht daran , daß in manchem Hause , an dem er vorüberstrich , bittere Tränen flossen , Herzen in Todesängsten schlugen . Wenn aber das Merkmal der Männlichkeit das sein sollte , daß es dem Jüngling gelingt , die Sturmgeister des Blutes wie Feinde vor sich niederzuwerfen , so ist Dezimus Frey erst in diesen nächtigen Stunden ein Mann geworden . Und ob man den Mann zum Glücklichen erkläre , weil er über jene Geister ein Sieger ward , oder zum Sieger , weil er ein Glücklicher war , sein Mannesglück wurzelte in diesen nächtigen Stunden . Als er vor Abgang des Abendzuges nach dem Bahnhofe zurückkehrte , war der Sicherheitswächter des Tages abgelöst worden von einem , der sich über die mangelnde Legitimation nicht zufrieden geben wollte . Die blauen Augen , das blonde Haar , wenn es sich just auch nicht lockte , stimmten zu dem Signalement des roten Hartenstein ; die Bürgschaft , welche der wachthabende Leutnant von Hartenstein für den ihm befreundeten Pfarrer eines Hartensteinschen Gutes übernahm , verdoppelte das Mißtrauen ; der in der Binde ruhende Arm , die Totenblässe , der Angstschweiß auf seiner Stirn steigerten das Mißtrauen zum gegründeten Verdacht , und so würde der friedliche Pfarrherr von Werben , zum Lohn für seine loyale Demonstration , die Nacht als roter Hartenstein in den Kasematten verbracht haben , hätte sein guter Stern nicht , zum Empfang des mit dem erwarteten Zuge zurückkehrenden Generals , seinen Kommandeur auf den Bahnhof geführt , dessen Zeugnis sich denn der bürgerliche Wächter der Sicherheit wohl oder übel beugen mußte . Hatte auf seinem Abendgange Dezimus sich nun mit den innerlichen Sturmgeistern notdürftig auseinandergesetzt , so galt es nunmehr , während der nächtlichen Heimfahrt mit dem nüchternen Hausgeist Vernunft zu einem Ziel zu gelangen . Was sollte und wollte er zunächst ? Die Flüchtigen suchen . Aber wo sie finden vor dem unseligen Geschehnis des morgenden Tages ? Bei Sidonien , bei Lydia ? Gewiß nicht . Die Gefahr des Entdeckt- und Aufgehaltenwerdens war in der Heimat größer als anderwärts , abgesehen von der Schwierigkeit , morgen bei hellem Tage unbemerkt den Ort des Stelldicheins zu erreichen . In dessen Nähe würden sie ohne Zweifel weilen . Und da war denn der Zug , mit dem er fuhr , ein Eilzug , der , gegen sein Erwarten , Winters in dem stillen Badedorfe nicht anhielt . Hatte die Fahrt dem Ungeduldigen bereits eine Ewigkeit gedünkt , so mußte er nun noch bis zu der nächsten Stadt dampfen und von da aus nahezu eine Meile zu Fuß rückwärts wandern . Er kannte und liebte die Gegend , sie war ja sein Heimatstal . Wie so manchesmal hatte er singend und pfeifend die maifrischen Buchenwälder durchstreift , wenn nach einer lustigen Fahrt die Kommilitonen der nachbarlichen Universitäten auf der Ruine Pfingsten feierten ; wie so manchesmal als stillvergnügter Gesell inmitten der lautvergnügten , an der Tafel des einzigen Wirtshauses im Badedorfe kommersiert ! Heute ist es nebeldicke Novembernacht , der Wald , dessen Saum entlang er schreitet , streckt die entlaubten Äste wie dürre Gerippenarme ihm entgegen ; in diesem Walde aber soll , wenn es Mittag geworden , ein blutiges Werk vollbracht werden , an welchem er teil hat wie an einem eigensten Geschick , und wenn er an das Tor des Gasthauses klopft , geschieht es , um ein verzweifelndes Weib zu finden , das nach einer mutigen Liebestat unter