so frevelhaft gemordet ! Wenn er , er selber es wäre , wenn er so daläge , hülflos mir hingegeben ! dachte sie . Tödtlicher Haß und das heiße Verlangen , sich zu rächen , schwelgende Erinnerungen und Erbarmen mit dem eigenen Leide bedrängten sie , und es dünkte sie ein Fluch , daß sie den Haß kennen lernen , daß die Verachtung statt der Liebe in ihr lebendig geworden war . Dann wieder fühlte sie sich plötzlich über alle Trübsale fortgetragen , leicht und frei . Sie konnte auf ihre Vergangenheit zurückblicken wie auf eine abgelegte Hülle , die ihr fern lag , sie fühlte sich durch ihr Denken und Thun weit über sie hinausgehoben , und doch blutete ihr das Herz , doch schwammen ihre Augen in Thränen ; denn wie sie auch danach rang , sich neu aufzuerbauen , - es blieben ihr doch unwiederbringlich jene unschätzbaren Güter verloren , ohne welche das Menschenleben trübe wird wie ein Tag , dem die Sonne bei seinem Aufgange und Niedergange nicht leuchtet : die freudige Erinnerung an die eigene Jugend und der Glaube an das Glück der Zukunft ! Und wenn sie eine Weile den eigenen Erinnerungen und dem Schmerze nachgegeben , dann fiel der arme Paul , ihr armer Paul ihr ein . Wo mochte er weilen , wo konnte er sein ? Sie hätte hinauslaufen mögen , ihn zu suchen , aber wohin sollte sie sich wenden ? Warum war er nicht zu ihr gekommen , der er doch vertraute , die er liebte , die ihn in ihr Herz geschlossen , als dieses Herz sich an Liebe und an Freude ganz verarmt geglaubt ? Was mußte ihm geschehen sein , was mußte man ihm gethan haben , daß er ihrer nicht gedacht , daß er sie vergessen hatte ? Es war ihr , als müsse sie ihn rufen , als könne er gar nicht ausbleiben , wenn sie ihn nur riefe ; aber hier , an diesem Lager , durfte sie ihn nicht rufen , nicht seinen Namen nennen , denn hier , in ihrem Schutze , sollte die Gräfin Berka , die schöne Frau des Freiherrn von Arten , Ruhe finden , die Frau , um deretwillen die Mutter Paul ' s die sonnige Erde verlassen und sich begraben hatte in des Wassers kalte , dunkle Tiefe . Wie aber , wenn auch Paul wirklich nicht mehr auf der Erde weilte ? dachte sie ; wenn auch seinen schönen jungen Leib die Wellen verschlungen hätten , wenn seine Augen , in deren hoffnungsreiche Fröhlichkeit sie sich so gern versenkt , gebrochen wären , wenn die Fluth ihn jetzt schon mit sich trüge weit hinaus , hinaus ins Meer ! Ihr graute vor der Vernichtung seiner jugendlichen Schönheit - ihr graute vor dem Tode . Und schwebte nicht vielleicht auch über dem stolzen , blonden Haupte , das hier vor ihren Augen schlummerte , schon des Todes Sichel ? War denn jetzt Alles dem Untergange geweiht ? Sie neigte sich leise zu der Kranken hernieder , um zu hören , ob sie athme , da schlug Angelika matt die Augen auf und blieb mit dem träumerischen Blicke an Seba haften . Sie konnte sich nicht besinnen , wo sie war , sie schaute Seba mit Befremdung an , aber ihre Miene wurde dabei immer freundlicher , und beide Hände faltend , bewegte sie leise ihre Lippen . Seba kniete nieder , um ihre Worte zu verstehen . Die Baronin schien das mit Ueberraschung zu gewahren . Sie faßte nach Seba ' s Hand ; ein leises Ach ! entfloh ihrem Munde , da sie dieselbe berührte , und mit schmerzlicher Klage sagte sie : Ich lebe also noch ? Ja , Gott sei Dank , Sie leben ! rief Seba . Gott sei Dank , Sie leben ! wiederholte sie , von einer Rührung ergriffen , die sie nicht bemeistern konnte , und Sie werden leben bleiben ! Die Baronin legte ihre Hand matt und langsam auf das Haupt der Knieenden . Ich bin sehr müde , seufzte sie , und die Augen schließend , während sie Seba ' s Hand in der ihrigen hielt , bat sie : Gehen Sie nicht von mir , es ist mir wohl in Ihrem Schutze ! Theure , theure Frau ! rief Seba , indem sie die Hand der Kranken an ihre Lippen preßte und heiße Thränen ihre Augen füllten . Was haben Sie ? fragte die Kranke ängstlich . Aber Seba nahm sich schnell zusammen . Nichts , nichts , sagte sie . Ich bin so glücklich , daß Sie Ruhe finden , daß Sie mich um sich haben mögen ! Angelika drückte ihr die Hand , und aufs Neue nahm der Schlummer der Ermattung sie gefangen . Seba aber saß still und regungslos an ihrem Lager . Sie dachte des Uebels nicht mehr , das der Bruder dieser Frau ihr gethan , weil sie jetzt der Schwester liebend beistand ; sie vergaß des eigenen Unglücks über dem Leiden dieser Frau , und wie Wolken sich bilden und vergehen , sich formen und ihre Formen wechseln , daß man nicht weiß , wofür man sie zu halten und wie man sie zu deuten hat , während doch das Auge und der Sinn sich nicht von ihnen abzuwenden vermögen : so zogen an ihrem Geiste die Gestalten des Grafen und des Freiherrn , Angelika ' s und Herbert ' s und der Geschwister aus dem Amthause vorüber , und dazwischen dachte sie des Knaben , dem sie so viel verdankte und dem sie von ganzem Herzen zu vergelten gewünscht . Wie komme ich , eben ich denn gerade in diesen Menschenkreis ? Weßhalb laufen alle diese Schicksalsfäden in dem Bereiche zusammen , den ich übersehe ? Und was kann , was soll ich thun inmitten dieser Menschen ? Ich , die ich selbst unglücklich und ohne alle Hoffnung bin ? fragte sie sich immer und immer wieder . Da