Gefühle der Fremdheit hielt sie sich in ihrem Hause verschlossen . Am andern Tage , als der Schulmeister zu erkennen gab , daß er nun seinen Schmerz in der Einsamkeit allein mit seinem Gott überwinden wolle , schickte ich mich an , mit der Mutter nach der Stadt zurückzukehren . Vorher ging ich zur Judith und fand sie beschäftigt , ihre Bäume zu mustern , da die Zeit wieder gekommen war , wo man das Obst einsammelte . Der Herbstnebel traf gerade heute zum ersten Mal ein und verschleierte schon den Baumgarten mit seinem silbernen Gewebe . Judith war ernst und etwas verlegen , als sie mich sah , da sie nicht recht wußte , wie sie sich zu dem traurigen Erlebnis stellen sollte , während sie doch schon die Zeit vor sich sah , wo ich mich wenigstens so lange ihr ohne Rückhalt hingeben konnte , bis das Leben mich weiterführte . Ich sagte aber ernsthaft , ich wäre gekommen , um Abschied von ihr zu nehmen , und zwar für immer ; denn ich könnte sie nun nie wiedersehen . Sie erschrak und rief lächelnd , das werde nicht so unwiderruflich feststehen ; sie war bei diesem Lächeln so erbleicht und doch so freundlich , daß dieser Zauber mich beinahe umkehrte , wie man einen Handschuh umkehrt . Doch ich bezwang mich und fuhr fort daß es ferner nicht so gehen könne , daß ich Anna von Kindheit auf gern gehabt , daß sie mich bis zu ihrem Tode wahrhaft geliebt und meiner Treue versichert gewesen sei . Treue und Glauben müßten aber in der Welt sein , an etwas Sicheres müßte man sich halten , und ich betrachte es nicht nur für meine Pflicht , sondern auch als ein schönes Glück , in dem Andenken der Verstorbenen , im Hinblick auf unsere gemeinsame Unsterblichkeit , einen so klaren und lieblichen Stern für das ganze Leben zu haben , nach dem sich alle meine Handlungen richten könnten . Als Judith diese Worte hörte , erschrak sie noch mehr und wurde zugleich schmerzlich berührt . Es waren wieder von den Worten , von denen sie behauptete , daß niemals jemand zu ihr welche gesagt habe . Heftig ging sie unter den Bäumen umher und sagte dann » Ich habe geglaubt , daß du mich wenigstens auch etwas liebtest ! « » Gerade deswegen « , erwiderte ich , » weil ich wohl fühle , daß ich heftig an dir hange , muß ein Ende gemacht werden ! « » Nein , gerade deswegen mußt du erst anfangen , mich recht und ganz zu lieben ! « » Das wäre eine schöne Wirtschaft ! « rief ich , » was soll dann aus Anna werden ? « » Anna ist tot ! « » Nein ! Sie ist nicht tot , ich werde sie wiedersehen , und ich kann doch nicht einen ganzen Harem von Frauen für die Ewigkeit ansammeln ! « Bitter lachend stand Judith vor mir still und sagte : » Das wäre allerdings komisch ! Aber wissen wir denn , ob es eigentlich eine Ewigkeit gibt ? « » So oder so « , erwiderte ich , » gibt es eine , und wenn es nur diejenige des Gedankens und der Wahrheit wäre ! Ja , wenn das tote Mädchen für immer in das Nichts hingeschwunden und sich gänzlich aufgelöst hätte , bis auf den Namen , so wäre dies erst ein rechter Grund , der armen Abwesenden Treue und Glauben zu halten ! Ich habe es gelobt , und nichts soll mich in meinem Vorsatz wankend machen ! « » Nichts ! « rief Judith , » o du närrischer Gesell ! Willst du in ein Kloster gehen ? Du siehst mir darnach aus ! Aber wir wollen über diese heikle Sache nicht ferner streiten ; ich habe nicht gewünscht , daß du nach der traurigen Begebenheit sogleich zu mir kommest , und habe dich nicht erwartet . Geh nach der Stadt und halte dich ein halbes Jahr still und ruhig , und dann wirst du schon sehen , was sich ferner begeben wird ! « » Ich seh es jetzt schon « , erwiderte ich , » du wirst mich nie wieder sehen und sprechen , dies schwöre ich hiemit bei Gott und allem , was heilig ist , bei dem bessern Teil meiner selbst und - « » Halt inne ! « rief Judith ängstlich und legte mir die Hand auf den Mund ; » du würdest es sicher noch einmal bereuen , dir selbst eine so grausame Schlinge gelegt zu haben ! Welche Teufelei steckt in den Köpfen dieser Menschen ! Und dazu behaupten sie und machen sich selber weis , daß sie nach ihrem Herzen handeln . Fühlst du denn gar nicht , daß ein Herz seine wahre Ehre nur darin finden kann , zu lieben , wo es geliebt wird , wenn es dies kann ? Du kannst es und tust es heimlich doch , und somit wäre alles in der Ordnung ! Sobald du mich nicht mehr leiden magst , sobald die Jahre uns sonst auseinanderführen , sollst du mich ganz und für immer verlassen und vergessen , ich will dies über mich nehmen ; aber nur jetzt verlaß mich und zwinge dich nicht , mich zu verlassen , dies allein tut mir weh , und es würde mich wahrhaft unglücklich machen , allein um unserer Dummheit willen nicht einmal ein oder zwei Jahre noch glücklich sein zu dürfen ! « » Diese zwei Jahre « , sagte ich , » müssen und werden auch so vorübergehen , und gerade dann werden wir beide glücklicher sein , wenn wir jetzt scheiden ; es ist nun gerade noch die höchste Zeit , es , ohne spätere Reue und das Bisherige gutzumachen , zu tun . Und wenn ich dir es deutsch heraussagen soll , so wisse , daß ich mir auch dein Andenken , was immer ein Andenken der Verirrung für