Sie , sagte Schlurck . Ich habe eine große Bibliothek und gelte für einen Literaturfreund . Allein ich sammle und steigere meist auf die Werke , die die berühmten Autoren gern von sich verstecken möchten . Die allgefeierten Schriften belehren mich lange nicht so wie die mislungenen . Und ohne nun sagen zu wollen , Nadasdi wäre mislungen - Sie haben keine Zeit , sagten Sie , und spotten so behaglich ? bemerkte Pauline und drohte mit dem Finger - Ohne sagen zu wollen , wiederholte Schlurck sehr nachdrücklich , Nadasdi wäre mislungen , so fehlt ihm gerade deshalb die künstlerische Abrundung , weil Sie zuviel von sich selbst gegeben haben . In der Amarantha hör ' ich , daß Sie , schlimme Frau , Andere geschildert haben - Andere kenn ' ich genug - die Familie der Andern , ach , die ist so groß ! Aber Sie , Sie in Ihrer Unruhe , Ihrer Sehnsucht , Ihrem Bedürfniß nach Anlehnung , Sie hab ' ich in Nadasdi gefunden . Ich sah eine Frau , von der ich wußte , warum sie liebt . Sie lieben deshalb , weil Ihnen die männliche Ergänzung Bedürfniß ist und wer mir gesagt hat , Sie wären von einem männlichen Geiste , dem hab ' ich geantwortet : Nein , diese Frau ist ganz Weib und wenn man ' s nicht glauben will , so lese man den Nadasdi . Schlimmes Compliment ! antwortete Pauline überrascht von Schlurck ' s Artigkeit , hinter der ihr etwas verborgen schien . Sie wollen doch wol nur andeuten , daß wir nichts ohne die Männer vermögen und daß wir , wenn wir einmal selbst etwas schaffen wollen , höchstens einen misrathenen Roman zu Stande bringen ? Vergebung , sagte der Justizrath halb und halb beistimmend und das Bittere seiner Äußerung durch einen Handkuß überzuckernd , ich wollte nur sagen , warum ich die berühmten Schriftsteller gern aus den Werken studire , die sie nicht gesammelt haben . Ich komme darauf zurück , daß über die Stellung , die das Herz zu unserm Jahrhundert einnimmt , doch wol die Damen entscheiden mögen . Nun aber der Geist ? sagte Pauline . Sie vergessen die Erklärung des Widerspruchs , in dem die kleinen Cirkel über jene Angelegenheiten befangen sind . Beste gnädigste Freundin , sagte Schlurck , der Geist ist ein Chamäleon oder einer jener delicaten Fische des Alterthums , der sich in italienischen Seen finden soll und über dessen Geschmack ich nichts sagen kann , ebensowenig wie über seine zweckmäßigste Zubereitung . Dieser Fisch aber , soviel weiß ich , meine Beste , hatte die curiose Eigenschaft , daß er , gekniffen und gemartert , in hundert Farben spielte . Über den Magen , über das Herz ist man einig ; man weiß , daß speisen und lieben oder , um mich anständiger auszudrücken , geliebt werden in dieser Beziehung die befriedigendsten Seligkeiten gewähren , aber der Geist , dessen Nahrung , dessen Befriedigung , darüber rennen sich die Behälter des Geistes , die Köpfe , blutig aneinander . Was im Mittelalter Geist war , nun wohl , das wußte man damals , es war Religion und Scholastik . Was in der Reformation Geist war , das wußte man auch , es war Bibelerklärung und hebräisches Wortgeklaube . Was im vorigen Jahrhundert Geist war , das kannte man unter dem Namen Esprit , Voltaire , Hume . Aber was jetzt Geist ist , gnädige Frau , was jetzt dem Einen tief , dem Andern oberflächlich erscheinen soll , darüber herrscht mehr Anarchie als in der Gesetzgebung über die Einreden und Verjährungen . Erstaunen Sie nicht , die kleinen Cirkel halten es geradezu für geistreicher , der Commune den Sieg in dieser Frage zu gönnen als dem Fiscus . Für geistreicher ? wiederholte Pauline lachend . Das zu fassen , bin ich zu geistesarm . Romantischer , sagen Sie ! Meine Beste , fuhr Schlurck fort , der an Paulinen oft gemerkt hatte , daß sie sich belehren ließ ; sehen Sie , das ist etwas , was sich mehr fühlen als beschreiben läßt . Ich will Ihnen eine Analogie sagen . Wenn ich Caviar esse , den ich sehr liebe , falls er im Rathskeller frisch und hübsch großkörnig angekommen ist ... wenn ich Caviar esse und der grüne Römer , mit Rüdesheimer gefüllt , steht vor mir und man fängt an zu streiten über Das , was wahrer sei : der Ausspruch eines Weisen oder der eines Narren , so gefällt mir der Narr besser . Ich höre oft feinstilige Autoren verurtheilen , weil sie bestechlich waren und mich prickelt mein Caviar und mein Rüdesheimer so , daß ich ' s laut ausrufe : Bestechlich hin , bestechlich her ! Schreibt erst so wie sie ! Tischt mir Eure Tugenden in einem Stile auf , der so glänzend ist , wie seine Laster schrieben , und dann möcht ' ich manchmal in meine Bibliothek und solchen Schwätzern gleich die ganze Sammlung von zwölf oder zwanzig prächtig eingebundenen Werken dieser angefeindeten Lebemänner an den Kopf werfen ! Ich liebe nun den Witz , die Bosheit und die schlagenden Antithesen in der Schreibart , Andere lieben das Bauschige , das Prächtige , das Rauschende , das Stoffene , Andere wieder das Harmlose , Bescheidene , Fromme , Gänseblümige , Veilchene . Aber ... Sie schildern ja unsere kritische Anarchie , Justizrath ! unterbrach Pauline . Ich schildere unsere ganze Geistesverwirrung . Sie findet sich überall , auf allen Gebieten . Das Wunderliche erscheint den Leuten wunderbar . Das Seltsame ist ihnen die Regel . Das Aparte sogar soll ihnen das Allgemeine sein . Gesinnung ! Ich höre nicht gern davon , weil nachgrade das Verlangen danach unbequem wird . Aber diese geistreichen Empfindler nennen die Gesinnung unschön . Warum ? Sie erhitzt ! Sie spricht viel ! Sie zwingt zur Kameraderie ! Sie läuft ! Sie rennt ! Sie träumt , wenn sie vom Zweikammersystem reden soll ,